30. Juni 2024

Crawlers - The Mess We Seem To Make


Beschließen wir das erste Halbjahr mit einem Album, das nicht mehr ganz taufrisch ist, denn „The Mess We Seem To Make“ wurde bereits am 16. Februar 2024 veröffentlicht.

Warum also heute das Debütalbum der Crawlers? Einerseits wurde es vom gestern erwähnten Pete Robertson (Orla Gartland, Beabadoobee, Linn Koch-Emmery) produziert, andererseits steht das Album bei Metacritic aktuell bei 89/100 Punkten. Hier sind einige Lobhudeleien:

And for all this is a sonically rich, musically accomplished record - and it truly is - it’s Holly’s enviably dextrous voice that can’t help but take centre stage. They can belt with the best of them: the rock stomp of ‘Hit It Again’ has it reaching a metallic roar, the chorus of the decidedly Weezer-indebted ‘What I Know Is What I Love’ has them belting out as if their life depended on it, ‘Better If I Just Pretend’ invokes ‘90s grunge ennui via their low-key delivery, while piano ballad and literal centrepiece ‘Golden Bridge’ flips the script entirely, with a turn that’s soft, subtle and jazzy; the wistfulness of Ellie Rowsell can be heard, the sadness of Billie Eilish’s whisper, even (dare we say it) the soar of Adele.
(DIY)

(…) the Liverpudlian quartet have every reason to be overloaded with strident self-belief, but the striking vibrancy and surging energy with which they translate it to these 12 tracks is utterly remarkable. (…)
Perhaps most impressive is how this is a record destined to delight not just Crawlers’ fans – the affectionately named Creepy Crawlies – but pretty much anyone whose earways it happens to invade. The, ahem, crawl to superstardom is well underway.

Crawlers sind eine aus Liverpool stammende Alternative Rock-Band, die aus Molly Minto (Gesang, Gitarre), Amy Woodall (Gitarre), Liv May (Bass) und Harry Breen (Schlagzeug) besteht. 
2019 erschien mit „So Tired“ eine erste Single, der 2020 „Placebo“ folgte. 2022 veröffentlichte das Quartett zwei EPs mit insgesamt 11 Songs, die es alle nicht auf das Debütalbum schafften. Im Jahr danach erschienen „That Time Of Year Always“, „Messiah“ und „Would You Come To My Funeral“ als Singles. Zumindest der zuletzt genannte Song gehört zu dem Dutzend Liedern auf dem Album.
„The Mess We Seem To Make“ ist als CD (eine Deluxe CD liefert 4 weitere Lieder plus 4 akustische oder alternative Version von Albumtracks), Kassette und LP (white Vinyl, Picture Disc, Water Colour Splatter Vinyl, Blue Splatter Vinyl) erhältlich. 

 

 


 





29. Juni 2024

Linn Koch-Emmery - Borderline Iconic


Aufgrund des Risikos sich mit dem Bullerbü-Syndom (BBS) zu infizieren, mussten wir vor drei Jahren dringend vom Konsum des Debütalbums der Schwedin Linn Koch-Emmery abraten. So wirklich daran gehalten hat sich niemand, jedoch waren die Symptome nicht bei allen Plattenrichtern gleich stark ausgeprägt, so dass „Being The Girl“ mit einem Punktedurchschnitt von 7,375 auf Platz 60 kam. 

An „Borderline Iconic“ arbeitete die gebürtige Hamburgerin mit dem Produzenten Pete Robertson (Orla Gartland, Beabadoobee, Crawlers), welcher früher Schlagzeuger von The Vaccines war. Thematisch verarbeitet Linn Koch-Emmery auf dem Album persönliche Themen, wie im Titelsong, der sich um die Diagnose einer bipolaren Störung im Alter von 18 Jahren dreht, die später in ADHS umdefiniert wurde und wegen derer sie die meiste Zeit ihres Lebens medikamentös behandelt wurde. Dass ihr zweites Album düsterer und rockiger geraten ist, lässt sich am besten im Titelsong und bei „Ebay Armour“ überprüfen. Der melodiöse Indierock von „Borderline Iconic“ darf auch mal noisig sein („A Room Where I Can Scream“) oder die Grenze zu Glam Rock („No Hands“), Synth-Pop („Colombian Embassy“) und Dreampop im Geiste von Lana Del Rey („Rocknroll“) überschreiten.

„Borderline Iconic“ bietet 11 Songs in knapp 33 Minuten und ist als LP (orange/black marbled gatefold Vinyl) erhältlich.

Linn Koch-Emmery in Deutschland:
19.11.24 Köln, CBE
21.11.24 Hamburg, Hafen Klang
22.11.24 Berlin, Lido*
25.11.24 München, Strom*
*mit Sarah Kinsley 


 


 





28. Juni 2024

Halo - In The Company Of No One


Halo sind notwistig und lali punal.

Halo sind die Berliner Musikerinnen Masha Qrella und Julia Kliemann, die man aus den Bands Mina und Contriva bzw. Komëit kennt. Bereits vor rund 10 Jahren beschlossen sie ein Duo zu bilden, Songs aufzunehmen und diese dann - aus welchen Gründen auch immer - nie zu veröffentlichen.   

Halo sind mit ihrem Debütalbum „In The Company Of No One“ hier vor Gericht gestellt, das dann doch 2022 von Masha Qrella und Julia Kliemann fertig gestellt wurde. Die 9 Songs erscheinen digital oder als Vinyl bei Edition Dur, dem Boutique-Label vom Kulturkaufhaus Dussmann in Berlin. 





