31. März 2024

Mina Richman - Grown Up


Jetzt sitzen wir bereits wieder drei Monate zu Gericht, hören uns durch zahlreiche Platten, wälzen Akten, wägen Zeugenaussagen ab, suchen nach mildernden Umständen und treffen wohl begründete Unterteile - dennoch wären beinahe das erste sowie die drei noch folgenden Quartale umsonst gewesen und wir hätten unseren Endstand 2024 dem Schredder übergeben müssen!
Gerettet hat uns Linus Volkmann im Musikexpress: „Ohne diesen Act kannst du 2024 vergessen – Mina Richman“.
  
Die in Berlin geborene und in der nordrhein-westfälischen Provinz aufgewachsene Mina Richman veröffentlicht 2022 mit „Jaywalker“ eine erste EP und wählte aufgrund ihres sperrigen bürgerlichen Namens zuvor diesen Künstlernamen. Durch den Solidaritäts-Song „Baba Said“ wird die queere Deutsch-Iranerin während der Revolution im Iran deutlich bekannter. Zusammen mit den Musikern Friedrich Schnorr von Carolsfeld, Alexander Mau und Leon Brames sowie dem Produzenten Tobias Siebert (Slut, Enno Bunger, Phillip Boa And The Voodooclub, Kettcar) entstand das Debütalbum der Singer/Songwriterin, die Einflüsse von Soul, Folk und HipHop in ihre Musik einfließen lässt. Dem Albumtitel „Grown Up“ ist bereits zu entnehmen, dass Mina Richmann textlich das Erwachsenwerden thematisiert und ihre Kindheit, kulturelle Entwurzelung und den gesellschaftlichen, wie auch ihren persönlichen Umgang mit ihrem weiblichen Körper verarbeitet.

Aber lassen wir doch wieder Herrn Volkmann zu Wort kommen und begründen, warum diese Platte 2024 unbedingt vor Gericht gestellt gehört: „Ihre Musik ist dabei melancholischer Pop mit Gitarre und trockenen Beats. Die Songs musikalisch genauso vielschichtig wie aber auch intim – hinreißende Mischung halt.“

Mina Richman unterwegs -  und auch dazu hat Linus Volkmann eine Meinung: „Schaut vorbei, wenn ihr könnt, es ist einfach phantastisch. Thank me later!“
03.04.24 Leipzig – Horns Erben 
04.04.24 Berlin – Berghain Kantine 
05.04.24 Göttingen – Nörgelbuff 
06.04.24 Kassel – Kulturzentrum Schlachthof 
12.04.24 Köln – King Georg 
18.04.24 Düsseldorf – FFT
19.04.24 Essen – Grend  + Stina Holmquist 
20.04.24 Recklinghausen – Altstadtschmiede 
22.04.24 Münster – Pension Schmidt 
26.04.24 Bielefeld – Forum 
17.05.24 Beverungen – Orange Blossom Special Festival

23.05.24 Bamberg – kontakt Kulturfestival

24.05.24 Gelsenkirchen – Wohnzimmer GE

25.05.24 Köln – BRITNEY X Festival

01.06.24 Rotenburg (Wümme) – HeimatGenuss

06.06.24 Jüterbog / Niedergörsdorf – Wurzelfestival

13.06.24 Erfurt – Campusfestival

15.06.24 Osnabrück – Fairytale Festival

22.06.24 Duisburg – Traumzeit Festival

23.06.24 München – CSD

18.07.24 Düsseldorf – asphalt Festival

03.08.24 Raversbeuren – Lott Festival 
09.08.24 Ueckermünde – Musik & Stille Festival

10.08.24 Dresden – Palais Sommer  w/ Florian Ostertag

23.08.24 Detmold – Party am Arsch der Welt

24.08.24 Hamminkeln – Cheesecake Festival

04.09.24 Mainz – Schon Schön
07.09.24 Oerlinghausen – Soziokulturelles Zentrum KNUP 
23.10.24 Soest – Alter Schlachthof
24.10.24 Kiel – Hansa 48
25.10.24 Lüneburg – Spätcafé im Glockenhof 
19.01.25 Krefeld – Hutkonzert 
31.01.25 Freiburg – Vorderhaus 
01.02.25 Bayreuth – Das Zentrum


 


  


   


   


 



30. März 2024

Boeckner - Boeckner!


Dan Boeckner hat bereits fünf Alben mit Wolf Parade veröffentlicht, hinzu kommen zahlreiche weitere Bands und Projekte: drei Platten lieferte er mit dem Nebenprojekt Handsome Furs (gemeinsam mit seiner Frau Alexei Perry) ab, jeweils eine unter den Namen Atlas Strategic, Operators sowie Divine Fits (zusammen mit Britt Daniel von Spoon). Zwischenzeitlich fand der Kanadier auch noch Zeit für Podcasts sowie Aufnahmen / Tourneen mit Arcade Fire. Und natürlich sein erstes Soloalbum, das diesen Monat über Sub Pop Records veröffentlicht wurde!

Durch die Zusammenarbeit mit dem Produzenten Randall Dunn (Sunn O))), Anna von Hausswolff, Marissa Nadler, Algiers) fühlte sich Boeckner angeregt, einige unterdrückte musikalische Triebe, wie okkulte Synthesizer, Pseudo-Metal, Krautrock und schwere Psych-Einflüsse, in seine Musik einfließen zu lassen. Das klingt nun obskurer, als es das Ergebnis tatsächlich ist, denn „Boeckner!“ bietet von düsteren Synthesizer-Sounds geprägten, eingängigen Alternative Rock, an dessen Umsetzung auch der Schlagzeuger Matt Chamberlain (Studiomusiker für Pearl Jam, Tori Amos, Garbage oder Fiona Apple) und der Medicine-Gitarrist Brad Laners beteiligt waren. Bei der Beschreibung dieses Albums greift Dan Boeckner auf auf die eingangs erwähnten Bands zurück: „Diese Platte ist wie eine Autobiografie - strategische Musik aus Atlas, konkrete Synthesizer-Explosionen, üppiges Synthesizer-Zeug von Operators, die Noise-Gitarre von Handsome Furs, Einflüsse von Stockhausen bis Tom Waits, alles zur gleichen Zeit.“

Boeckner!“ kommt mit 8 Songs und 32 Minuten Musik aus und ist als CD und LP (opaque marbled peach Vinyl, Jalapeño green Vinyl) erhältlich.


