29. Mai 2026

Paul McCartney - The Boys Of Dungeon Lane


Zum Jubiläum seines 20. Soloalbums - hinzu kommen 12 mit The Beatles, 8 mit Wings, 3 als Fireman (sowie diversen Alben zwischen Soundtrack, Klassik und Remix) - hat sich Paul McCartney etwas Besonderes einfallen lassen, das einerseits alle im Internet auf die Palme bringen wird, die sich bei „McCartney III“ (2020) über seine Veröffentlichungspolitik echauffiert haben, und andererseits alle Vinyl-Komplettisten Unsummen und einige Mühen kosten dürfte: „The Boys Of Dungeon Lane“ erscheint in 20 unterschiedlichen LP-Varianten!
Damit ihr bei der Qual der Wahl etwas Hilfe bekommt - und der aktuelle Metascore von 87/100 deutet darauf hin, dass sich der kauf von „The Boys Of Dungeon Lane“ lohnt - zeigen wir hier die 10 schicksten LP-Varianten:

10. Pink Vinyl - Assai Records exclusive:
9. Green Vinyl - McCartney Store & UMe Stores exclusive:
8. Gold Vinyl - Barnes & Noble exclusive:




7. White Vinyl - Amazon exclusive:




6. Purple Vinyl - TalkShopLive exclusive:
5. Pink Vinyl (Die Cut Outer Sleeve) - Jacaranda Records exclusive:




4. Picture Disc - McCartney Store & UMe Stores exclusive:




3. Black Vinyl (White Label Edition, Alternate Cover Art) - Third Man Records exclusive:


2. Yellow Vinyl (Alternate Cover Art) - Amoeba Music exclusive:




1. Black & White Splatter (Alternate Cover Art (Blue) - Blood Records exclusive:






 


McCartneys Lebenskraft brennt auf allen 14 Tracks ungebrochen, und die Freude, die er am Musikmachen findet, schimmert durch jeden Akkordwechsel. Auf „Mountain Top“ erinnert sich der ewig jung gebliebene 83-Jährige an eine entspannte Wanderung inmitten von Magic Mushrooms und Schmetterlingen – Cembalo, Bongos und Tape-Loops verstärken die psychedelische Atmosphäre. „Come Inside“ ist ein ausgelassener, handklatschender Rocker, der an „Off the Ground“ von 1993 erinnert. „Never Know“ groovt und swingst auf eine Art, die Wings um die Zeit von „Back to the Egg“ (1979) in den Sinn ruft. „Life Can Be Hard“ und „Ripples in a Pond“ sind romantische Huldigungen an die Frau in seinem Leben – eine Erinnerung daran, dass Liebe überhaupt nicht albern ist.

All diese Songs profitieren von schlichten, eleganten Arrangements, bei denen McCartney nahezu alles selbst einspielt – sein zweites Album in Folge in diesem Stil, nach dem Ein-Mann-Band-Triumph „McCartney III“ von 2020. Co-Produzent Andrew Watt, der sich in diesem Jahrzehnt durch seine Arbeit mit den Stones und Ozzy Osbourne zum wichtigsten Vertrauten des Classic Rock gemausert hat, steuert hier und da Synthesizer und Gitarren bei. Vor allem aber ist er klug genug, sich aus dem Weg zu räumen und einen der natürlich begabtesten Musiker der Geschichte sein Ding machen zu lassen. Das ist eine wohltuende Abkehr von den Bemühungen der 2010er-Jahre wie „New“ und „Egypt Station“, bei denen McCartney mehrere popaffine Kollaborateure ins Boot holte – mit wechselndem Erfolg. Er scheint begriffen zu haben, was wir uns von einem neuen Soloalbum in dieser Phase seiner Karriere wirklich wünschen: mehr McCartney.




28. Mai 2026

Ed O’Brien - Blue Morpho


Dinge, die ich gar nicht leiden kann: Wenn Künstler (in diesem Fall der Gitarrist von Radiohead) ihr erstes Soloalbum („Earth“, 2020) unter einem anderen Namen (EOB) veröffentlichen als ihr zweites („Blue Morpho“, 2026, von Ed O’Brien).  

Warum? Einerseits kommt meine Statistik bei last.fm damit ziemlich durcheinander, weil EOB und Ed O’Brien dort natürlich zwei unterschiedliche Künstler sind, andererseits stehen beide Schallplatten in meinem Plattenregal, das alphabetisch nach Künstler*innen bzw. Bands sortiert ist, weit voneinander entfernt, nämlich „Earth“ bei E (OB) und „Blue Morpho“ bei O (’Brien, Ed). 

Das war also in meinen Augen eine ziemlich unglückliche Entscheidung von Edward O’Brien. Ganz anders, als die Entscheidung, ein zweites Soloalbum aufzunehmen. Ausgangspunkt war wohl eine depressive Phase (vermutlich, weil auch er seit 10 Jahren auf neue Radiohead-Aufnahmen wartet), in der er aber den Ratschlag von Thom Yorke in die Tat umsetzte, sich während der COVID 19-Pandemie noch einmal mit alten Songideen auseinander zu setzen. 

