31. Januar 2024

Bolts Of Melody - Film Noir


Von Swervedriver über Adam Franklin zu Bolts Of Melody. Die Begleitband des Sängers der ehemaligen Creation Records Band nimmt zusammen mit diesem ein Album in folgender Besetzung auf: Adam Franklin, Locksley Taylor, Mikey Jones, Josh Stoddard, und Jace Lasek.

Der Titel „Film Noir“ täuscht ein wenig über das Genre eines möglichen Soundtracks, denn hier gibt es eher sphärischen Space-Rock zu hören, der nach Science Fiction schreit, aber eigentlich nie in den Hyperantrieb schaltet. Die 13 Songs sind bis auf wenige Ausnahmen instrumental gehalten: auf „Black Flower“ erschallt weiblicher Chorgesang (und spielt J Mascis ein Gitarrensolo), bei „Suzuki’s Dream“ gibt es einen Spoken Word Beitrag, der zunächst auf Deutsch (von Heinz Riegler), dann auf Englisch gehalten wird, auf „555“ und „Tomorrow’s World“ darf Franklin dann doch ein paar wenige Textzeilen über den Song streuen und beim abschließenden „Vamp“ hören wir, wie uns unterschiedliche Stimmen in diversen Sprachen einen guten Morgen/Tag wünschen.

Film Noir“ ist als CD und LP (clear Vinyl, red Vinyl) erschienen.


Wichtiger als der Gesang sind die Stimmungen. Schon mal darüber nachgedacht, wie es klingen würde, wenn sich Ennio Morricone und Dinosaur Jr. zusammengetan hätten? „Black Flower“ zeigt es. J Mascis spielt ein J-Mascis-Solo, dazu singt ein Chor eine süßliche Melodie – absolut fantastisch. Auch von deutscher Kosmischer Musik und vom Postrock von Mogwai ließ sich Adam Franklin beeinflussen, das Finale „Vamp“ erinnert mit Sprachsamples und Jazz-Rhythmen an den Moment, wenn aus einem Traum ein Albtraum wird.


 


   


 



30. Januar 2024

Future Islands - People Who Aren’t There Anymore


Von der aus New Mexico stammenden Künstlerin Beedallo, die mit bürgerlichem Namen Brittany Sedillo heißt, stammt dieses Gemälde mit dem Titel „People Who Aren’t There Anymore“:



Samuel T. Herring, der Werke der Künstlerin besitzt, entlieh diesen Titel für das siebte Studioalbum seiner Band Future Islands, für dessen Artwork dann Beedallos Gemälde „Fading Memory of a Face“ ausgewählt wurde.

People Who Aren’t There Anymore“ bietet den typischen Future Islands Synthpop, der schon aufgrund Herrings Stimme unschwer zu erkennen ist, in 12 Songs. Diese entstanden im Studio erneut mit Steve Wright (UNKLE, M.I.A., Slipknot) und Chris Cody (Slowdive, Beach House, We Are Scientists), die sich um Produktion und Mixing kümmerten. Das Album wurde über 4AD als CD, Kassette und LP (black Vinyl, clear Vinyl oder yolk blob (yellow/black) Vinyl with Alternative Art Cover) veröffentlicht. 


 


Seit „Singles“ von 2014 unterscheiden sich Alben von Future Islands nur in Nuancen – die Grundzutaten bleiben stets gleich: schnörkellos gespieltes Schlagzeug, Joy-Division-Gedächtnisbass, glockenklare Synth-Melodien, dazu der exaltierte Gesang von Sam Herring. Auf dem neuen Album verarbeitet er in seinen Texten eine Trennung. Retro-New-Wave als Herzschmerz-Therapie quasi. Entsprechend glänzt „People …“ in den eher dunklen Momenten.


 


Sänger Samuel T. Herring dominiert nach wie vor jeden einzelnen Track durch seinen mitunter etwas großspurigen Bariton-Gesang. (…)
Immer steuern die Tracks zuverlässig auf einen Höhepunkt zu. Dadurch entfaltet die Band ihre Strahlkraft und auch das neue Album wird sich gut machen auf den Festivals im Sommer mit seiner Melancholie, Dance-Tracks und großen Bildern. 




29. Januar 2024

Loney Dear - All Things Go


Was soll uns dieses Cover denn verraten? Dass Emil Svanängen, der erstmals auf einem seiner Plattencover zu sehen ist, in einem tiefen schwarzen Loch zu versinken droht? Dass die Lebensfreude und der Optimismus aus ihm gewichen sind, wie die Farben aus diesem Foto? Dass er sich auf sein Innerstes konzentriert und nur Düsternis entdeckt?