 


Denn auch, wenn es neben dem drohenden Verlust angebeteter Menschen genauso spukige Erscheinungen im eigenen Spiegelbild oder postapokalyptische Innenstadt-Szenarien verhandelt, ist "Boeckner!" vor allem eins: ein jubilierendes, die Zähne zeigendes Indie-Pop-Wunderwerk, das große Harmonien zur Schau stellt, in einem Moment beinahe zu Tränen rührt und im nächsten zackig auf die elektronische Pauke haut. Besonders "Wrong" macht in dieser Hinsicht den Lauten, lässt breitbeinige Gitarren schmirgeln und die Rhythmen so betrommelt zischen und dengeln, als wäre Martin Hannett einst angetütert ins Drum-Setup von Joy Divisions "She's lost control" gerauscht. Mit dem Unterschied, dass Boeckner und Mannschaft jederzeit alles im Griff haben – und einen Haufen toller Songs in der Hinterhand.





29. März 2024

Elbow - Audio Vertigo


Ähnlich wie beim gestern vorgestellten „Where The Wild Things Grow Lilac“ von Starsailor variieren auch bei „Audio Vertigo“ die Cover farblich und passend zum darin befindlichen Vinyl. Es gibt neben black Vinyl noch blue Vinyl und clear Vinyl, ich konnte eine der auf 1000 Exemplare begrenzten Auflage auf orange with multi splatter Vinyl bei Blood Records ergattern:




Audio Vertigo“ kommt ruppiger und rockiger daher als sein Vorgänger „Flying Dream 1“, der während der COVID 19-Pandemie entstanden ist, indem die Bandmitglieder getrennt voneinander komponierten und sich die Ideen online zukommen ließen. Dies wollten Guy Garvey (Gesang), Craig Potter (Keyboards, Produktion), Mark Potter (Gitarre), Pete Turner (Bass) und Alex Reeves (Schlagzeug) nun bewusst anders angehen und nahmen auch Unperfektes oder Studiogespräche mit aufs Album. Es gibt einen Kinderchor („Good Blood Mexico City“), der bei Nachnamen wie Garvey, Turner und Reeves fast schon als Elbow eigen bezeichnet werden darf, sowie wuchtige Bläser Arrangements („Lovers’ Leap“, „Balu“), jedoch keine dramatischen oder bombastischen Streicher.


 


Daneben darf jedoch nie in Vergessenheit geraten, wie viel gottverdammten Spaß "Audio vertigo" einfach macht – egal, ob "Balu" mit Tiefenverzerrung und maximaler Bläser-Wucht jedes Spotlight auf sich zieht oder "Good blood Mexico City" als wahrscheinlich simpelster Rocksong der Band "This is the day for big decisions", verkündet. Einem konsequenten Ruhepol am nächsten kommt "Very heaven", was viel aussagt angesichts dessen, dass dieser Schleicher mit luftigem Akustik-Prog-Chorus und kryptischen Lyrics à la "Seventeen is anti-gravity" alles andere als ruhig ist. Wer Elbow in erster Linie für Balladen wie "Great expectations" oder "Lippy kids" liebt, könnte mit "Audio vertigo" Probleme bekommen (…).


 


Zu diesen bewährten Stadionhymnen dürften dank "Audio Vertigo" einige ähnlich wuchtige Crowdpleaser wie "Lovers' Leap" oder "Balu" hinzukommen - auch sie haben das Zeug zur Überwältigung mittels Gefühl und Groove.  (…)
„The Picture", "Knife Fight" und "Good Blood Mexiko City" treiben daher ebenfalls kraftvoll im Stadionrock-Modus voran, ehe ELBOW den wohl besten, ambitioniertesten Track ihres neuen Werks versöhnlich ans Ende gesetzt haben: "From The River" hat - obwohl keineswegs die berührende Farewell-Ballade, die sie auch drauf haben - eine so herrlich jazzige Sophisticated-Pop-Leichtigkeit, dass man durchaus an die 80er-Jahre-Legenden Prefab Sprout denken darf. Ein perfekter Abschluss eines nicht ganz perfekten (weil etwas unrunden) Albums. 





28. März 2024

Starsailor - Where The Wild Things Grow


Während James Walsh (Gesang, Gitarre) nahezu im Jahrestakt neue Musik in Form von EPs oder Alben veröffentlicht, lässt er sich mit seinen Kollegen von Starsailor - Bassist James Stelfox, Keyboarder Barry Westhead und Schlagzeuger Ben Byrne - dafür reichlich Zeit: In den letzten 15 Jahren sind mit „All This Life“ (2017) und nun „Where The Wild Things Grow“ gerade einmal zwei neue Platten erschienen.

Das sechste Album von Starsailor wurde wie sein Vorgänger von Richard McNamara, dem Gitarristen der Band Embrace, produziert, bietet 11 Songs in 41:26 Minuten und ist in zahlreichen Varianten auf CD, Kassette und LP (black Vinyl, lilac Vinyl, yellow Vinyl, red & transparent Pinwheel Effect Vinyl) mit farblich variierenden Covern erschienen.

Walsh & Co. begeben sich mit McNamara auf einen Retro-Rock-Trip, der zurück in die 70er Jahre führt: Der über fünfminütige Opener „Into The Wild“ startet dem entsprechend wie ein Sprössling von Starsailor und Embrace, um dann ab der Mitte mit Mundharmonika-Klängen und Gospelchor zu überraschen, einen ähnlichen Move unternimmt später auch der Folk-Rocker „Better Times“. „After The Rain“ bietet Gitarrensolo sowie Orgelklänge und taucht noch tiefer in die 70ies ab, „Flowers“ reduziert am Ende der ersten Plattenseite erstmals das Tempo und lässt an Nashville Country denken. „Where The Wild Things Grow“ und „Dead On The Money“ wurden zurecht vorab veröffentlicht, „Last Shot“ wäre jedoch mein Single-Kandidat gewesen: 


 


In “Where the Wild Things Grow,” Starsailor delivers a sonically cohesive masterpiece, showcasing their evolution as musicians and storytellers. With each track, they reaffirm their place in the musical landscape, proving that while nostalgia may beckon, their creative journey is far from over.