27. Juni 2024

Kate Nash - 9 Sad Symphonies


Mein Spontanwissen zu Kate Nash: Sie stammt aus Brighton und gehört zu der Generation von Musikern, die ihren Durchbruch über MySpace erlangten. Bei mir und vielen anderen war es der Song „Foundations“, durch den ich die Künstlerin kennenlernte. Das dazugehörige Debütalbum „Made Of Bricks“ schaffte es auf Platz 1 der UK Charts und wurde in Legosteinen verewigt. Danach ließ der Erfolg kontinuierlich nach, deutlich ab ihrem punkigen Album „Girl Talk“, so dass sie irgendwann ihren Plattenvertrag verlor. Kate Nash ist großer „Buffy“ Fan und brachte die Musical-Folge „One More, With Feeling“ aus der Serie an Halloween auf die Bühne, beim A Summer’s Tale Festival habe ich sie bisher zum einzigen Mal live gesehen und der Auftritt blieb mir in positiver Erinnerung. In der leider nach 3 Staffeln eingestellten TV-Serie „GLOW“ spielt sie die Wrestlerin Britannica. 

Jetzt aber zu ihrem neuen Album „9 Sad Symphonies“, das genau das bietet, was der Titel verspricht: neun Lieder mit persönlichen und schmerzlichen Texten, die während der COVID-19-Pandemie entstanden, mit Streichern vollgepackt sind und zwischen Kammerpop („These Feelings“), Pop („Wasteman“) und Musical („My Blie“) liegen. 
„9 Sad Symphonies“ erscheint über das Label Kill Rock Stars als CD und LP (Transparent Blue Vinyl, Baby Pink Vinyl) und wurde erneut vom dänischen Grammy-Gewinner Frederik Thaae (K Flay, Jada, Crown The Empire) produziert und abgemischt.


„Everything you feel can just come undone / And the media supports all the far-right scum / I just want to believe / That the feeling’s not inside me“, singt Nash, die Streicher frohlocken und das Klavier mollt. Klare, starke Vocals, die Texte lyrisch, und erstaunlicherweise kommt einem Covid auf diese Art nicht aus den Ohren raus, sondern geht gut ins Ohr. Kein Hyperpop, keine kalten Trauerballaden und düsteren Eilish-Hits – und schon lässt sich doch tatsächlich nostalgisch auf jene dunkle Periode zurückschauen.
Dieses Album schafft es, all die diffusen Gefühle und Erinnerungen, die an Maskenpflicht und Impfkampagne hängen, zu verarbeiten und Corona noch etwas abzugewinnen, vielleicht sogar etwas Positives. Wenn nicht so aus der Versenkung zurückkommen, wie dann?


 


 


 


 


 





26. Juni 2024

Mirrors For Princes - What We Do With What Others Have Done To Us


Als Specula principum (oder Fürstenspiegel oder Mirrors For Princes)  werden ermahnende und belehrende Schriften bezeichnet, die sich an einen König, Fürsten oder Sohn richten, um diesem die Tugenden und Pflichten eines Herrschers und Grundsätze richtigen Regierens darzulegen.

Im Specula principum an das in Berlin ansässige und aus Sophie Soraya (Gesang), Hermie Gritz (Bass, Synthesizer) und Lonny Flowers (Gitarre) bestehende Trio war zu lesen, dass sie die Pflicht hatten, ihr Debütalbum What We Do With What Others Have Done To Us“ in Großbritannien mit dem Produzenten und Mixer Barny Barnicott (Arctic Monkeys, Kasabian, Editors, Sam Fender) aufzunehmen und dabei dem Grundsatz folgen sollten, tanzbaren, glamourös rockenden Elektropop im Stile von Garbage und der Yeah Yeah Yeahs zu spielen.


 


The record is filled with hits, from the New Order-like opener ‘Heavy Duty’ to the trip-hop sounds of ‘Don’t Break the News’ to the post-punk energy of ‘Chimera!’. Through their intelligent mix of sound design, infectious hooks and vigorous vocals, Mirrors for Princes have created a high-quality LP that stands out from the crowd.
It’s a piece of brilliance fit for a king (or queen) but to be enjoyed by all. 




25. Juni 2024

Swim Deep - There’s A Big Star Outside


Die limitierten Platten bei Blood Records sind meistens schneller ausverkauft als man auf den „Add to Cart“-Button drücken kann. Beim vierten Album der aus Birmingham stammenden Band Swim Deep ist das aber noch möglich und man kann so in den Besitz einer von nur 500 black and white splatter LPs im alternate constellation artwork gelangen:




Dies mag daran liegen, dass ihr letztes Album bereits knapp fünf Jahre zurück liegt und das Interesse an der Band in ihrer englischen Heimat seit der Veröffentlichung des Debütalbums stetig nachgelassen hat: „Where The Heaven Are We“ (2013) erreichte Platz 20 der UK Charts, „Mothers“ (2015) kam noch auf Rang 55 und „Emerald Classics“ (2019) verfehlte diese komplett.

„There’s A Big Star Outside“ bietet träumerischen Britpop und wurde von Bill Ryder-Jones, dem ehemaligen The Coral-Mitglied, produziert. Zu den Highlights zählen der beatlesque Opener „How Many Love Songs Died In Vegas?“ und das dynamische „First Song“. Der oftmals gehauchte, flache und wenig ausdrucksstarke Gesang von Austin Williams kann mich leider weniger überzeugen. 

„There’s A Big Star Outside“ ist zudem als CD, Kassette und LP (red Vinyl, clear Vinyl) erhältlich.


As a whole band, every detail of the instrumentation feels perfected and in service to the song. Whether it’s gentle details on guitar and synth or huge cinematic, swelling moments, every single song is lush and expertly made. (…)
They cover all bases of what you could want from a perfect indie rock album but do it all with the same Swim Deep flare that has helped them endure for so long. It’s an album that’s packed away the distractions and gimmicks to instead fully invest in the glory of a good song. And as they follow that golden star, Swim Deep have never, ever sounded better.