So entstanden in seinem eigenen Studio in Wales und in den Londoner Church Studios sieben Lieder, die auch als meditative und sphärische Radiohead-Songs durchgehen könnten. Neben dem Produzenten Paul Epworth (Bloc Party, Maximo Park, Coldplay, Mumford & Sons ) und dem Tontechniker Riley MacIntyre (White Lies, The Kills, NewDad, London Grammar) war auch u.a. der Radiohead Schlagzeuger Philip Selway an zwei Songs beteiligt und sorgte der estnische Komponist Tõnu Kõrvits für die Streicherarrangements, die vom Tallinn Chamber Orchestra eingespielt wurden.

Blue Morpho“ ist als CD und LP (Black Vinyl, Cream Vinyl, Clear With Blue/Black/Orange "Butterfly" Splatter, Transparent Blue Vinyl, Orange Vinyl) erhältlich.


 


Auf insgesamt sieben Tracks befasst sich O’Brien auf BLUE MORPHO mit seinen persönlichen Befindlichkeiten. Sein Strugglen mit Süchten und Depressionen wurde während der Pandemie zu einem besonderen Thema, dem er sich nun auch musikalisch zuwendet. Wie klingt das? Sphärisch, würde ich sagen. Und komplex. Als würde man in seinem Kopf umhertapsen, auf der Suche nach Liebe und Antworten. Und ja – man hört eine gewisse Radiohead-Haftigkeit heraus. Das Flehende, Dringliche nimmt Raum ein.

(…) „Sweet Spot“ gefällt mir am besten. Es hat etwas von der schönsten Phase der Beach Boys. Den Rest des Albums in der Badewanne zu hören ist bestimmt kein Fehler, wenn man sich in interessante Gedanken verlieren will.




27. Mai 2026

Rostam - American Stories


Vom einen Super-Produzenten direkt zum nächsten, von Jack Antonoff (Taylor Swift, Lana Del Rey, Lorde) zu Rostam Batmanglij (Vampire Weekend, Haim). 

Denn auch Batmanglij veröffentlicht, wie Antonoff, auch eigene Musik. Zunächst als Mitglied von Vampire Weekend, nach seinem einvernehmlichen Ausstieg aus der Band 2016, durch den er sich hauptsächlich auf seine Tätigkeit als Musikproduzent fokussieren wollte, auch solo. Unter dem Mononym Rostam brachte er bisher „Half-Light“ (2017) und „Changephobia“ (2021) heraus und lässt nun „American Stories“ folgen. 

Die Ähnlichkeiten zu Vampire Weekend sind mir auf seinen vorherigen Alben nicht so stark ins Auge (odergenauer: Ohr) gestochen, wie hier auf Songs wie „To Feel No Way“ oder „The Weight“. Dafür sorgen neben seiner Produktiuon sicherlich auch die Streicherarrangements und die perkussiven Rhythmen. Aber „American Stories“ hat auch Neierungen zu bieten, denn Rostam reagiert auf die geopolitischen Unruhen als US-Amerikaner mit iranischen Wurzeln. Und so lässt er Americana- und Country-Klänge auf mikrotonale orientalische Melodien treffen, verbindet den Sound der Pedal Steel Guitar mit dem der Saz, einer traditionellen Langhalslaute. Eingespielt wurde diese vom iranisch-amerikanischen Musiker Amir Yaghmai („Forgive Is To Know“). Auch im Studio war Clairo, für die Rostam Batmanglij bereits produzierte, um beim Song „Hardy“ mitzusingen. Ähnlich wie es Jack Antonoff bei seinen letzten Veröffentlichungen mit den Bleachers handhabte, hat auch Rostam das Album komplett selbst geschrieben, arrangiert und produziert, es jedoch mit einer mehrköpfigen Band im Studio einspielte.


 


Persische Klangelemente und Pedal Steel: Das matcht nicht nur in „Different Light“ erstaunlich gut. Eigenwillig berührend auch der Song „Hardy“, in dem der iranisch-amerikanische Musiker Amir Yaghmai an der Violine zu hören ist. Der verspielte Stil erinnert an Vampire Weekend, für die Rostam Ende der Zehnerjahre noch mal tätig war. Auch die melancholische Stimmung des Albums, das mit „The Weight“ einen tollen Abschluss findet, erinnert an seine alte Band. Es geht um Vergebung, Freiheit, Liebe und inwiefern all das etwas miteinander zu tun hat.




26. Mai 2026

Bleachers - Everyone For Ten Minutes


„Am Anfang habe ich immer Pläne, will mal Pet Shop Boys oder sonst wer sein,“ sagt Jack Antonoff im Interview mit dem Musikexpress, lässt mein Herz höher schlagen und auf ein großartiges Synthpop-Album hoffen. Doch leider war der Satz noch nicht zu Ende und er zerstört meine Hoffnung mit folgender Ergänzung: „… und mitten im Prozess vergesse ich diese Ideen komplett.“

Also keine Pet Shop Boys sonder sonst wer. Und damit scheint hauptsächlich Bruce Springsteen, aber auch The Killers, Vampire Weekend oder The 1975 gemeint zu sein. Saxofon-Gedudel sorgt für einen 80er Jahre Touch auch ohne Clarence Clemons („The Van“, „Dirty Wedding Dress“), der unsäglich Vocoder verortet das Album im Hier und Jetzt („We Should Talk“) und die üppige und vielschichtige Produktion („You And Forever“) erklärt, warum Jack Antonoff als Produzent für Taylor Swift, Lorde, Lana Del Rey, St. Vincent, Pink oder Florence And The Machine tätig war. 