 


The single, Dead On The Money – with its double-meaning title – is destined to become a singalong moment in their live shows having already proved to be a fan-favourite since its release.. 
Come closing number Hanging In The Balance, Walsh is at his most reflective, singing ‘If we hold on to tight we’ll suffocate it / If we give it too much space we’ll just erase it’ and opening up a world of emotions that have run through the band’s most recent recordings and helped lure longtime fans back into Starsailor’s musical universe. 


 



27. März 2024

10 Schallplatten, die uns gut durch den April bringen


10. Taylor Swift - The Tortured Poets Department (2 LPs, Phantom Clear Vinyl, Limited Edition) (19.4.2024)






9. Pearl Jam - Dark Matter (Limited Edition, Black Red Yellow Vinyl) (19.4.2024)






8. Vampire Weekend - Only God Was Above Us (2 LPs, Limited Indie Exclusive Edition, Alternate Cover) (5.4.2024)






7. The Fourth Wall - Return Forever (LP) (12.4.2024)






6. Girl In Red - I’m Doing It Again Baby! (Limited Indie Exclusive Edition, Translucent Red Vinyl) (12.4.2024)






5. Pet Shop Boys - Nonetheless (Indie Exclusive Edition, Grey Vinyl) (26.4.2024)






4. Einstürzende Neubauten - Rampen (apm: alien pop music) (2 LPs, Limited Edition, Yellow Vinyl) (5.4.2024)






3. The Reds, Pinks & Purples - Unwishing Well (White Vinyl) (12.4.2024)






2. James - Yummy (Zoetrope Picture Disc) (12.4.2024)






1. Kettcar - Gute Laune ungerecht verteilt (180g, Limited Deluxe Edition, Split Yellow/Green Vinyl) (5.4.2024)







Torres - What an enormous room



Den auf dem Cover dargestellten Raum verdient Mackenzie Scotts (aka Torres) Stimme zweifellos. Auf ihrem sechsten Album "What an enormous room" stellt sie diesen Anspruch zu Gunsten musikalischer Vielfalt zurück. Elektronische Rockklänge haben da ebenso Platz wie etwas Folk, Indierock und Art Rock. Bereits auf "Thirstier" klang Torres selbstbewusster als auf den Platten zuvor, diese Entwicklung setzt sich mit ihrem aktuellen Album fort. 

„What An Enormous Room“ schöpft aus Vergangenheit und Gegenwart des Indierocks, hat Liz Phairs feministisch-sexpositiven Punkansatz ebenso verinnerlicht wie knurrende Grunge-Gitarren und einen Hauch zickigen Wave-Sound. Ihrer* Herkunft aus dem Süden der USA zollt Torres mit lichtdurchflutetem Songwriting Tribut, besonders schön gelingt das in „Artificial Limits“, in dem Torres mit nostalgischer Orgel und großzügigem Echo geradezu transzendente Effekte erzielt. Eindrucksvolle Platte einer Künstler:in, die Zweifel in Mut und Power verwandelt. 

(Visions)


"Collect", "Happy man's shoes" und "Artificial limits" sind für mich die stärksten Titel, schwache Songs finden sich auf "What an enormous room" ebenso wenig wie ein roter Faden. Im direkten Vergleich war "Thirstier" einen Tick zwingender und direkter. Mit dem Nachfolger setzt Mackenzie Scott eine Duftmarke im Art Rock-Revier. Schauen wir mal, welche Richtung sie mit der nächsten Platte einschlagen wird. 

"Collect":


"Wake to flowers":

26. März 2024

Das Feuilleton - Ab morgen bin ich unpolitisch


Passend zum Konzept hat Tobias Siebert auf Konzerten als And The Golden Choir vor dem eigenen Auftritt eine von ihm ausgewählte Schallplatte aufgelegt und eine komplette Seite vorgespielt. Beim Tourauftakt von Klez.e letzte Woche in Köln hatte er Das Feuilleton dabei, was auch passend war, denn das Leipziger Trio spielt lärmenden, schroffen Post-Punk mit vieldeutigen deutschen Texten und ihr Debütalbum wurde von Siebert aufgenommen. Robert Amarell (Gesang, Gitarre, Bass), Michael Büschelmann (Gitarre) und Julius Kraft (Schlagzeug) spielten zwar nicht chronologisch eine Plattenseite, boten aber doch einige Songs aus „Ab morgen bin ich unpolitisch“, welches erst am folgenden Tag veröffentlicht werden sollte, dar. 
„Seemann“ klingt mit seinem metallischen Noise schön nach Einstürzende Neubauten, „Stimme“ und „Wolf“ sägen an den Nerven, weshalb Die Nerven als weitere Referenz herhalten dürfen. 


 


Hier sind feine Details im dicht nebligen Sound verwoben, und dabei dürfen alle Bestandteile glänzen: die schneidende Gitarre, der coole Bass, das vielschichtige Schlagwerk. Zum Beispiel bei jenem metallischen Dengeln, das sich durch erwähnten "Seemann" zieht, während die Gitarren stoisch ihre maschinenhaften Rhythmen voranschieben. Der plötzliche Schönklang, der aus "Schweinehälften" tatsächlich ein romantisches Liebeslied macht. Das angenehme 90er-Gefühl im Indie-Rock-Song über die menschlichen Riesenechsen. Oder die kleinen Synthie-Sprengsel im minimalistischen "Wolf". Und natürlich ist der Albumtitel nicht platt als Lebensmotto zu betrachten. Unpolitisch zu sein, das geht doch als denkender und fühlender Mensch heutzutage gar nicht mehr. Aber ruhig mal nachdenken, bevor man seiner "Stimme" Ausdruck verleiht, denn Worte haben Kraft, wie ein weiser Mann namens Farin U. einst sagte. Oder eben so: "Alles verändern können die Buchstaben, egal, ob auch stimmt, was sie sagen.“




25. März 2024

Brimheim - Ratking


Bei einem so klangvollen Namen wie Helena Heinesen Rebensdorff bedarf es doch eigentlich keines Künstlernamens, oder? Dennoch veröffentlicht die faröisch-dänische Künstlerin ihre Musik als Brimheim. 2020 ist mit „Myself Misspelled“ eine erste EP  erschienen, 2022 folgte das Debütalbum „Can't Hate Myself Into A Different Shape“. 