 


 


Refusing to hemmed in by reference points, ‘Glitter’ offers up stomping 80s synths, a moment of shoulder pad infatuated glee. ‘Don’t Make Me A Stranger’ pivots to the 90s, its gilded guitar line recalling fabled American band Big Star – indeed, there’s even a song on here by that very name.
Closing with the beautiful ‘Fire Surrounds’, this is an album of sonic richness, and no small degree of surprises. Emerging from the shadows, ‘There’s A Big Star Outside’ finds Swim Deep ready to step into the light once more – a hugely enjoyable record from a perennially underrated band.


 




24. Juni 2024

Emilíana Torrini – Miss Flower


Familiengeschichten: Emilíana Torrinis musikalischer Partner und Produzent Simon Byrt ist mit ihrer Freundin Zoe verheiratet. Als deren Mutter, Geraldine Flower, verstarb, spendete sie ihrer trauernden Freundin Trost, gemeinsam sichteten sie zufällig gefundene, alte Briefe, Fotos und Tagebücher der Verstorbenen, wodurch sich ihnen ein außergewöhnliches Geheimleben offenbarte. Auf textlicher und musikalischer Ebene wollten sie zusammen Miss Flower, die beispielsweise neun Heiratsanträge erhalten, aber nie geheiratet hatte, neues Leben einhauchen. So basiert beispielsweise „Love Poem“ auf einem von Geraldine Flower geschriebenen Liebesgedicht oder erzählt „The Golden Threat“ die Geschichte eines Ex-Partners, der in leidenschaftlichen Briefen an sie beschreibt, wie er ständig an sie denkt, selbst wenn er mit seiner neuen Partnerin im Bett ist.

„Miss Flower“ ist - nach zwei Kooperationen mit The Colorist Orchestra - das erste Soloalbum von Emilíana Torrini nach mehr als zehn Jahren, denn „Tookah“, ihre sechste Platte, war bereits 2013 veröffentlicht worden. Nicht nur die Entstehungsgeschichte des Albums ist ungewöhnlich sondern auch die Musik darauf: Es wird von dunkler Electronica eröffnet, zu denen die Isländerin mehr spricht als singt („Black Water“), gleiches gilt für das anschließende, mehr Richtung Trip Hop tendierende „Lady K“. Folkigere Klänge gibt es erstmals auf „Dreamers“ zu hören, das „Love Poem“ wird zu pluckernden Synthesizern vorgetragen.
Als Vorbild für „Miss Flower“ nennt Emilíana Torrini das Album „I’m Your Man“ von Leonard Cohen, so auch bei „Let’s Keep Dancing“, das einen letzten Tanz, einen letzten Abend vor einer Trennung thematisiert. Hierfür har Simon Byrt einen Song gesampelt, den Miss Flomes trinidadischer (Ex-)Freund Harold Prieto ihr Anfang der 80er Jahre auf einer Kassette geschickt hatte.


Es geht um Begierde (zum Teil aus Sicht der männlichen Briefschreiber), Liebe und weibliche Selbstbestimmung im letzten Jahrhundert. Stilistisch oszilliert die isländische Musikerin mit italienischen Roots zwischen Gitarren- und Synthie-Pop mit Spoken Words, sowie zwischen an karibische Steeldrums erinnernden Beats („Let‘s Keep Dancing“) und Piano-Klassik mit Field Recordings („A Dream Through The Floorboards“).
Der Reiz der Platte liegt nicht nur in der musikalischen Vielschichtigkeit, die nie erzwungen wirkt, sondern auch in der Ambivalenz der Texte: Einige Stücke sind sinnlich und erzählen bildreich von realen Orten oder Straßen wie etwa „Black Lion Lane“ in London. Andere Songs sind kryptischer und wären verständlicher, wenn wir einen Blick in die Briefe werfen dürften. Dass das nicht geht, macht die Musik wiederum geheimnisvoller.


 


 




22. Juni 2024

10 Schallplatten, die uns gut durch den Juli bringen


10. Royel Otis - Pratts & Pain (Limited Edition, Blue Vinyl) (26.7.2024)






9. The Rifles - Love Your Neighbour (White Vinyl) (5.7.2024)






8. Elena Rud - Heimlich weinen (LP) (27.6.2024)






7. Marc Almond - I'm Not Anyone (LP) (12.7.2024)






6. Bloc Party - A Weekend In The City (Limited Edition, Green Vinyl) (5.7.2024)






5. Blur - Live At Wembley Stadium (Double Picture Disc) (26.7.2024)






4. Kasabian - Happenings (Limited Indie Edition, Red Vinyl) (5.7.2024)






3. Travis - L.A. Times (Limited Indie Exclusive Edition, Green Marbled Vinyl) (12.7.2024)






2. Cigarettes After Sex - X's (Limited Edition, White Vinyl) (12.7.2024)






1. Los Campesinos! - All Hell (2 LPs) (25.7.2024)







21. Juni 2024

The Decemberists - As It Ever Was, So It Will Be Again


Gemeinsam mit dem Produzenten John Congleton experimentierten The Decemberists auf „I’ll Be Your Girl“ (2018) mit Synthesizern und orientierten sich im Sound an New Order oder Depeche Mode. 

Für ihr neuntes Studioalbum verzichtet die Band um Colin Meloy auf Wagnisse und kehrt zu ihrem traditionellen Folk („Don't Go To The Woods“, „The Black Maria“) und Folkrock („Born To Morning“) zurück. Symbolisch dafür steht auch die Rückkehr von Tucker Martine (R.E.M., My Morning Jacket, Grandaddy, Sufjan Stevens, The National), der bereits „The Crane Wife“ (2006) für The Decemberists produzierte.