„Everyone For Ten Minutes“ ist das fünfte Album seiner Band Bleachers, auch wenn Antonoff 10 der 11 Songs im Alleingang komponierte, allein als Produzent fungierte und die Texte seine persönlichen Meilensteine (wie die Ehe mit Margaret Qualley), Trauerbewältigung und die Sehnsucht nach echter, analoger menschlicher Verbindung wider spiegeln. Analog sind auch eine der Veröffentlichungen: CD, Kassette und LP (Black Vinyl, White Vinyl, Clear Vinyl, Lilac Vinyl, Black And White Vinyl).

Laut Metacritic ist das aktuelle Album das beste der Bleachers, wenn auch auf einem überschaubaren Niveau: „Strange Desire“ (2014; 68/100), „Gone Now“ (2017; 71/100), „Take The Sadness Out Of Saturday Night“ (2021; 71/100), „Bleachers“ (2024; 68/100) und „Everyone For Ten Minutes“ (2026; 74/100).


Starting strong with ‘sideways’ and ‘the van’, the album jumps straight back into the sound which they refined in their 2024 self-titled album – sonically rich, layered with synths, saxophones and soothing harmonies. (…)
Clearly love struck, Antonoff litters ‘everyone for ten minutes’ with shameless love songs – ‘i’m not joking’, ‘take you out tonight’ and ‘you and forever’ all include infectious choruses and welcome cliches, “I’m not joking / it was love at first sight / good lord I found you”.
Covering everything from devotion and marriage to grief and death, with instruments ranging from electric guitars to glockenspiels, ‘everyone for ten minutes’ is a bold creation – equal parts solemn and uplifting. 


 


 




25. Mai 2026

Aldous Harding - Train On The Island


Das beste Album des Monats heißt „Train On The Island“ und stammt von Aldous Harding. Das behauptet zumindest der Musikexpress:

Train on the Island klingt nie zu bequem, es verbittet sich Beiläufigkeit. Nein, die Ruhe hier ist keine zum Zurücklehnen, es wird eher hypnotisch – wie im Opener „I Ate The Most“ – und gleichzeitig fragt man sich immer wieder: Was hat sie da gerade gesungen? Und: Was hat sie da gerade gemacht? Takt, Rhythmen – alles nur Bauteile, mit denen man herumspielen kann, um die Zuhörer:innen zu überraschen. Melodien und Harmonien verschieben sich, Harding bringt uns damit an unerwartete Orte, die gleichermaßen unbekannt und seltsam vertraut sind.

Vielleicht kommt dieses Gefühl der Vertrautheit vom detailverliebten Worldbuilding: Harding ist eine Geschichtenerzählerin, die das Talent hat, alle in diesen Kosmos zu ziehen, den sie baut. Auch wenn nicht ganz klar ist, wohin sie uns führen wird. Sie verkörpert verschiedene Charaktere, wechselt den Akzent und passt ihr Vokabular an. Wie das klingt? Zum Beispiel wie „One Stop“, die Leadsingle von Train on the Island. Eine Klaviermelodie, die an Kinderlieder erinnern könnte, würde darüber nicht diese zusätzliche Schicht an Nervosität und Unruhe liegen. Verschiedene Protagonist:innen erzählen von unangenehmen Begegnungen – zum Beispiel mit John Cale. (…)

Wer ist Aldous Harding eigentlich genau? Wir werden es wohl nie erfahren. Mit Train on the Island verrät sie es uns auch nicht – hinterlässt uns aber ihr womöglich stärkstes Album.

Mit dieser Meinung steht der Musikexpress übrigens nicht allein da, denn auch bei Metacritic trumpft das fünfte Album der Neuseeländerin auf: Ein Metascore von 87/100 bringt sie punktgleich mit Mitski und Dry Cleaning auf Platz 6 der Jahresbestenliste.

Das aus zehn Titeln bestehende Album wurde gemeinsam mit ihrem langjährigen Weggefährten John Parish (PJ Harvey, Dry Cleaning, Sparklehorse) in den Rockfield Studios in Monmouth, Wales, produziert – jenem Ort, an dem die beiden bereits Hardings frühere Alben „Party“ (2017), „Designer“ (2019) und „Warm Chris“ (2022) aufgenommen hatten. Die musikalischen Beiträge zu den neuen Aufnahmen stammen von Pedal-Steel-Spieler Joe Harvey-Whyte, Harfenistin Mali Llywelyn, Synthesizer-Künstler Thomas Poli, Schlagzeuger Sebastian Rochford (Polar Bear) sowie H. Hawkline an Bass, Akustik- und E-Gitarre, Orgel sowie Gesang auf „Venus In The Zinnia“ und „Coats“.

Train On The Island“ ist als CD und LP (Black Vinyl, Blue Vinyl, Red Vinyl, Copper Metallic Vinyl) über 4AD erschienen.