Für „Ratking“ öffnet sich Brimheim zunehmend den elektronischen Klängen, so dass Artpop, Indierock und Elektropop als passende Label ausgewählt und für Referenzen Austra, St. Vincent und Torres herangezogen werden können. Inhaltlich stellt das Album eine Erforschung von Begehren und Besessenheit, Selbstbetrug und Scham sowie die Frustration über vorgeschriebene Geschlechterrollen.

Ratking“ entstand in Zusammenarbeit mit zwei Mitgliedern der dänischen Band Blaume Blume, nämlich Søren Jensen Buhl (Schlagzeug, Produktion) und Robert Jensen Buhl (Gitarre), und ist als LP (black Vinyl, amber marbled Vinyl) am 22. März veröffentlicht worden.


Hier wagten sich BRIMHEIM aus dem gewohnten Indie-Rock-Terrain heraus und arbeiteten mit elektronischen Elementen, einem New Wave-Pop-Setting mit Club-Flair und klassischen Mitsing-Refrains. Inhaltlich beschäftigt sie sich dabei mit dem Thema Selbstwahrnehmung in der Öffentlichkeit sowie dem Kontrollieren von Impulsen - und thematisieren dabei auch die Suche und das Sehnen nach Empowerment und Selbstbestätigung; was letztlich zu einem Leitmotiv für das gesamte Album wurde.
Weiter erforscht wird dieses so entdeckte Leitmotiv dann beispielsweise mit dem vollkommen im Pop-Metier angekommenen Song „Brand New Woman“, den die Musikerin mit ihrer Freundin, der dänischen Dreampop-Künstlerin EMMA 'EEE GEE' GRANKVIST im Duett inszenierte. (…)
Zwischen der Wave-Rock-Hymne „Dancing In The Rubble“ am Anfang des Albums und der Noir-Piano-Elegie „Hurricane“ am Ende liegen Welten, die BRIMHEIM mit facettenreichen Zwischentönen in den zum Teil dystopisch-orchestral inszenierten restlichen Tracks paritätisch ausfüllen.


 


   


 



22. März 2024

Tom McRae - Étrange Hiver


Es ist nicht das erste Mal, das englische Künstler ihrem Album einen französischen Titel verpassen - mir fällt direkt „Café Bleu“ von The Style Council ein. Jedoch ist bei Tom McRae der Grund schnell ersichtlich: Jeder der 10 Songs bietet ein Duett mit einem französischen Künstler und dem entsprechend wird auch häufig auf Französisch gesungen. Auch von Tom. 

Mit diesen 11 Duetten unterstreicht Tom McRae einerseits seine tiefe Liebe zur französischen Musik und andererseits seine persönliche Beziehungen zum europäischen Festland nach der katastrophalen Entscheidung Großbritanniens, die EU zu verlassen. Mit dem Albumtitel umschreibt Tom McRae sein Gefühl, dass wir uns, mit der Pandemie, dem Überfall Russlands auf die Ukraine, den Vorgängen in Israel und im Gazastreifen,  in einem seltsamen, unendlichen Winter befinden.

Auf dem neunten Studioalbum von Tom McRae hören wir den Singer/Songwriter zusammen mit Keren Ann, Jean Grillet (Chien Noir), Anne-Claire Ducoudray (Clou) oder Alex Beaupain. Namen, die mir größtenteils nichts sagen und zeigen, wie sehr er sich in der französischen Musikszene auskennt. 
Musikalisch bleibt McRae auf gewohntem Terrain und begibt sich nur gelegentlich ins Grenzgebiet zum Chanson. Das größtenteils balladeske „Étrange Hiver“ lässt mich häufig aufgrund der Arrangements an McRaes Debütalbum denken - ein viel größeres Kompliment könnte ich kaum aussprechen. Immer wieder schleichen sich sanft Streicher in die Songs ein, etwa bei der Piano-Ballade „Lover’s Souvenir“, so dass man auch an Damien Rice denken darf, oder dominieren den Song, wie beim dramatischen „For My Confessor“, welches eher in Richtung The Divine Comedy geht. Einzelne Songs für Lieblingslieder oder Anspieltipps herauszupicken fällt schwer, der mit Keren Ann gesungene Opener „Wild Love“ würde aber auf jeden Fall dazu gehören. 

Étrange Hiver“ kann bereits seit einigen Tagen digital gehört werden, die physische Veröffentlichung (CD) erfolgt heute, die Schallplatten (black Vinyl) lassen noch ein wenig auf sich warten.
 

 


   


 


21. März 2024

Bleachers - Bleachers


Nach „Take The Sadness Out Of Saturday Night“ (2021), dem dritten Album seines Projektes Bleachers, hat Jack Antonoff die Alben von Lana Del Rey, St. Vincent, Lorde, Clairo, Florence And The Machine, The 1975 und Taylor Swift produziert. Bei einer solch’ beeindruckenden Liste kann man einzelne Songs (u.a. für Olivia Rodrigo, Spoon, Caroline Polachek, Phoebe Bridgers oder Weyes Blood) getrost unter den Tisch fallen lassen. 
Als Produzent ist Jack Antonoff somit zurzeit so erfolgreich wie kein anderer: In den USA kommt er in weniger als drei Jahren auf 7 Nummer Eins- und 4 Top 10-Alben, im Vereinigten Königreich waren es sogar 9 Alben an der Spitze der Charts. 

Da wird es ihn vielleicht wundern und wurmen, dass ausgerechnet die Bleachers, bei denen er im Mittelpunkt steht, da nicht mithalten können. Obwohl „Bleachers“ unter Mithilfe von Lana Del Rey („Alma Mater“), Florence Welch („Self Respect“), Annie Clark („I Am Right on Time“), Matt Healy („Hey Joe“) und - auf gleich drei Songs - Clairo entstanden ist. Zu allem Überfluss sind auch die Plattenkritiken nicht besonders: Metacritic steht aktuell bei 67/100 Punkten für „Bleachers“.

Die 14 Songs sind auf Hochglanz polierter Pop, der jedoch größtenteils im Midtempo-Bereich steckenbleibt und so klingt, als würden The 1975 und Justin Vernon „Tunnel Of Love“ (1987) von Bruce Springsteen covern.   

„Bleachers“ gibt es als CD, Kassette und in diversen LP Varianten, mit alternativen Covern und zahlreichen Bonus Tracks: blue Vinyl, red & white marble Vinyl, Picture Disc, clear Vinyl, white Vinyl, red Galaxy Vinyl und black and white colour-in-colour Vinyl.