Ja, vermutlich von allem ein wenig. Während sich „A Lantern And A Bell“ vor zwei Jahren rund ums Meer und nautische Themen drehte, grübelte er nun wohl über die Vergänglichkeit des Seins und persönlichere Aspekte. Heraus sprangen neun Songs, die zusammen mit Emanuel Lundgren im Studio in Södermalm aufgenommen wurden und mit karg und melancholisch passend umschrieben sind. In den oftmals minimalistischen Arrangements dominieren Piano und der unverkennbare, häufig ins Falsett kippenden Gesang von Loney Dear, dezente Elektronik und subtile Streicher sind spärliches Beiwerk. „Animal“ (Schlagzeug!) und das sich über sechseinhalb Minuten wandelnde „Battle“ fallen dabei ein wenig aus dem Rahmen. 

Leider ist das neunte Studioalbum von Loney Dear bisher nur digital erschienen. Eine physische Veröffentlichung wird nirgends erwähnt und selbst auf der Homepage des Künstlers ist von „All Things Go“ noch nichts zu lesen.


  


 



28. Januar 2024

10 Schallplatten, die uns gut durch den Februar bringen


10. Grandaddy - Blu Wav (Opaque Baby Blue) (16.2.2024)






9. Karl Bartos - The Cabinet Of Dr. Caligari (Limited Edition, 2 LPs, DVD) (9.2.2024)






8. Sonic Youth - Walls Have Ears (Orange And Black Swirl Vinyl, 2 LPs) (9.2.2024)






7. British Sea Power - Do You Like Rock Music? (15th Anniversary Edition, 2 LPs) (16.2.2024)






6. Kula Shaker - Natural Magick (Pinwheel Colour Vinyl) (2.2.2024)






5. J Mascis - What Do We Do Now (Limited Loser Edition, Neon Pink Vinyl) (2.2.2024)






4. The Miserable Rich - Overcome (LP) (2.2.2024)






3. Franz Ferdinand - Franz Ferdinand (Orange & Black Swirl Vinyl, Limited Edition, 20th Anniversary Edition) (9.2.2024)






2. Klez.e - Erregung (Magenta Transparent Vinyl) (23.2.2024)






1. My Life Story - Loving You Is Killing Me (Pink Coloured Vinyl) (23.2.2024)







27. Januar 2024

Perpetual Void - Winter In Orbit


Irgendwo laß ich kürzlich, dass auch neue Schallplatten gereinigt werden sollten, im Idealfall feucht. Nehmen wir also aus dem letzten Jahr die neuen Platten von Slowdive und The Churchhill Garden, verwenden die doppelte Menge an empfohlenem Weichspüler und starten den Schonwaschgang. Aus den Rillen werden nicht nur Staubkörnchen gespült, sondern an der ein oder anderen Stelle auch der Gesang sowie größtenteils die gitarrigen Shoegaze-Momente, so dass nach den gut 55 Minuten dauernden Drehungen das zwischen Ambient und Dreampop zirkulierende Album von Perpetual Void auftaucht. 

Die 15 Songs von „Winter In Orbit“ sind vielleicht etwas zu viel des Guten, auf das ein oder andere ähnlich sphärische Instrumental („Waiting Room“, „Chasm“, „Mind Magma“) hätte man gut verzichten können, aber an „Tree House“, „Moonlit“, „Alone“ oder dem nach Cocteau Twins klingenden „Lost“ dürften sich Fans des Genres mit Sicherheit erfreuen.

Die Vita von Perpetual Void (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Thrash Metal Band) ist so weiß wie die Bettlaken im Waschmittelwerbespot unserer Jugend, denn außer den Tatsachen, dass Graeme Gray aus Glasgow hinter dem Projekt steckt und 2020 seine erste Single „The White Room“ sowie 2022 das Debütalbum selben Namens veröffentlichte, lässt sich nicht viel herausfinden.  




26. Januar 2024

Andreas Dorau - Im Gebüsch


„Im Gebüsch“? Das ist doch eher ein brennender Dornbusch! 

Und was verkündet er?  Das vollständige Lineup des Cologne Popfestes!

Am Freitag, 19.April 2024, werden im Gebäude 9 in Köln drei Bands aus Deutschland, Griechenland und Schweden auftreten: Die Zärtlichkeit, Ta Toy Boy und Shout Out Louds.
Der Samstag, 20.04.24, wird fast fest in britischer Hand sein: Blueboy, Hadda Be, Jetstream Pony und My Life Story. Hinzu kamen letzte Woche noch die Bestätigungen von Pale Lights (USA) und eben Adreas Dorau.   