Auf „Burial Ground“ verkleiden sich The Decemberists als The Beach Boys, auf „Long White Veil“ klingen sie nach R.E.M. in Country-Stimmung, „William Fitzwilliam“ ist dann tatsächlich Country und „Oh No!“ schreit nach einen Mashup mit „Puttin’ On The Ritz“. Das abschließende „Joan In The Garden“ darf als Prog-Folk-Oper bezeichnet werden und füllt mit seinen knapp 20 Minuten Spielzeit eine Plattenseite allein. Und die Fans der Band rufen dazu „Hosianna!“.

Nachdem ihre letzten fünf Alben über Capitol Records veröffentlicht wurden, gründete die Band aus Portland in den letzten Jahren das eigene Label YABB Records, auf dem „As It Ever Was, So It Will Be Again“ als CD und Doppel-LP (black Vinyl, olive Vinyl, brown Vinyl, maroon Vinyl, red Vinyl, orange with black swirl Vinyl) erschienen ist.


Umso erfreulicher, dass sie nun mit einem geschärften Blick für das zurückkehren, was sie auszeichnet: warme Folksongs mit hymnischen Melodien und literarischen Texten, mit einfallsreichen Arrangements, Mariachi-Trompeten, Glocken, Flöten, Akkordeons.
In „The Rea­pers“, einem rumpelnden Walzer, betrachtet Meloy seufzend das Mähen der Sensenmänner; auf „Long White Veil“ begräbt er seine Braut am Tag der Trauung; „All I Want Is You“ ist ein liebenswertes Liebeslied. Das Album kulminiert in einem 19‐minütigen Epos über ­Jeanne ­d’Arc. „As It Ever Was, So It Will Be ­Again“ ist das Album einer Band, die ihre Virilität beweisen will. Das kann nach hinten losgehen. Hier nicht.


 


 


 





20. Juni 2024

Eivør - Enn


Letztes Jahr trat Eivør Pálsdóttir beim Wacken Festival auf und ich frage mich, ob wir hier jemals über eine andere Wacken-Platte zu Gericht gesessen haben…

„Enn“, komplett in färöischer Sprache gesungen und größtenteils mit dem Dichter Marjun Syderbø Kjelnæs getextet, passt aber auch mit seiner Mischung aus elektronischem Dreampop, nordischem Artpop und soundtrack-artigem Kammerpop nur bedingt zu diesem Festival. Einzig „Upp Úr Øskuni“ mit seinem gutturalen Gesang und seinen brachialen Gitarren könnte man sich dort gut vorstellen. Aus den acht Songs von „Enn“ ragt es heraus, als würde ich mich aufs Wacken verirren.

Die obligatorische zitierte Plattenkritik muss natürlich in diesem Fall von metal.de stammen:

Von ihren Folk-Pop-Wurzeln hat sich EIVØR ein gutes Stück entfernt. Geblieben ist ihr elfengleicher Gesang, der von seiner kaum greifbaren Zurückhaltung lebt und sich nur selten zu kraftvolleren Spontaneruptionen verdichtet. Zwischen warmen, klassisch anmutenden Klavier- und Streicherparts bestimmen elektronische Beats über weite Strecken das Klangbild, was gut zu der klanglichen Reise passt, die „Enn“ beschreibt. (…)
„Enn“ ist ein Gesamtwerk, dem EIVØR einen so beeindruckend stabilen Spannungsbogen verliehen hat, dass eine Einzelbetrachtung der Stücke wenig Sinn ergibt. Der atmosphärische Aufbau der Kompositionen schreitet kontinuierlich voran und erreicht mit dem gewaltigen „Upp Úr Øskuni“ (Aus Der Asche) seinen dramatischen Höhepunkt. 

War ja klar, was der Lieblingssong des Autors sein würde… „Enn“ ist als CD und LP (black Vinyl, purple Vinyl, clear with purple, white & blacksplatter Vinyl, transparent, purple and white marbled Vinyl) erhältlich.

Eivør in Deutschland:
07.09.24 Deutzen, Nocturnal Culture Night
08.09.24 Bensheim, Musiktheater REX
02.10.24 Hamburg, Markthalle
05.10.24 Köln, Live Music Hall
21.10.24 Berlin, Metropol


 


 





19. Juni 2024

Mike Lindsay - Supershapes Volume 1


Mike Lindsay ist Gründungsmitglied bei Tunng, betreibt zusammen mit Laura Marling das Projekt Lump sowie mit Sam Genders Throws und arbeitet als Produzent (Douglas Dare, Low Roar) und Mixer (Stornoway, Diagrams). 

Auf der ersten Station seiner wohl noch länger dauernden reihe „Supershapes“ erforscht er „das Wunderbare im Alltäglichen“ und befasst sich mit "alltäglichen Haushaltsgegenständen, insbesondere Tischen, Bildbänden und den täglichen Ritualen, die uns prägen, und konzentriert sich dabei stark auf das Majestätische im Häuslichen“. Zunächst sollte es ein reines Soloprojekt werden und die Songs instrumental bleiben, doch dann stießen zunächst Ross Blake (Saxophon, Klarinette) und der Schlagzeuger Adam Betts hinzu und Lindsay hatte das Gefühl, das den Songs nun eine Stimme fehlen würde. Daher kontaktierte er Anna B Savage, mit der er ihr Album „in|FLUX“ (2023) aufgenommen hatte, und so entstanden die nun vorliegenden 10 Songs in seinem Studio in Margate.

„Supershapes Volume 1“ lässt sich wie folgt zusammenfassen: Folktronic, zu pluckernden, polyrhythmischen Beats samt Samples wie bei Tunng, dazu die Stimme von Anna B Savage und reichlich jazzige Bläser. 
Das Album ist als CD und LP (cucumber green Vinyl) erhältlich. 


There’s plenty of Lindsay’s signature bleeps and bloops, too. supershapes vol 1 may at first seem like a novelty but it will soon grow on you. And I can say with firsthand knowledge it makes a great soundtrack to doing the dishes or making dinner. “It’s hard to be excited about the benefits of a cucumber,” a voice says at one point on the album, but supershapes vol 1 is doing its best to change that opinion.