Bleachers in Deutschland:
30.08.24 Berlin, Columbiahalle
01.09.24 Köln, E-Werk


 


Im Kreis seiner eigenen Band schlägt sein Fan-Herz zum Glück immer wieder den ästhetischen Perfektionswillen. Das beginnt bereits mit den The-Edge-Gitarren im Intro von „I Am Right On Time“ und setzt sich im frühspringsteenesken „Modern Girl“ fort. Ein Saxofon trötet wie von Sinnen – und die New-Jersey-Combo schwingt sich zur Millennial-Version der E Street Band auf.
Antonoff hat letztes Jahr die Schauspielerin Margaret Qualley geheiratet. Seine neuen Songs fließen und fluoreszieren im Liebesrausch, am schönsten in „Tiny Moves“. „Bleachers“ ist eine Wellness-Pop-Wundertüte. 


 


Der Signatursound der Bleachers ist warm und voluminös, und nicht nur durch „Me Before You“ turnen diese Bläser, die Antonoff, wie ihm Kritiker vorwerfen, als Produzent auch gerne seinen Klienten in den Sound schmuggelt. Klar, die Bleachers sind rückwärtsgewandt, aber auch so auf der Höhe der Zeit, wie man als Rockband halt sein kann. Zu viele Songs entwerfen zwar eine faszinierende Atmosphäre, aber scheinen ewig darauf zu warten, dass wirklich etwas passiert.
Stücke wie „Self Respect“ wirken wie Arrangement-Blaupausen, die man guten Kunden vorlegt: So könnte dein Song klingen. Ausnahmen sind das mit Del-Rey-Vocals verzierte „Alma Mater“, der wundervoll stupide Partysong „Modern Girl“ und das hoffnungsvoll-entspannte „Woke Up Today“. 





20. März 2024

The Fourth Wall - Return Forever


Wie The Dandy Warhols, die gestern mit ihrer Platte vor Gericht standen, kommen auch The Fourth Wall aus Portland, Oregon. 
Neben Stephen Agustin, der für Gesang, Gitarre, Piano, Synthesizer, Samples, Texte und alle Aspekte von der Aufnahme über die Produktion bis zum Abmischen verantwortlich zeichnete, gehören Kasey Campbell-Shun(Gitarre), Kendall Sallay (Gesang), Andrew White ( Schlagzeug) und Chris Wobb-Lau (Bass) zur Band.  

The Fourth Wall sind keine Newcomer mehr, denn mit „Motion And Rest“ (2012), „Lovely Violence“ (2015) und „Infinite Other“ (2018) wurden mit wechselnder Besetzung zuvor bereits drei Alben herausgebracht. „Return Forever“ wurde nun über DevilDuck Records als CD und LP (black Vinyl) veröffentlicht.

Stephen Agustin begann während der Pandemie mit dem Songwriting und ließ sich von seiner eigenen Familiengeschichte thematisch inspirieren. Seine Eltern stammen aus Korea bzw. von den Philippinen und so dreht es sich auf den neun Songs des Albums inhaltlich um die Erfahrung von Einwanderern, das Assimilieren in deren neuen Heimat und bruchstückhaft Familiengeschichten.
Austins Vater, selbst Musiker, nahm seinen Sprössling mit zu einem Konzert von B.B. King, was bei dem damals 10-jährigen den Wunsch entfachte, Gitarre spielen zu lernen. Glücklicherweise ist er aber nicht beim Blues gelandet, sondern spielt mit seinen Mitstreitern melodischen Noise-Rock, vielleicht so, als träfen Death Cab For Cutie auf Pixies. 

Ich möchte wetten, dass The Fourth Wall am Ende des Jahres bei Platten vor Gericht deutlich vor The Dandy Warhols stehen werden.


 


So scheint der Mann als maßgeblicher Gestalter des Werkes weder etwas gegen eingängige (poppige?) Melodien, noch hymnische Akkordfolgen und schon gar nichts gegen Overdrive, Feedback und krachige, schmirgelnde Postpunk-Riffs zu haben. Eine gehörige Prise Psychedelia und Dystopie runden das Ganze nach unten und oben ab. Kein Wunder, dass Kasey Campbell-Shun - der Gitarrist des Quintetts - "Noise" als Bestandteil seines Tuns in den Credits listet und dass der Backing-Gesang von Kendall Sallay der Sache viel von der genretypischen männlichen Stacheligkeit nimmt. Und so entstehen dann Songs, die zugleich Prog wie Rock sind - und dabei zugleich komplex wie zugängig. Zusammengefasst ließe sich sagen: Da wird das Beste aus mehreren Welten zusammengeführt.




19. März 2024

The Dandy Warhols - Rockmaker


Wer auf einen Hit wie „Godless“, „Bohemian Like You“ oder „Not If You Were The Last Junkie On Earth“ hofft, wird erneut von The Dandy Warhols enttäuscht werden. Die 11 neuen Songs von „Rockmaker“, dem mittlerweile zwölften Studioalbum des Quartetts aus Portland, versuchen dem Albumtitel alle Ehre zu machen. 

Daher gibt es rohen, knarzenden und trockenen Alternative Rock, der sich auch bei Stoner-, Slacker-, Grunge-, Garage- oder Glam-Rock bedient und in seinem besten Moment an Iggy Pop („The Summer Of Hate“) erinnert. Häufig setzen die Dandy Warhols dabei auf repetitive Elemente (oder sind es fehlende Ideen?) und schnell fragt man sich, wie oft Courtney Taylor-Taylor Textzeilen wie „Ring-dong, ring-a-ding, dong“ („The Doomsday Bells“) oder Liedtitel („I’d Like To Help You With Your Problem“, „Alcohol And Cocainemarijuananicotine“) denn noch wiederholen möchte. Aber okay, das muss bei dem Nachnamen wohl so sein.

Auch die drei prominenten Gäste hinterlassen wenig bleibenden Eindruck: Slash macht so  Slash-Sachen an der Gitarre („I’d Like To Help You With Your Problem“), Black Francis wäre besser als Frank Black angetreten, denn er bleibt auf „Danzig With Myself“ so blass wie sein Solowerk, und Debbie Harry darf beim abschließenden „I Will Never Stop Loving You“ nicht mehr als mitsäuseln.

„Rockmaker“ ist als CD und LP (seaglass blue Vinyl, black & clear color-in-color Vinyl) erhältlich.