Aldous Harding live in Deutschland:
19. Juni 2026 Hamburg, Große Freiheit 36
21. Juni 2026 Berlin, Huxleys
06. Juli 2026 München, Muffathalle
11./12. Juli 2026 Köln, Tanzbrunnen


 





23. Mai 2026

Broken Social Scene - Remember The Humans


Wer das Glück hat, am 19. September in Berlin zu sein, der sollte abends in die Columbiahalle sehen, um dort einen kanadischen Abend der besonderen Form zu erleben. Denn mit Metric, Stars und Broken Social Scene kommen gleich drei bekannte Bands aus diesem Land nach Deutschland. Leider jedoch nur zu einem Konzert.

Broken Social Scene wurden wurde 1999 von Kevin Drew und Brendan Canning in Toronto gegründet und wuchsen zu einem gigantischen, dynamischen Musikerkollektiv heran. Das einstige Instrumental-Projekt wurde im Laufe der Jahre von zahlreichen Sängerinnen, wie Feist (hier auf „What Happens Now“ deutlich zu hören) oder aktuell hauptsächlich Hannah Georgas unterstützt, aber auch von Emily Haines und Amy Millan, die an diesem Abend sicherlich nicht nur in ihren eigenen Bands Metric und Stars singen werden.

Nach fast neun Jahren Funkstille gibt es nun mit „Remember the Humans“ ein neues Studioalbum von Broken Social Scene zu hören. Es ist das insgesamt sechste der Band und wurde selbstverständlich wieder über Arts & Crafts Productions veröffentlicht, und zwar als CD und LP (Black Vinyl, Clear Vinyl, Light Blue, Rose & White Splatter Vinyl, Clear with White Marble Vinyl, Cream White Vinyl). Als Produzent kehrt David Newfeld zurück, der sich bereits für die ersten drei Alben von Broken Social Scene verantwortlich zeichnete. Während der Aufnahmen verloren sowohl Kevin Drew als auch Newfeld ihre Mütter. Diese geteilte Trauer floss tief in die emotionale Ehrlichkeit des Albums ein, dass auch über den Verlust an Möglichkeiten in einer sich rapide ändernden Welt reflektiert. 

Bei Metacritic stehen aktuell stolze 81/100 Punkten für „Remember The Humans“ zu Buche. Da auch Metric bereits dieses Jahr ein neues Album veröffentlichten, besteht die Hoffnung, dass Stars diese Serie in den kommenden sieben Monaten noch vervollständigen.


Neun Jahre nach „Hug Of Thunder“ liefern BSS ein vielstimmiges, pompös-filigran orchestriertes Meisterwerk voller überraschender Klangfarben, Soundschichten und Bedeutungsebenen ab. Einzigartig arrangierte Bläser mäandern durch das verträumte „And I Think Of You“ oder den Dance-Track „The Call“, ein Bass nimmt raffiniert ein Motiv aus der TripHop-Fantasie „The Briefest Kiss“ mit ins zartbittere „Life Within The Ground“, es gibt Springsteen-Momente („Paying For Your Love“) und Songs, die Feist (das impressionistische „What Happens Next“) und Hannah Georgas (die Pop-Kostbarkeit „Only The Good I Keep“) zu ihren eigenen machen. Ein Album für die Jahresbestenlisten!


 


 


 





22. Mai 2026

10 Schallplatten, die uns gut durch den Juni bringen


10. Rose McDowall - Cut With The Cake Knife (Red And Black Marble Vinyl) 26.6.2026






9. Big Special - O'Joy! EP (Black Vinyl)  5.6.2026






8. The Real People - The Real People (35th Anniversary) (180g) (Limited Edition) (Purple Vinyl) 5.6.2026






7. Embrace - Avalanche (Avalanche Red & White Swirl Vinyl) 12.6.2026





6. Fury In The Slaughterhouse - Changes (Limited Edition) (Orange/Yellow Splatter Vinyl) 26.6.2026





5. Death Cab For Cutie - I Built You A Tower (Indie Exclusive) (Frosted Teal Vinyl) 5.6.2026






4. The Veils - Fragile World (Pale Blue Dot Vinyl) 19.6.2026





3. Klez.E - Einmal mehr mit Dir gegen die Furcht (Red Vinyl) 12.6.2026






2. Muse - The Wow! Signal (Limited Edition) (Translucent Red & Black Marbled Vinyl) 26.6.2026






1. The Boo Radleys - In Spite Of Everything (Blue Vinyl) 1.5.2026







19. Mai 2026

The Haunted Youth - Boys Cry Too


Der Albumtitel und das Plattencover lassen die Vermutung zu, dass Joachim Liebens einerseits ein Fan von The Cure ist und dass er andererseits im Verlauf der Entstehung seines zweiten Albums unter Liebeskummer und Trennungsschmerz litt.

Aufgrund der musikalischen Einflüsse von Robert Smith und der thematischen Auseinandersetzung mit psychischen Problemen und Depressionen sollte also klar sein, dass The Haunted Youth bei den vorliegenden 11 Songs, die Titel wie „Deathwish“, „Hurt“, „Falling To Peaces“ oder „Murder Me“ tragen, eher der dunklen Seite des Mondes zugetan sind. Joachim Liebens und seine Mitstreiter setzen auf schwelgerische Synthesizern, stark verhallte Gitarrenwänden und seinen melancholischem, oft verletzlichem Gesang. 