 


 


 





18. Juni 2024

John Grant - The Art Of The Lie


Auf der Menukarte in John Grants Diner stehen funky („All That School For Nothing“) und groovy („Meek AF“) Elektropopsongs mit 80ies Touch („It’s A Bitch“) sowie emotionale, dramatische Balladen („Daddy“) und ambientartigen Alternative Rock („The Child Catcher“, „Laura Lou“). Dazu serviert der 55-jährige US-Amerikaner persönliche sowie politische Texte, die von Kindheitstraumata bis zur angespannten Situation der Vereinigten Staaten am Rande des Abgrunds reichen.

The Art Of the Lie“ ist das mittlerweile sechste Soloalbum von John Grant, der zudem sechs Platten mit The Czars sowie zwei mit Creep Show vorweisen kann. Das Album bietet 11, teils ausladende Songs in 61:45 Minuten, wurde von Ivor Guest (Beyoncé, Grace Jones) produziert und ist als CD, Kassette und Doppel-LP (black Vinyl, pink Vinyl) über Bella Union erschienen.
 
John Grant in Deutschland:
06.11.24 Köln, Kulturkirche
07.11.24 Berlin, Columbia Theater


 


Natürlich gibt es auch auf dieser zwischen Dancefloor-Drive und cineastischer Melancholie pendelnden Platte großartige Songs – das von der schottischen Sängerin Rachel Sermanni veredelte Drama Mother And Son etwa, das quirlige Synth-Groove-Stück It’s A Bitch, der gruselige Siebenminüter The Child Catcher (mit epischem Prince-Gitarrensolo von Dave Okumu). Man könnte auch resümieren, dass John Grant mit The Art Of The Lie sein Schaffen der vergangenen eineinhalb Dekaden nochmal bündig zusammenfasst. Dennoch bleibt ein Beigeschmack, dass dieser seit langem im toleranten Island lebende Musiker sein riesiges Potenzial hier nicht abruft.

Und dann ist da noch eins: Für jemanden, der ein so guter Sänger wie John Grant ist, werden Voice-Effekte (Autotune und Vocoder) geradezu verschwenderisch benutzt. Warum denn nun das? Vermutlich ist das der Trick, der dieses Album gerade erst möglich gemacht hat. Weil es so unfassbar intim und privat ist, dass die künstliche Verbiegung der Gesangsstimme genau das notwendige Maß an Brechtscher Verfremdung und Seelenimprägnierung leistet, damit es eben nicht in totalen Kitsch und Pathos umkippt. Was am Ende bleibt, ist eine Gewissheit: Hier lebt einer ein Leben, das höchste Höhen und tiefste Tiefen kennt. Und der es bisher geschafft hat, diese Zerreißprobe zu meistern und daraus Kunst zu machen.




17. Juni 2024

Isobel Campbell - Bow To Love


Bei jedem neuen Album von Isobel Campbell überlege ich zwangsläufig, welche Lieder das zuvor veröffentlichte Album von Belle & Sebastian verbessert hätten. Für „Bow To Love“ und „Late Dvelopers“ (2023) würde dies auf das Nick Drake mäßige „Do Or Die“ sowie das elektronisch angehauchte und mit einem „Tigermilk“-Hauch versehene „4316“ zutreffen.

Das Album bietet auf 13 Songs vorrangig sanften, schlicht arrangierten Folk, der durch gelegentliche Brüche nicht langweilig wird, zum Beispiel textlich, wenn die Schottin gleich im Refrain des Openers „Everything falls apart, You son of a bitch, Quit stepping on my heart, You son of a bitch“ säuselt. Musikalisch spannend ist „Take This Poison“ geraten, das Campbell a capella zu einem permanent wabernden Ton mit gelegentlichen Klick-Geräuschen vorträgt, den Gegenpol bildet das anschließende, einlullende „Om Shanti Om“, bei dem nur diese Worte über viereinhalb Minuten ständig wiederholt werden. 

Isobell Campbell veröffentlichte noch als Mitstreiterin von Stuart Murdoch zwei Alben unter dem Namen The Gentle Waves, zudem gibt es drei Platten mit dem 2022 verstorbenen Mark Lanegan und nun vier Soloalben.
Bow To Love“ ist als CD und LP über Cooking Vinyl erschienen, der CD liegt ein zweiter Silberling mit einer französisch sprachigen Fassung des Albums bei, die limitierte Schallplatte gibt es auf yellow Vinyl.  


  


Campbell spiegelt auf BOW TO LOVE vermehrt globale Krisenstimmungen im Persönlichen, sieht die Welt am Scheideweg, „at the end of the road“, wie es zum ätherischen Folk von „Saturdays Son“ heißt – und begegnet all dem mit überbordender musikalischer Schönheit im Zeichen der Liebe. „It’s nothing wrong / Carry on / Sing my song“, fordert sie uns im sanft getupften „Keep Calm Carry On“ auf.
Und wer möchte da nicht Folge leisten, nachdem sie einen zu diesem Zeitpunkt längst in einen Kokon eingesponnen hat, dessen filigrane Fäden mal aus Streicherwogen und Kontrabassschwingungen im Geiste Nick Drakes („Do Or Die“), mal aus zuckerwattiger Twee-Pop-Psychedelik („4316“), mal aus beglückend harmonischen Entschleunigungszaubereien („­Dopamine“) bestehen. Gegen Ende dann tatsächlich noch das Mantra des absoluten inneren Friedens als Song („Om Shanti Om“) und zum Finale ein hauchzartes Dire-Straits-Cover, dessen titelinhärente Frage man sich nach dem Genuss dieser dreizehn Stücke durchaus stellen darf: „Why Worry“.