Der in Hamburg lebende Musiker wird im April vermutlich auch seine beiden Hits „Fred vom Jupiter“ (1982; #21 in Deutschland) und „Girls In Love“ (1997; #9 in Frankreich) im Gepäck haben und sicherlich den ein oder anderen Song aus seinem neuen Album „Im Gebüsch“ präsentieren. Darauf bewegt er sich auf 13 Songs zwischen simplen NDW-Sounds, repetitivem 90ies Elektro-Pop und eingängigem Synthpop, singt erstmals auch auf Englisch („Mein englischer Garten“) und hat den ein oder anderen Gast (u.a. Güner Künier und JJ Weihl (Discovery Zone, Fenster) oder Brezel Göring (Stereo Total)) an Bord. 

„Im Gebüsch“ wurde über Tapete Records als CD, limitierte Doppel-CD und LP (black Vinyl) letzte Woche an Andreas Doraus 60. Geburtstag veröffentlicht.


 


Einigermaßen Pet-Shop-boyig kommen die 13 Stücke auf IM GEBÜSCH daher, sie zeigen, wo die 90er den Most holten. Hilfe kam dabei vom Produzenten, Musiker und Komponisten Zwanie Johnson, der in der Vergangenheit als Solokünstler selbst schon Großes vorgelegt hat. Die 13 Stücke, wie etwas das tolle „Es ist nur Musik“, entstanden teils in Kooperation mit befreundeten Künstlern (Brezel Göring, Wolfgang Müller, Carsten Friedrichs u.a.).
Immer reicht ein Satz, ein Soundzitat, um Welten und Abgründe sichtbar zu machen. Offensichtliche Bösartigkeiten sucht man vergebens, und doch evoziert gerade Doraus Rumpelstilzchen-Gesang beim Hörer stabile Wut auf Verhältnisse und Ungerechtigkeiten. Altersmilde ja, aber getanzt mit einem kühlen Bier in der Hand.


 


Das neue Album „Im Gebüsch“ ist geprägt vom für Dorau so typischen Sound. Wiederkehrende Harmonien. Kurze Lieder, die mit wenig Text auskommen - im Zentrum steht der Refrain. Eingängige Rhythmen begleitet von Zeilen wie „Auf der Weidenallee, mit einem Becher Kaffee“ werden so zu Ohrwürmern. Auch wenn manches auf den ersten Blick simpel wirken könnte, so verbirgt sich dahinter eine für Dorau charakteristische fröhliche Traurigkeit - so wie in „Die Welt ist ein seltsamer Planet“, „Ich sein“ oder „Die Vergangenheit war gestern wieder da“.




25. Januar 2024

The Smile - Wall Of Eyes


10 Fakten zum neuen Album von The Smile

1. Wer dachte, dass ein neues Album von Radiohead anstehen würde („A Moon Shaped Pool“ ist 7 Jahre, 8 Monate und 18 Tage alt) oder ein weiteres Soloalbum von Thom Yorke folgen würde („Anima“ erschien von 4 Jahren, 6 Monaten und 30 Tagen), der hat sich verschätzt. Denn nur 8 Monate und 13 Tage nach „A Light For Attracting Attention“ erscheint das zweite Album von Thom Yorke, Jonny Greenwood und Tom Skinner.

2. „Wall Of Eyes“ bietet 8 Songs, die 45:16 Minuten laufen und steht ab dem 26. Januar in den  in den Plattenläden. Einige der Lieder, die The Smile bereits bei Konzerten aufgeführten hatten, wie „Bodies Laughing“, „Colours Fly“ oder „Just Eyes And Mouth“ haben den Weg auf dieses Album nicht geschafft.

3. „Wall Of Eyes“ ist als CD und LP (black Vinyl, limited sky blue Vinyl, housed in a Gatefold LP Jacket) erhältlich.


The highlights Read the Room and Under the Pillows are stunning examples of Yorke’s voice and impeccable musicianship coalescing. Friend of a Friend follows, featuring saxophone from the American jazz composer Robert Stillman alongside the orchestra’s sweeping strings. “All of that money, where did it go?” Yorke sings. “In somebody’s pocket. Friend of a friend. All that loose change. Loose change.”
The longest track, Bending Hectic, comes in the closing stages, an eight-minute long epic of soft atmospherics and dramatic noise that is one of their best songs yet. “I’ve got these slings, I’ve got these arrows,” Yorke sings in the chorus. I’ll force myself to turn, turn.” It steadily reaches a towering crescendo of noise.
If you wanted an example of a Radiohead song that would fit into the mood of Wall of Eyes as a reference point, I’d suggest Jigsaw Falling into Place from In Rainbows, or Burn the Witch from A Moon Shaped Pool. The bottom line is that Yorke and Greenwood have delivered yet another classic.