Freunde von Dream-Pop, Shoegaze und Psychedelc-Rock (oder von The Cure, DIIV, My Bloody Valentine und Slowdive) können sich darauf freuen, dass „Boys Cry Too“ (White Vinyl, Black Vinyl) stärker ist als das vor vier Jahren veröffentlichte „Dawn Of The Freak“, das mit 7,125 Punkten knapp unsere Top 100 verpasste. Das sollte sich diesmal ändern. Schon allein deshalb, damit der Junge nicht weinen muss.


Kein Wunder, dass Bands wie My Bloody Valentine hier Pate standen und als Inspiration genannt werden. Zarte, von den 80ies inspirierte Momente gibt es immer noch, zum Beispiel auf „Hurt“. Aber es dominieren die lauteren Augenblicke wie direkt im Anschluss zum Beispiel „Murder Me“. Die Songtitel wie „Death Wish“, „Falling To Pieces“ oder, ganz offensichtlich, „Emo Song“ verraten schon: Emo is not dead.


 


 




18. Mai 2026

Lykke Li - The Afterparty

 

Mit neuer Musik von Lykke Li war trotz Babypause zu rechnen: Einerseits tauchte sie 2024 im Soundtrack zum Film „Damsel“ mit ihrer Interpretation des Cash-Songs „Ring Of Fire“ auf und ließ dieser Fremdkomposition im folgenden Jahr eine „Covers“ EP (mit „Stand By me“, „Into My Arms“ und „LOve Hurts“) folgen. Andererseits erschienen ihre letzten drei Alben immer im Rhythmus von vier Jahren („I Never Learn“ (2014), „So Sad So Sexy“ (2018) und „Eyeye“ (2022)) und genau diese sind mittlerweile erneut verstrichen.

Es war also Zeit für das sechste Studioalbum der Schwedin. Dieses fällt recht kurz und knapp aus (9 Songs in knapp 25 Minuten), trägt den Titel „The Afterparty“ und beschreibt die vernebelten, verletzlichen Stunden einer fortlaufenden Party gegen 4 Uhr morgens, kurz vor dem harten emotionalen Kater und beschäftigt sich mit Themen wie Scham, Rachegelüsten, Vergänglichkeit und der Suche nach Sinn inmitten des emotionalen Chaos einer durchzechten Nacht. 

Lykke Li fungierte selbst als Produzentin, jedoch immer mit wechselnden Partnern, wie etwa Björn Ytlling, der seit ihren Anfangstagen mit ihr zusammenarbeitet, David Andrew Sitek von TV On The Radio oder Rick Nowels (Madonna, Dido, Lana Del Rey). Zusammen mit Justin Parker (Lana Del Rey, Bat For Lashes, Rihanna) fungierten diese auch als Partner beim Komponieren. Im Studio fand sich auch ein 17-köpfiges Streicher-Orchester ein, so dass  es bei den opulenten und melancholischen Arrangements nicht verwundert, dass weiter oben bereits der Name Lana Del Rey doppelt genannt wurde. Lykke Li selbst erwähnt bei den Einflüssen „Bitter Sweet Symphony“ von The Verve und beschreibt den Sound „ein bisschen wie ABBA, wenn ABBA eine Menge LSD genommen hätte“, womit auf die elektronischen, tanzbaren Songs angespielt wird.
 
„The Afterparty“ ist als CD und LP (Black Vinyl, Clear Vinyl, Translucent Light Blue Vinyl) erhältlich.


 


“Happy Now” and “Lucky Again” both lean into the pop dance floor with bright arrangements that feel just slightly out of reach. You can hear the joy, but you don’t quite trust it. Midway through “Future Fear” is woozy and jittery in a Boards of Canada kind of way, pulling the listener through an uncomfortable haze. Then “So Happy I Could Die” captures a fleeting, almost embarrassing intensity of feeling too much at once.
By the closing stretch, the comedown settles in. “Sick Of Love” and “Knife In The Heart” feel slightly heavier, like the night is finally catching up with her and when “Euphoria” arrives it’s stripped back and quiet despite alluding to being the last song at a party that you don’t want to end.




13. Mai 2026

Lambert - I Am Not Lambert


I Am Not Lambert“ - doch, ist er, auch wenn Lambert hier seine bekannte sardische Stiermaske abzunehmen scheint. Und auch wenn wir hier teilweise Gesang hören. 

Beim Opener „Spirit“ ist er es tatsächlich sogar selbst, der singt. Wenn auch unter Zuhilfenahme eines Vocoders und in einer Art Kauderwelsch, das ursprünglich als Platzhalter für eine andere Stimme dienen sollte, Lambert aber dann doch gefallen haben muss. Für drei weitere der insgesamt 14 Titel hat sich der in Berlin lebender Pianist, Komponist und Produzent aus Hamburg teils prominente Unterstützung am Mikrofon besorgt: Auf die Zusammenarbeit  mit Dekker („The Sum“) hätte man schon fast Geld setzen können, schließlich nahmen sie bereits 2018 zusammen ein Album („We Share Phenomena“) auf. Auch der Name Rob Goodwin hätte keine gute Quote gebracht, denn dessen im letzten Jahr veröffentlichtes Solodebüt „Peekaboo“ entstand zusammen mit Lambert. Eine weibliche Stimme hören wir auch und diese gehört Kat Frankie („So Unkind“). 
Marie-Claire Schlameus („All At Once“) am Cello, Kenny Warren („You Don’t Like Me“) an der Trompete und Ralph Heidel („The Garage“) an diversen Blasinstrumenten erweitern den Piano-Sound von Lambert, der stellenweise an Ólafur Arnalds denken lässt („Infinity’s Fortune“), häufig aber auch seiner Leidenschaft für Jazz folgt („We’ll Be Safe Here New“, „You Don’t Like Me“, „The Garage“).