16. Juni 2024

Moby - Always Centered At Night


10 Fakten zum neuen Album von Moby

1. Für sein mittlerweile 22. Studioalbum hat Moby ein eigenes Label gegründet, das den gleichen Namen trägt wie das Album. Veröffentlicht wurde dieses am 14. Juni 2024 und vertrieben wird es über Mute Records.

2. Obwohl das letzte „typische“ Album von Moby („All Visible Objects“) bereits vier Jahre zurück liegt, sind in diesem Zeitraum fünf andere Platten von ihm veröffentlicht worden: zwei Ambient-Alben sowie die beiden orchestralen „Reprise“ (2021) und „Resound NYC“ (2023) und das dazugehörige Remix-Album „Reprise - Remixes“ (2022) bei Deutsche Grammophon.


Serpentwithfeet trägt mit zartem Demis-Roussos-Timbre eine melancholische Liebesballade vor.
Lady Blackbird macht es auf der Single „Dark Days“ mit erstaunlichem Tina-Turner-Vibe dringlich, der Apokalypse davonzufliegen; Breakbeats befeuern die mentale Selbsterkundung auf der Tanz­fläche. Das alles will weder innovativ noch eskapistisch sein, sondern tanzbar, warm und befreiend. 


3. Obwohl dem Album seit Juni 2022 gleich 8 Singles voraus gingen, haben es mit „This Is Not Our World (Ce n’est pas notre monde)“, „Rescue Me“ und „You & Me“ drei weitere nicht unter die 13 Songs des Albums geschafft. Vielleicht sollte „Always Centered At Night“ einfach unter einer Stunde laufzeit bleiben - das wurde knapp geschafft (59:54 Minuten).

4. Unter die 13 Songs hat sich eine Coverversion geschlichen: „We're Going Wrong“ wurde von Jack Bruce komponiert und ist im Original auf dem 1967 veröffentlichten Album von Cream „Disraeli Gears“ zu finden. 


 


5. Jack Bruce verstarb vor 10 Jahren im Alter von 71 Jahren, erst vor einem halben Jahr starb der 65-jährige Schauspieler, Poet und Musiker Benjamin Zephaniah. Er ist auf dem Song „Where Is Your Pride?“ zu hören.


  


6. Insgesamt haben alle Songs auf „Always Centered At Night“ eine Gastsängerin bzw. einen Gastsänger. Zu den bekannteren gehören Lady Blackbird („Dark Days“) oder José James („Ache For“).  


 


7. Jedoch war die Zielsetzung für die Kollaborationen auf „Always Centered At Night“ eine andere, wie Moby erklärt: “For the last 30 years, I’ve worked with amazing singers–everyone from David Bowie to Freddie Mercury, Gregory Porter to Jill Scott. ‘Always Centered At Night’ continues my love of collaborating, but has a focus of working with amazing singers who might not be as well known as David Bowie and Gregory Porter.” Und so lernen wir nun u.a. die Stimmen von Gaidaa („Transit“), Raquel Rodriguez („Feelings Come Undone“) oder Brie O’Banion („We’re Going Wrong“) kennen.


 


8. Mit Aynzli Jones gibt es darunter auch einen Wiederholungstäter, denn der Rapper ist auf „Medusa“, dem ersten veröffentlichten Song, nicht zum ersten Mal auf einem Moby-Song zu hören. Premiere hatte diese Zusammenarbeit auf dem Song „Alice“ aus dem Album „Late Night“ (2008).

9. „Always Centered At Night“ ist als CD und Doppel-LP (black Vinyl) erhältlich. Die limitierte Auflage der Schallplatte erscheint auf yellow Vinyl.

10. Moby’s kommerziell erfolgreichstes Album war „Play“, das dieses Jahr seinen 25. Geburtstag feiert, und daher wird er nach über zehn Jahren auch wieder Konzerte in Europa spielen. Zwei Termine in Deutschland sind darunter:
22.09.24 Berlin, Tempodrom
23.09.24 Düsseldorf, Mitsubishi Electric Hall


15. Juni 2024

Liz Lawrence - Peanuts


Die erste Vorladung (XII)

Personalien:
Liz Lawrence ist eine 33-jährige Sängerin, Songwriterin, Multiinstrumentalistin und Produzentin aus Stratford-upon-Avon, Warwickshire.

Tathergang:
Vor rund 10 Jahren war sie eine Hälfte des Londoner Elektro-Pop-Duos Cash+David, zuvor hatte sie bereits ein erstes Soloalbum („Bedroom Hero“, 2012) veröffentlicht. In den folgenden Jahren entstand eine Verbindung zu Bombay Bicycle Club, denn Liz Lawrence war auf deren Album „Everything Else Has Gone Wrong“ sowie auf dem Nebenprojekt Toothless zu hören und bekam eineige Singles von ihnen abgemischt. 2019 und 2021 veröffentlichte sie mit „Pity Party“ und „The Avalanche“ zwei weitere Soloalben.
Nun erscheint mit „Peanuts“ ihr erstes Album auf einem Major Label (Chrysalis), und zwar als CD und LP (yellow Vinyl). Es wurde zusammen mit dem Produzenten Ali Chant (Perfume Genius, Yard Act, Aldous Harding) in dessen Chants Studio in Bristol  aufgenommen. 

Plädoyer:
Für ihre Mischung aus Indierock, Elektropop und Folk benennt Liz Lawrence u.a. PJ Harvey, Beck, Primal Scream, Talking Heads, The Beta Band, Aldous Harding und Cate Le Bon als Referenzen. Das könnte doch etwas werden mit „Peanuts“ und Platten vor Gericht, oder? Ich sehe Ingo schon ganz aufgeregt… 

Zeugen:

Lawrence has achieved a great deal with this album. From the funky introduction of ‘Big Machine’ to the summery song ‘Oars’ or the rock-laden hit ‘No One’, the fact that she has made a cohesive-sounding album with so many different styles of music at play is nothing short of a triumph. It is a record worth your time; you’d be nuts not to listen.