 


    


Denn wie Taylor-Taylor schon vor 25 Jahren feststellte, besteht der Ansatz der DANDY WARHOLS darin, im Studio so viele Spuren wie möglich einzuspielen. Die Aufgabe des Produzenten ist es dann, alles irgendwie einzufangen und zu schichten, und die des Mixers, das alles zu entwirren. Das hat sich bis heute auch nicht grundsätzlich geändert wie es scheint.
Diese Vorgehensweise führt beispielsweise zu Stücken wie dem Opener „Doomsday Bells“, „The Cross“ oder „Cocainemarijuananicotine“ in denen bestenfalls Riffs, Bassläufe oder Soundideen als Anker dienen, wobei es schon verwundert, dass es den der Band trotzdem immer wieder gelingt, durch regelrecht eingängige Passagen und gesangliche Exaltationen so etwas wie einen Songcharakter aus diesem Wust an Sounds herauszukitzeln. Auf der Bühne dürfte das dann sicherlich für entsprechende Begeisterung bei den Zuschauern sorgen.
Bestes Beispiel für diese „Technik“ ist zweifelsohne der Track „Danzig With Myself“: Laut Taylor-Taylor gehen die Musiker gerne ohne konkreten Plan ins Studio – und sind dann oft selber überrascht von dem Ergebnis. In dem Fall spielte Taylor-Taylor ein Riff auf der Gitarre, welches ihn an Glenn Danzig bzw. dessen Band MISFITS erinnerte, mit dem die Band dann herumspielte und diesen mit rückwärts laufenden Gitarren-Sounds, einem melodischen Mitsing-Refrain, Fuzz-Hooks und einem rollenden Basslauf ergänzte, bis am Ende dabei so etwas wie ein chaotisch überdrehter Psych-Power-Pop-Song, über den (und dessen Titel) die Bandmitglieder dann selber schmunzeln mussten, herauskam.


 


 



18. März 2024

Yard Act - Where’s My Utopia?


Where’s My Post-Punk? Wäre das nicht ein besserer Titel für das zweite Album von Yard Act gewesen?

Denn das Quartett aus Leeds löst sich vom Erfolgsrezept seines Debütalbums „The Overload“ (2022) und erhöht den Anteil von Dance-Rock, Disco, Funk und 90ies Hip Hop auf dem zweiten Album deutlich. Wie kann man sich das vorstellen? Zum Beispiel so: Baxter Dury als Gast bei den Gorillaz oder Beck im Remix der Sleaford Mods.

Dem Erfolg tut es keinen Abbruch: In den heimischen Charts konnte „Where’s My Utopia?“ den Erfolg von „The Overload“ nicht ganz wiederholen (#2 vs. #4), bei den Kritikern (= Metacritic) gab es auf sehr hohem Niveau eine kleine Verbesserung (85/100 vs. 86/100).

„Where’s My Utopia?“ ist als CD, Kassette und LP (black Vinyl, maroon Vinyl, orange Vinyl, Picture Disc, pinwheel white and orange LP with black splatter) erschienen.


Öffnung, wohin man auch hört: Die Vorabsingle „Dream Job“ ist ein Stück Postpunk-Discofunk, von Gorillaz-Mitglied Remi Kabaka Jr. auf den Punkt produziert. „The Undertow“ startet mit Beats aus der Box und wird zu einem Dream-Pop-Song, für Yard-Act-Verhältnisse jedenfalls. „We Make Hits“ ist der raubauzige unter den Chaosrocksongs. Überhaupt, die Funkiness, die hier aus Beats und Bass springt, legt auch eine deutliche Spur zum DIY-Zirkel der späten 70er- und frühen 80er-Jahre aus Leeds frei: Gang Of Four, Delta 5, Scritti Politti, MRA. Geschichtsbewusstsein, Polit-Statements, Spoken-Word-Drama: Dieses Album hat sich wie schon der Vorgänger eine Mercury-Prize-Nominierung verdient.


 


  


 



16. März 2024

Kapelle Petra - Hamm


Bereits seit 1997 veröffentlicht Kapelle Petra Alben. Über mehr als ein halbes Dutzend Platten, viele Konzerte und treue Fans hat die Band das Selbstvertrauen gewonnen, ihr aktuelles Album nach ihrer Heimat "Hamm" zu benennen. Eine Ausstellung im Jahr 2016 und ein Pop-up Store aus Anlass der "Hamm"-Veröffentlichung zeugen vom Status, den die Kapelle in der Stadt hat. Spätestens seit dem letzten Album "Nackt" aus dem Jahr 2019 und der ersten Chartplatzierung reichte der Ruhm auch weit über diese hinaus. "Hamm" stieg dieses Jahr sogar auf Platz 6 ein und Songs wie "Es war nicht alles schlecht", "Mittelmäßiges Leben", "Nicht alleine" und "Wann ist wieder Samstag" rechtfertigen den Erfolg zweifellos. 


"Hamm" bietet durchgängig tolle melancholische Popsongs im Indierock-Gewand. Einige der packenden Melodien und Refrains und auch einige der Textzeilen hat man so oder so ähnlich schon mal gehört. Aber Kapelle Petra vereinnahmt diese überzeugend. Da wurde doch tatsächlich das beste deutschsprachige Album des Jahres bereits veröffentlicht. 


Kapelle Petra haben mit „Hamm“ ein generationsübergreifendes Indie-Rock-Werk geschaffen, welches nicht nur meiner Generation X ein Gefühl vermittelt, auch in heutiger Zeit noch verstanden zu werden, sondern gleichzeitig sind Songs enthalten, die in ihrer wichtigen Alltäglichkeit allen Menschen, außer den bösen, Verständnis entgegenbringen. Auch wenn in den Texten viel Schwermut zu finden ist, tragen die Lyrics und der Indie-Sound, der sich auch nach 27 Jahren immer noch frisch anhört, mich empor, befreien bei mir Empfindungen und Einsichten, die schon viel zu lange auf einem viel zu wenig beachtetem Bahnhof warteten. (Album der Woche)


"Mittelmäßiges Leben":


"Nicht alleine":


"Freibad Pommes":


Die ersten Konzerte des Jahres sind bereits gelaufen, aber im April geht es weiter:

  • 24.04. Hamburg
  • 25.04. Bremen
  • 08.06. Hamm
  • 02.08. Berlin
  • 31.08. Wuppertal
  • 30.11. Bonn
  • 13.12. Dortmund

15. März 2024

Faye Webster - Underdressed At The Symphony


Ja, dieses neue Kleid wird Faye Webster wählen, um sich nicht mehr underdressed in der Sinfonie zu fühlen. Im Hintergrund sieht man übrigens, was sie bei ihren letzten 42 Besuchen im Opernhaus trug, denn ihr Kleiderschrank ist ausschließlich mit dem blauen Onesie gefüllt, den auch Wikipedia zur Visualisierung der einteiligen, Strampler-artigen Freizeitbekleidung nutzt.    