 


Lambert selbst erweitert sein Repertoire durch den überschaubaren Einsatz von Elektronika und zuweilen setzt er sich auch ans Drumkit. Irgendwoher kommen dann auch noch Gitarren hinzu und gegen Ende der Scheiben pflegt Lambert dann auch sein Hobby und begibt sich in jazzige Gefilde. Das titel-gebende Statement „I Am Not Lambert“ kann da eigentlich nur bedeuten: „I Am Lamberts“ – denn so vielschichtig und multidimensional hat sich der Meister bislang noch nie präsentiert.





12. Mai 2026

Maya Hawke - Maitreya Corso


Schlechte Nachrichten für Oliver, den Maya Hawke Fanboy unter den Plattenrichtern: Der Stranger Things-Star ist seit dem 14. Februar 2024 mit dem Musiker Christian Lee Hutson verheiratet.

Aber auch gute Nachrichten für Oliver, der an Maya Hawke gern Bonus Punkte verteilt: Die Schauspielerin und Musikerin hat mit „Maitreya Corso“ Anfang des Monats ihr viertes Studioalbum veröffentlicht.

Das Album umfasst 13 Songs, die sich zwischen Folkpop, Indiepop und Pop bewegen und auch nicht vor dem Gebrauch von einer Art Sprechgesang und Stimmverzerrer zurück schrecken. Es entstand in den New Yorker Reservoir Studios sowie den Dreamland Recording Studios und zwar erneut in Zusammenarbeit  mit ihrem (mittlerweile) Ehemann Christian Lee Hutson sowie Jonathan Low (The National, Taylor Swift) als Produzenten.

Maitreya Corso“ ist abwechslungsreicher und experimentierfreudiger als ihre früheren Werke und nicht so schlecht, dass einem die Haare zu Berge stehen müssten, wie es das von Maya Hawke selbst gemalte Plattencover vermuten ließe. Auf den Doppel-Vinyl Varianten (Black Vinyl, Sea Blue Vinyl, Baby Blue + Bone Vinyl, White/Orchid/Sky Blue Vinyl) lässt sich das Gemälde noch besser bewundern. Für Musikvideos war - möglichwerweise aufgrund der Hochzeitsvorbereitungen - keine Zeit:


 


Opener Love Of My Life is a charming, if safe, scene-setter, and Heavy Rain, for all its homely front porch warmth, feels like a footnote beside the richer tracks surrounding it. 

But Devil You Know — its chorus arriving like a statement of intent, Hawke's urgent spoken word cutting straight to the bone on nepotism, self-mythology, and creative self doubt — signals what this record is truly capable of. 

Lioness is the apex predator here, its layered harmonies unfurling as Hawke namechecks Stranger Things co-star Sadie Sink in a lyric that manages to be both deeply meta and broadly universal.


 


Perhaps it’s a net positive that Maya Hawke is experimenting a little more with her modest template, even if the quality of the execution doesn’t quite meet the excitement in the intent. But the risks taken on Maitreya Corso stand out in all the wrong ways, its twee fantasy concept functioning as a feeble portal into a world that doesn’t elicit much curiosity.



8. Mai 2026

Metric - Romanticize The Dive


Ungewöhnlich ist, dass wir erstmals auf der Plattenhülle eines Albums von Metric - und wir sind mittlerweile be deren zehn angekommen - ein Foto von Emily Haines sehen. Vom Rest der Band (James Shaw, Joules Scott-Key und Joshua Winstead), die sonst visuell hauptsächlich auf abstrakte Kunst oder grafische Designs setzt, fehlt jede Spur. 

Damit soll das Album vermutlich an das Debüt „Old World Underground, Where Are You Now?“ aus dem Jahr 2023 anknüpfen, auf dem Haines nicht fotorealistisch sondern  im Zentrum einer grafischen Collage zu sehen war. Auch thematisch uns stilistisch soll „Romanticize The Dive“ eine Rückbesinnung auf die Anfänge der Band in New York sein.

Dort, in den Electric Lady Studios, sowie in den Main Street Studios in Toronto entstanden auch die 11 Songs des Albums, in Zusammenarbeit mit den Gavin Brown und Liam O’Neil, die bereits früher zusammen mit James Shaw am Sound der Band tüftelten.
Dieser steht Synthpop, New Wave und Pop deutlich näher als dem indierock, den wir von Metric auch schon geboten bekamen. Die Single-Kandidaten sind zu Beginn des Albums platziert: Neben „Victim Of Love“ und „Time Is A Bomb“ hätte dies auch gut „Wild Rut“ sein können, zumindest eher als „Crush Forever“ mit seinem leicht kitschigen, engelsartigen Chorgesang. Ein Mehr an Gitarren und ein Weniger an Elektropop hätte dem Album gut getan.

„Romanticize The Dive“ ist als CD und LP (White Opaque Vinyl, Silver Metallic Vinyl, Red, Silver & Green Vinyl, Gold Metallic With Yellow And Red Smoke Vinyl) erhältlich, bei Metacritic sind aktuell 73/100 Punkten für das Album verzeichnet. 