Während Liz musikalisch das Medium des Indie-Pop auf kreative Weise für sich entdeckt – mit gelegentliche Rückgriffe auf eine Grunge- und Powerpop-Phase und ein wenig E-Pop-Ästhetik – lässt sie sich inhaltlich auf leichtfüßig/amüsierte Art über unsere wirren Zeiten aus und schreibt Oden an die Loser, „Versuche nicht zu sterben“-Hymnen, Songs über Gartenarbeit und Vogelnamen, das Gewicht der Welt auf den Schultern, „Eat The Rich“-Manifeste und Anti-Manifeste, die Wichtigkeit, ab und an das Haus zu verlassen und am Leben teilzunehmen und darüber, sich nicht von der Verzweiflung überrumpeln zu lassen. Ganz schön viel auf einmal – aber sicherlich nicht zu viel für eine Jeanne d’Arc.

Indizien und Beweismittel:


 


 


Ortstermine:
14.10.24 Köln, Jaki
15.10.24 Berlin, Privatclub
16.10.24 Hamburg, Nochtwache

Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...


14. Juni 2024

La Luz - News Of The Universe


Die erste Vorladung (XI)

Personalien:
In der aktuellen Besetzung bestehen La Luz aus dem Gründungsmitglied Shana Cleveland (Gitarre, Gesang), der seit 2021 tätigen Schlagzeugerin Audrey Johnson sowie den beiden diesjährigen Neuzugängen Maryam Qudus (Keyboards) und Lee Johnson (Bass).

Tathergang:
Die Band wurde 2012 in Seattle gegründet und durchlief mehrere Wechsel im Lineup. Shana Cleveland veröffentlichte zudem Alben als The Curious Mystery, Shana Cleveland and the Sandcastles und zwei Soloalben, zuletzt das viel gelobte „Manzanita“ (2023), das ihre Schwangerschaft und frühe Mutterschaft dokumentierte. Keine guten Nachrichten erhielt sie zwei Jahre nach der Geburt ihres Sohnes bzw. im Vorfeld des Albums, als der Songwriterin und Malerin mitgeteilt wurde, dass sie Brustkrebs habe. 
News Of The Universe“ ist das fünfte Album von La Luz und ihre erste Veröffentlichung über Sub Pop Records CD, LP (clear orange Vinyl, orange neon Vinyl, black Vinyl, peach/black/turquoise 3-Color Swirl Vinyl, black Ice with White Splatter Vinyl)). Als die 12 Songs aufgenommen wurden, war Audrey Johnson noch der frischeste Neuzugang bei La Luz und standen die langjährigen Mitglieder Lena Simon (Bass) und Alice Sandahl (Keyboards) noch in der Band. 

Plädoyer:
„News Of The Universe“ bewegt sich zwischen Psychedelic-Rock und Baroque-Pop, dessen düsterer Grundstimmung oftmals schöner Harmoniegesang der vier Damen entgegen gesetzt wird. Das klingt dann wie The Bangles auf Drogen im Kalifornien der 70er Jahre.

Zeugen:

Sonne und Mond sind die Fixpunkte in diesem Universum, „Reaching Up The Sun“, ein 53 Sekunden kurzer, in der Sprache der Onomatopoesie verfasster Choral, ist der Startpunkt all dieser Erkundungen. Was die vier Kalifornierinnen danach bieten, ist mehr oder weniger eine Ode an das Entschweben. Selten trugen die Songs der Band weniger Gewicht, kaum je mäanderten sie von Bass, Synthies, Gesang und Chören getragen so verspielt durch die Klangräume des mythenbesetzten Sounds der West Coast.
Vielleicht ist es der diesen Sounds und Melodien innewohnende Zauber, der den Aufbruch aus dem Dunkel so hell aufscheinen lässt. Die Surf- und Psychpopsongs hier gleichen einer Therapie, in der Cleveland ihren Glauben an die Liebe im Sinne einer allumfassenden Kraft stärken kann.

Cleveland und ihre Mitstreiterinnen geben sich ganz der Psychedelia hin, verbinden in bester Traum-Logik unterschiedlichste Ideen miteinander, als wäre es das Natürlichste auf der Welt. „I’ll Go With You“ beginnt mit Doom-Gitarren und entpuppt sich als liebliche Baroque-Pop-Ballade. Der Titeltrack funktioniert umgekehrt: Ein verspielter Bossa-Nova-Groove macht im Finale Platz für ein mächtiges Stoner-Riff, das dann aber wieder vom klimpernden Xylofon kontrastiert wird. Das spacige, dubbige Instrumental „Moon In Reverse“ geht über in die trockene Traurigkeit der Folk-Ballade „Blue Jay“. Und das sanft wiegende Psych-Pop-Stück „Always In Love“ (der auch textlich hoffnungsvollste Moment des Albums) wird mit einem verzerrten Gitarrensolo beendet. Diese Songs sind im stetigen Fluss, eine perfekte Ergänzung zu Clevelands tragischer Poesie. Und zeigen, dass auch die schrecklichsten Veränderungen Raum für neue Schönheit schaffen können.

Indizien und Beweismittel:


 


 


 


Ortstermine:
10.09.24 Bumann & Sohn, Köln
11.09.24 Prinzenbar, Hamburg
12.09.24 Badehaus, Berlin
13.09.24 Manufaktur, Schorndorf

Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...


13. Juni 2024

Maya Hawke - Chaos Angel



Die erste Vorladung (X)

Personalien:
Maya Hawke ist eine US-amerikanische Schauspielerin und Singer/Songwriterin, die wohl durch ihre Rolle in der Serie §Stranger Things“ am bekanntesten ist. Noch bekannter sind allerdings ihre Eltern: Ethan Hawke und Uma Thurman. 