Der Onesie bietet auch eine gute Möglichkeit, die Musik auf Faye Websters fünften Album zu beschreiben, denn in den gemütlichen und behaglichen Softrock, der mit Einlagen aus Country, Jazz und R’n’B gefüttert ist, kann man sich gut für 37 Minuten einkuscheln, ihrem sanften, einlullenden (und gelegentlich Vocoder-verzerrten) Gesang und zarten Streicherarrangements lauschen. Der beste Song des Albums trägt den Titel „He Loves Me Yeah!“ und ist überraschenderweise nicht unter den vier ausgekoppelten Singles (siehe und höre unten). 

Nach ihrem 2013 selbst veröffentlichten Debütalbum wurde die aus Atlanta stammende Singer/Songwriterin von Secretly Canadian unter Vertrag genommen. Das Label veröffentlichte mittlerweile vier weitere Alben von Faye Webster. „Undredressed At The Symphony“ ist als CD, Kassette und LP in zahlreichen blauen Varianten (black Vinyl, blue Vinyl, clear with blue splatter Vinyl, blue & white Bullseye Vinyl) veröffentlicht worden.

Faye Webster in Deutschland:
24.05.24 Hamburg, Mojo Club
25.05.24 Berlin, Metropol
27.05.24 München, Technikum
28.05.24 Köln, Gloria


 


    


Der Opener Thinking About You lässt sich sechseinhalb Minuten Zeit, um das entspannte Nachdenken über ein “You” in Szene zu setzen – und hätte auch noch ein paar Minuten weitergehen könnte, ohne dass man sich mit diesem an Carole King oder Aimee Mann erinnernden, fantastisch produzierten Folkrock-Track gelangweilt hätte.
But Not Kiss beschreibt anschließend das Gefühl, menschliche Wärme und Nähe ohne die allerletzte Intimität zu genießen. (…) 
Ein wunderbarer Song, mit dem das Album schon vor einigen Wochen perfekt angeteasert wurde.
Wanna Quit All The Time verbindet warmen Gitarren-Folk mit einem schleichenden Latin-Jazz-Rhythmus, ehe Lego Ring als der (zumindest für mich) einzige schwächere Song des Albums auf der Tracklist steht. Der grungige Gitarren-Sound steht Webster weniger gut, die mit viel Autotune gepimpte Stimme ihres Jugendfreundes Lil Yachty wabert ein bisschen nervig vor sich hin. Kein Total-Flop, lediglich ein kleiner Ausreißer nach unten – zumal es dann wieder so toll weitergeht wie in den ersten drei Stücken, mit einem kurzen Folk-meets-Autotune-Track (Feeling Good Today) und einer herrlich opulenten Ballade mit Streichern, Bläsern und jazzigen Besen-Drums (Lifetime). (…)
Insgesamt ist Faye Webster mit Underdressed At The Symphony erneut ein verspieltes, charmantes Album geglückt, das sie als eine der talentiertesten und eigentümlichsten US-Singer-Songwriterinnen zwischen Folkrock-Tradition und Indiepop-Moderne bestätigt. Herausragend.


  


 



14. März 2024

Everything Everything - Mountainhead


Man muss schon die ein oder andere Gerichtsakte wälzen und zahlreiche Jahrgänge aus den Aktenschränke ziehen, um auf eine Verhandlung für Everything Everything zu stoßen. Im Jahr 2013 brachte Ingo die englische Band vor Gericht, sprach für ihr zweites Album „Arc“ 6,5 Punkte aus und wartete vergebens auf weitere Urteile. Genau wie Everything Everything auf weitere Vorladungen.

Dabei haben Jonathan Higgs (Gesang, Programming), Jeremy Pritchard (Bass), Michael Spearman (Schlagzeug) und Alex Robertshaw (Keyboards, Synthesizer und Produktion) seitdem weitere fünf Alben veröffentlicht, die ebenfalls alle in den UK Top Ten landen konnten. Zuletzt war dies „Mountainhead“ gelungen. 

Auf 14 eingängigen Synthpop/Artpop/Electronica-Songs folgen Everythimg Everything auch noch einem thematischen Überbau, der die "Vorstellungen von Kapitalismus und sozialer Zerrissenheit" aus einer futuristischen Perspektive erforscht. Sänger Jonathan Higgs, der die zwischen Wild Beasts und Hot Chip anzusiedelnde Musik durch seinen Falsettgesang prägt, beschreibt das Konzept, das in einer fiktiven Welt spielt, in der die gesamte Gesellschaft mit dem Bau eines riesigen Berges beschäftigt ist. Die Wendung in der Geschichte ist jedoch, dass die Menschen ein tiefes Loch graben und darin leben müssen, um den Berg zu bauen. Außerdem lebt am Boden der Grube eine riesige goldene Schlange, die für eine alternative Gesellschaft steht. 
Ganz schön verkopft…

Mountainhead“ ist als CD und LP (black Vinyl, green Vinyl, clear Vinyl, yellow/green/gray tri-colour Vinyl) erhältlich.

Bei Metacritic stehen zurzeit 82/100 Punkte für das Album zu Buche:

At their strange best, they sound like Radiohead with an ABBA obsession. A special album from a special band.

This album sees the band opening up and aiming for the heart, particularly on the soaring “City Song,” as well as the pointed “R U Happy?,” which is maybe the most sincere moment in Everything Everything’s discography. As per the band’s recent promise to deliver “only bangers,” they fully deliver. Led by instant fan-favorite lead single “Cold Reactor,” these tracks include some of their catchiest and most memorable hooks.
Seven albums in, Everything Everything continue to evolve in unexpected ways. And if it takes a detailed story and extensive world-building to get music this pure and lovable from them, may they continue boldly down the concept album path.