Überhaupt ist "Romaticize the dive" an so mancher Stelle auf der klanglich positiven Seite postiert. Der funkelnden, ab dem Mittelteil treibenden Single "Time is a bomb", die natürlich trotzdem auch in den dunkleren Ecken der Indie-Disco funktioniert, folgt mit dem leicht kitschigen "Crush forever" ein auf ziemlich käsigen Beats und Synthies gelagerter, fröhlicher Electro-Popper. Muss man wollen oder eben: können. Doch natürlich wären Metric nicht Metric, überzeugten die Kanadier nicht auch weiterhin mit intensiveren, feinfühligeren Arrangements. Wenn "Moral compass" sich allein durch sein feines Gitarrenlick trägt und gedämpfte Synthie-Sprenkel atmosphärischen Glanz versprühen oder wenn das im Stillen durchaus tanzbare "Tremolo" zum besseren Feeling seine Instrumentierung in den Lyrics gleich selbst feiert. Und wer nun trotz gesetzteren Alters noch mal Lust auf 80s-Disco-Vibe hat, für den hat die Band mit "Antigravity" einen leicht düsteren kleinen Synth-Hit parat.


 


 


 




7. Mai 2026

Midge Ure - A Man Of Two Worlds


Als ich mich als Teenager erstmals für Pop-Musik zu interessieren begann, war „Hymn“ von Ultravox eines meiner liebsten Lieder. Meine Eltern kauften - vermutlich mir zuliebe dann auch irgendwann einen Sampler auf dem beispielsweise auch „Do You Really Want To Hurt Me“ von Culture Club zu finden war. Ähnlich gut gefiel mir etwas später „Dancing With Tears In My Eyes“, so dass Ende 1984 auch „The Collection“ den weg in den Plattenschrank meiner Eltern fand, wodurch ich auch andere Hits von Ultravox kennenlernen konnte.
1985 kaufte ich mir zunächst die Single „If I Was“ von Midge Ure und anschließend das dazugehörige Album „The Gift“, das mir gut gefiel, auch wenn es nicht die Hit-Dichte der Best of von Ultravox hatte und ich mit den zahlreichen Instrumentals eher wenig anfangen konnte. 

Danach verlor ich Midge Ure und Ultravox etwas aus den Augen (und Ohren). Erst während der COVID-19 Pandemie nutzte ich die Zeit, um mich tiefer in das Werk von Ultravox einzuarbeiten und mit deren LPs zuzulegen. 
Wie toll, dass ich 2022 die Gelegenheit hatte, Midge Ure mit einem Best of-Set (von „If I Was“ über „Fade To Grey“ und „Hymns“ bis zu „Viennea“ nur leider ohne „Dancing With Tears In My Eyes“) live zu sehen. Immerhin stand Ure damals schon kurz vor seinem 70. Geburtstag. 

Irgendwann las ich auch, dass er, dessen letztes Soloalbum 2014 erschienen war, vorhabe ein neues Album zu veröffentlichen - ausschließlich mit Instrumental-Musik, da dies sein Steckpferd während der Pandemie war, als ich zuhause verstärkt Ultravox auflegte. Nach meinen Erfahrungen mit „The Gift“ hielt sich meine Begeisterung ob dieser Idee in Grenzen.

Nun liegt „A Man Of Two Worlds“ vor und offensichtlich hatte Midge Ure ein Einsehen mit mir, denn nach acht besinnlichen, melancholischen und vor allem cineastischen Liedern ohne Gesang, die er „World One. Music“ nennt und mich an Craig Armstrong oder Vangelis erinnern, folgen acht weitere Lieder mit Gesang.
Auf „World Two: Songs“ zeigt Midge Ure, dass er noch immer so tolle Refrains schreiben kann wie in den 80er Jahren („Just Words“), dass sein nostalgischer Synthpop ziemlich nach Ultravox klingen kann („World Away“, „Caught In The Middle“) und das der Mann, dem bei Band Aid und Live Aid eine tragende Rolle zukam, in seinen texten noch immer politisch und gesellschaftlich Stellung beziehen kann („Just Words“, „Shouting To The Moon“).

„A Man Of Two Worlds“ ist als 2CD oder 2LP (black Vinyl, clear Vinyl) erhältlich.


 





6. Mai 2026

Tori Amos - In Times Of Dragons


Das achtzehnte Studioalbum von Tori Amos ist mehr denn je eine Familienangelegenheit: Tori Amos komponiert, singt, produziert und bedient neben ihrem Piano diverse Tasteninstrumente. Ihr Ehemann Mark Hawley spielt Gitarre sowie Ukulele („Fanny Faudrey“) und ist als Engineer und Mixer tätig. Ihre gemeinsame Tochter Natashya Hawley komponierte drei Lieder („Veins“, „Strawberry Moon“ und „Song of Sorrow“) und singt auf vier Songs zusammen mit ihrer Mutter („Veins“, „Strawberry Moon“, „Pyrite“ und „Stronger Together“).