Tathergang:
Maya Hawke begann ihre Karriere mit 18 Jahren als Model, stand 2017 erstmals vor der Filmkamera und veröffentlichte 2019 ihre erste Single. Mittlerweile ist sie 25 Jahre alt und hat bereits drei Alben herausgebracht: Nach „Blush“ (2020) und „Moss“ (2022) erschien nun „Chaos Angel“. 
Das kreative Team des Vorgängers wurde auch für die zehn neuen Songs beibehalten und bestand aus: Christian Lee Hutson  (Produktion, Songwriting, Gesang, zahlreiche Instrumente), Benjamin Lazar Davis Songwriting, Gesang, zahlreiche Instrumente), Will Graefe (Songwriting, Gitarre, Gesang) und natürlich Maya Hawke selbst (Gesang, Songwriting). In die Entstehung des Albumopeners „Black Ice“ waren zudem der Musiker Jesse Harris, Mayas Bruder Levon und ihre „Stranger Things“ Kollegin Sadie Sink involviert.
Chaos Angel“ wurde über das Label Mom + Pop als CD, Kassette und LP (black Vinyl) veröffentlicht. 

Plädoyer:
„Chaos Angel“ bietet warmen, minimalistischen Folk und entspannten, repetitiven Alt-Pop. Joni Mitchell, Adrienne Lenker und James Blake werden von Maya Hawke selbst als Einflüsse genannt. Der überflüssige Vocoder-Einsatz auf „Better“ darf wohl Blake angelastet werden, der Schuldige für den Country-Touch in „Big Ideas“ wird noch gesucht. Hübsch hingegen sind die Streicher auf „Okay“ und „Chaos Angel“, zu den weiteren Highlights zählen das eingängige „Black Ice“ und „Dark“, welches gegen das Einlullen des Hörers ankämpft. Maya Hawke rückt sich mit ihrer rauchig-brüchigen Stimme und feinen Akzentuierungen (zwischen Croonen und Flüstern) immer wieder in den Mittelpunkt.  

Zeugen:

Her songwriting has stressed the importance of love, love that breaks the mould, enlightens, and perseveres through the heaviest blows against it; the love she conjures here is just as beneficial for herself as it is for her listeners. Chaos Angel stays inherently pure, expertly produced in a way that Hawke’s airy vocals are free to dance over a gathering of enchanting instrumentation. Still, her poetic writing achievements rest at the foreground of the record, demonstrating a detailed surveillance of her life, in order to acquire some valuable closure in the face of chaos.

It’s a superb album that showcases Hawke’s talent as a poetic and empathetic songwriter, and singer blessed with a beautifully becalming voice (“Hang in There” is a fine example) highlighting her creativity and versatility. Chaos Angel isn’t just an album but a creative manifesto—a declaration of Hawke’s unwavering commitment to her craft and her refusal to be confined by the limitations others may seek to impose.

Chaos Angel is its own world and is worth getting lost in. It is inspiring how Maya Hawke does not overdo what the production needs to accompany her collection of songs and stories. With no surprise Maya Hawke is as brilliant of a storyteller in her music as she is on screen and Chaos Angel is a perfect representation of this.


Indizien und Beweismittel:


 


 


 


Ortstermine:
-

Urteile:
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12. Juni 2024

Aluminium - Fully Beat


Die erste Vorladung (IX)

Personalien:
Aluminium ist nicht nur ein silbrig-weißes Leichtmetall und insgesamt das dritthäufigste Element sondern auch eine aus Marc Leyda (Gesang, Gitarre, Sampler), Ryann Gonsalves (Gesang, Bass), Austin Montanari (Gitarre) und Chris Natividad (Schlagzeug) bestehende Band aus San Francisco.

Tathergang:
Die Mitglieder von Aluminium sind und waren zuvor bereits in anderen Bands wie Wild Moth, Marbled Eye oder Torres aktiv. Ende 2020 veröffentlichte das Quartett - damals noch mit Eric Mohammed als Drummer - zusammen eine erste Single, der im Herbst 2022 in gleicher Besetzung die 6 Songs starke „Windowpane“ EP folgte. Das Debütalbum bietet 10 neue Songs, trägt den Titel „Fully Beat“ und wurde Ende Mai 2024 als LP (pale blue Vinyl) veröffentlicht.

Plädoyer:
Als würde man in den 90er Jahren in die Sendung „120 Minutes“ mit Paul King zappen: Shoegaze trifft Madchester („Always Here, Never There“, „Beat“), Pust-Punk auf BigBeats („Behind My Mouth“), hypnotische Electronica („HaHa“, Birds Flew Here“), Bubblegum Pop zu kreischenden Gitarren mit Girl-/Boy-Gesang („Pulp“). Und rückwarts abgespielte Gitarren („Call An Angel“) sind immer cool.

Zeugen:

„Beat“ hat einen gleichmäßigen Mid-Tempo-Puls, der an die Happy Mondays erinnert, mit einer Rhythmusgruppe und verschwommenen Gitarren, die sich unter dem hypnotischen, kontrapunktischen Gesang der beiden Sänger wunderbar zu einer Lo-Fi-Seligkeit verbinden.

The band’s sound is familiar, but slippery. Try too hard to pin it down and it squirms from Happy Mondays/Soup Dragons body movers to a more toothsome strain of ‘90s nostalgia — feeling like it lobs the Madchester mindset right onto the couch at 120 Minutes. The song is low slung but seething, bringing the Salt n’ “Seether” guitar tones, while nodding towards a few more buried treasures of the era like Fur or Superette. The song immediately latches onto the listener, feeling like an old favorite whose name is always on the tip of the tongue, but forever out of reach. The group’s Ryann Gonsalves gives the song its dry ice detachment — a feeling that eschews aloof and lands in the arms of effortlessly cool.


Indizien und Beweismittel:
 

 


 


 


 


Ortstermine:
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Urteile:
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