Lots of artists aspire to create an album which matches the zeitgeist (easier said than done), but Mountainhead comes a lot closer than most. With its paranoid and sinister belly coalescing with the joke-y casualness of its exterior, this is yet another successful record from one of the quintessential bands of the internet age, even if this listener didn’t quite believe in their vision until now. 


 


   


 



13. März 2024

Cape Sleep - Video Days


Ob mit „Video Days“ die Zeit gemeint ist, als man mit den Eltern in die Videothek ging, um „Krieg der Sterne“, „Indiana Jones“ oder „E.T.“ auf VHS auszuleihen? Hätte damals die Musik von Cape Sleep den Laden beschallt und die Zeit des Auswählens, Umentscheidens und Feststellens, dass der Wunschfilm bereits entliehen ist, untermalt, wäre die nostalgische und vielschichtig arrangierte Popmusik stilistisch nicht negativ aufgefallen.  

Der aus den Niederlanden stammende Kim Janssen (Gesang, Gitarre) hat sich nach drei Soloalben seinen Traum von einer eigenen Band verwirklicht und Cape Sleep mit Leah Rye (Keyboards, Gesang), Merit Visser (Keyboards, Gesang), Franc Timmerman (Bass, Gesang), Len Lucieer (Gitarre) und Simon Levi (Schlagzeug) gegründet. Auffallend hübsch sind die orchestrale Arrangements von Paul Jacob Cartwright (Father John Misty), geraten, die von Mitgliedern von Stargaze und dem Metropole Orkest eingespielt wurden.

„Video Days“ ist mit acht Songs sowie einer Spielzeit von einer halben Stunde etwas zu kurz geraten und als CD und LP (black Vinyl) erhältlich. 


 




12. März 2024

The Jesus And Mary Chain - Glasgow Eyes


10 Fakten zum neuen Album von The Jesus And Mary Chain:

1. Wenn man bedenkt, dass zwischen dem vorletzten Album von The Jesus And Mary Chain („Munki“) und dem letzten („Damage And Joy“) fast 19 Jahre vergingen, dann sind die knapp 7 Jahre Wartezeit auf „Glasgow Eyes“ eigentlich ein Klacks.
Und weil dies so ist, kommt es auf 2 Wochen mehr auch nicht an: Die Veröffentlichung des achten Albums der Reid-Brüder wurde auf den 22. März verschoben. Dadurch fehlen exakt 2 Tage an den erwähnten 7 Jahren.

2. Nachdem ihre ersten fünf Studioalben bei Blanco y Negro erschienen waren, wechselten The Jesus And Mary Chain seitdem jedes Mal das Label: von Creation Records („Munki“) über Artificial Plastic („Damage And Joy“) nun für „Glasgow Eyes“ zu Fuzz Club.

3. Das Label spendiert, neben CD und Kassette, zahlreiche Varianten der LP: splatter Vinyl, swirl Vinyl, clear red Vinyl, deluxe black Vinyl (2 LPs, gatefold jacket with art booklet), deluxe coloured Vinyl (2 LPs, gatefold jacket with art booklet), deluxe frosted clear Vinyl (2 LPs, gatefold jacket with art booklet). 

4. Über Blood Records wurde das auf 500 Exemplare limitierte multi-splatter Vinyl veröffentlicht. In weniger als 10 Minuten war die Auflage ausverkauft, ich war aber schnell genug:



5. „Glasgow Eyes“ wurde in den Castle of Doom Studios in Glasgow aufgenommen, welche der Produzent Tony Doogan und die Band Mogwai im Jahr 2005 eröffneten. Die Produktion übernahm die Band selbst, für das Artwork zeichnet sich Jim Reid verantwortlich.

6. Der Begriff „Glasgow Eyes“ bezieht sich auf die Glasgow-Koma-Skala, ein Bewertungssystem, das den Bewusstseinszustand eines Patienten nach einer Hirnschädigung misst. Dabei werden die Kategorien Augen öffnen, verbale Antwort und motorische Reaktion unterschieden. Ein höherer Wert zeigt einen geringeren Schweregrad der Bewusstseinsstörung an. 


 


7. Am 29. November 2023 wurde mit „Jamcod“ eine erste Single veröffentlicht. Vor dem Erscheinen des Albums gab es dann noch „Chemical Animal“ und „Girl 71“ zu hören. In den Single Charts konnte sich kein Song platzieren. Das gelang zuletzt „I Love Rock ’n‘ Roll“ (#38) im Jahr 1998. Mit April Skies“ (#8; 1987) und „Reverence“ (#10; 1992) haben die Reid-Brüder übrigens zwei UK Top Ten Singles.
Bei den Alben sieht dies genau so aus: neben „Darklands“ (#5; 1987) konnte lediglich die Singles/B-Seiten-Compilation „Barbed Wire Kisses“ (#9; 1988) in die Top Ten einziehen.


 


8. „Glasgow Eyes“ bietet 12 Songs, die 48:55 Minuten laufen. Damit ist es nach „Munki“ und „Damage And Joy“ das drittlängste Album der Band. 

9. Bei Metacritic sind zurzeit erst 6 Reviews zum Album gebündelt. Der daraus resultierende Metascore beträgt 82/100:

They’ve always maintained a reasonable level of competence, but there’s no denying that each sequential album has been subject to the law of diminishing returns. Glasgow Eyes puts a stop to any perceived rot. It’s a staggering, swaggering achievement more vital than anything they’ve done in the last 35 years.
Glasgow Eyes’ liberal use of electronic textures is a renewing force, and a kind of homecoming too. (…) 
Of course, the darklands are never far away, with Chemical Animal repurposing Just Like Honey’s Be My Baby beat for Jim’s haunted analysis of addiction (“I fill myself with chemicals/To hide the dark shit I don’t show”). Yet in its bright, shivery, razor-sharp exposition of the love and devotion which boils at The Jesus And Mary Chain’s heart, Glasgow Eyes is a positive twist in the saga of these negaholics synonymous. Whatever next – a happy ending?

10. Auf ihrer anstehenden Tour gastieren The Jesus And Mary Chain auch an vier Orten in Deutschland. Das sind die Termine:
09.04.24 Hamburg, Markthalle

11.04.24 Berlin, Huxleys

12.04.24 Köln, Live Music Hall

20.04.24 Heidelberg, Halle O2