Insgesamt bietet „In Times Of Dragons“, das als 2CD und 2LP (black Vinyl, clear Vinyl) erhältlich ist, siebzehn Lieder in 75:56 Minuten. Eine limitierte Version bietet zusätzlich noch den Song „Black Is the New Black“. Das Slant Magazine hat ein Ranking der 15 regulären Alben von Tori Amos erstellt und es verwundert nicht, dass ihre 90er Jahre-Platten auf den den Rängen 1 bis 5 landen. Für „In Times Of Dragons“ reicht es immerhin zum Mittelfeld-Platz 8.

Ein wenig Schade ist es, dass in der Familie Amos/Hawley offensichtlich niemand zu finden ist, der ein kreatives Händchen für ein tolles Artwork hat. Denn die Plattencover  werden schlimmer und schlimmer. Daher hier - ausgeliehen von unseren Kollegen von Plattencover vor Gericht - das Ranking der Plattencover von Tori Amos (und bis auf die Platze 1-3 sind eigentlich alle indiskutable):

15. American Doll Posse (2007)




14. In Times of Dragons (2026)




13. Night of Hunters (2011)




12. Ocean to Ocean (2021)




11. Abnormally Attracted to Sin (2009)




10. Unrepentant Geraldines (2014)




9. The Beekeeper (2005)




8. Boys for Pele (1996)




7. To Venus and Back (1999)




6. Scarlet’s Walk (2002)




9. Native Invader (2017)




4. Strange Little Girls (2001)




3. Little Earthquakes (1992)




2. From the Choirgirl Hotel (1998)




1. Under the Pink (1994)






Was können all die Frauen in diesem Werk – Kassandra, „St. Teresa“, „Gasoline Girls“ – ausrichten gegen all die Drachen? Wer „this Lizard Demon and his sadistic companions“ sind, muss Amos nicht explizit sagen. Die Feuer, die weltweit brennen, sprechen für sich. Und eine kleine „Ode To Minnesota“ hat sie auch noch eingebaut. Tori Amos stellt viele Fragen („Free speech?/ What was that?“), sie tritt in einen Dialog mit den Mächtigen. „Okay boys, let’s go!“, ruft sie, bevor das beschwingte „Fanny Faudrey“ eine Feministin aus dem 19. Jahrhundert besucht. Amos reist durch Epochen und Länder, trifft Priesterinnen und Jesus („Pyrite“), Heilige und Hexen („Blue Lotus“). Zwischendurch schwillt die Musik an, dann nimmt sie den Alarm wieder ein wenig zurück und wirft eine berückende Melodie ein.
Eine Meisterin der Dramatik war sie immer, an der Dramaturgie scheitert sie manchmal, weil sie ihre Texte zwar auf die Essenz reduziert, die Musik dann aber gern weit ausgreifen lässt. 17 Songs auf 75 Minuten sind mal wieder etwas (zu) viel. Aber im Jahr 2026 passt es gut, dass das Publikum am Ende erschöpft zurückbleibt. Allerdings mit einem Hoffnungsglimmer: Nach „Stronger Together“ besingt Tori Amos in „23 Peaks“ die Drachenkönigin. Vielleicht kann die es mit dem Eidechsen-Dämon aufnehmen.


 


 




5. Mai 2026

The Bluetones - Atlas


Noch eine Britpop Band aus den 90ern hinterher: Den gestern vorgestellten The Boo Radleys gelang 1995 zum einzigen Mal mit einem Album an die Spitze der UK Charts zu gelangen („Wake Up!“), ein Jahr später kamen The Bluetones zu ihrem einzigen Nummer-Eins-Album („Expecting To Fly“).

Auch The Bluetones lösten sich irgendwann aufgrund des ausbleibenden Erfolgs auf, aber sie kamen deutlich schneller als The Boo Radleys, die für 22 Jahre von der Bildfläche verschwanden, zurück - und das in der Originalbesetzung. 

2011 gaben The Bluetones ihr Aus bekannt, 2015 gab es die Reunion von Scott Morriss, Adam Devlin, Mark Morriss und Eds Chesters. So konnte ich sie 2016 mit einem feinen Best of-Set im Londoner Roundhouse sehen. Anders als bei The Boo Radleys, die in den letzten fünf Jahren drei neue Platten veröffentlichten - kamen sie aber ohne neues Album daher. Bisher.

Dies hat sich nun geändert, also irgendwie, denn „Atlas“ ist eine Zusammenstellung von drei EPs („Drive Thru“, „In The Cut“ und „London Weekend Television“), die The Bluetones 2024 und 2025 veröffentlichten. Dabei wurde die Reihenfolge der insgesamt 9 Songs kräftig durcheinander gewürfelt und an zehnter Stelle das bisher unveröffentlichte „Lux Interior“ hinzugefügt.

Tatsächlich ist es dieses Anhängsel, das am wenigsten begeistern kann. Nahezu alle anderen Titel auf „Atlas“ können überzeugen, sei es das rockigste Lied des Albums, „London Weekend Television“, „Go Slow“, das seinem Namen alle Ehre macht oder „Cheap Hotel“ und „In The Cut“, die jeweils mit ihrer feinen Corda überraschen. „The Aristocrats“ hätte auch in der Blütezeit der Bluetones ein Single-Kandidat sein können und „Madeleine“ hätte sich prima auf „Expecting To Fly“, ihrem besten Album, eingefügt.

„Atlas“ ist als CD und LP (Black Vinyl, Blue Vinyl) erhältlich.