 


4. Das Album wurde überraschenderweise nicht mit Nigel Godrich sondern zusammen mit dem Produzenten Sam Petts-Davies in Oxford und London (Abbey Road Studios) aufgenommen. Auch dieser ist kein Unbekannter im Radiohead-Kosmos, da er bereits in die Entstehung von „A Moon Shaped Pool“ und „OK Computer“ involviert war und ebenfalls in Soloprojekte von Thom Yorke und Jonny Greenwood.

5. Mit diesem Albumtitel spielten Radiohead bereits seit einiger Zeit herum: Der im Jahr 2009 auf BitTorrent aufgetauchte und später über die Homepage der Band veröffentlichte Song „These Are My Twisted Words“ enthielt in der Textdatei die Zeile „Wall Of Ice“, was zu Spekulationen über eine zukünftige Radiohead EP diesen Namens führte. Der Ausdruck "Wall of Eyes" erschien später in Werbematerialien für Radioheads Album „The King of Limbs“ (2011). Mehr als ein Jahrzehnt danach wurde der Titel „Wall of Eyes“ nun für das Nebenprojekts The Smile verwendet.

6. Einen ersten kurzen Einblick in den Song „Teleharmonic“ erhielten Fans bereits 2022 in einer Folge der Serie „Peaky Blinders“ (S06 E06), in der auch weitere Titel von Thom Yorke bzw. The Smile Verwendung fanden. Mit dem 8-minütigen„Bending Hectic“ erschien der längste Song des Albums im Juni 2023 als erste Single:


  


7. Als zweite Single erschien „Wall Of Eyes“ im November 2013. Das Video dazu drehte Paul Thomas Anderson („Magnolia“, „There Will Be Blood“, „Licorice Pizza“), der auch schon für drei Video von Radiohead verantwortlich war. Anfang Januar 2024 folgte „Friend of a Friend“.


 


8. Die Streicher auf dem Album stammen vom London Contemporary Orchestra.

9. Das Artwork stammt wieder einmal von Stanley Donwood, der seit 1994 alle Plattenhüllen für Projekte von Thom Yorke gestaltet.

10. The Smile werden im Sommer fünf Konzerte in Deutschland spielen. Das sind die Termine:
08.06.2024, Hamburg Stadtpark 

09.06.2024, Köln, Palladium 

11.06.2024, Berlin, Verti Music Hall 

20.08.2024, Frankfurt, Jahrhunderthalle 

21.08.2024, München, Zenith



24. Januar 2024

Monta - Pacific


Zwar arbeitete Tobias Kuhn in den letzten Jahren als Produzent, Komponist und Musiker mit zahlreichen Künstlern - von Thees Uhlmann und Feine Sahne Fischfilet über Milky Chance und Bosse bis zu Mark Forster und Sarah Connor - erfolgreich zusammen, doch im Mittelpunkt stand er dabei nicht. Das war zuletzt 2007 so, als er nach vier Alben (zwischen 1994 und 2003) als Frontmann von Miles das Soloprojekt Monta ins Leben gerufen und zwei EPs und zwei Alben veröffentlicht hatte.

2020 erweckte Tobias Kuhn dann überraschend Monta wieder zum Leben, brachte innerhalb von zehn Monaten vier Songs heraus - ein Album sollte aber leider nicht folgen. 
Im April 2023 wurden dann erneut Hoffnungen mit der Single „Dragonfly“ geweckt - und dieses Mal wurde tatsächlich ein neues Album für den Herbst 2023 angekündigt. Dass „Pacific“ dann doch erst im Dezember erscheinen sollte und dann noch einmal verschoben wurde, war weniger tragisch, da zwischenzeitlich das 2004er Album „Where Circles Begin“ wiederveröffentlicht wurde und wir zwischendurch weitere neue Lieder zu hören bekamen. 

Jetzt gibt es also, 30 Jahre nach dem Debüt von Miles und 20 Jahre nach dem ersten Album von Monta, unter dem Namen „Pacific“ zehn neue Songs zu entdecken, die zwischen 2019 und 2023 in Wien, Berlin, London, Los Angeles und Sizilien komponiert und aufgenommen wurden. 

Gerade bei dem sommerlichen Westcoast-Pop von „If The Sun Doesn’t Shine Anymore II“ und „Every Little Lie Hits Before It Hurts“ könnte man vermuten, dass diese Lieder in Los Angeles mit Blick auf den Pazifik entstanden sind. Für den Psychedelic-Pop von „When You Know“ hatte Kuhn möglicherweise das London der 60er Jahre vor Augen und The Beatles und The Kinks in den Ohren. Der bunte Retro-Trip wird von eher klassischen, folkigen Singer/Songwriter-Stücken, wie beispielsweise „Dragonfly“, abgerundet, die auch Sufjan Stevens gut zu Gesicht stehen würden.  


 


   


 



23. Januar 2024

Enno Bunger - Der beste Verlierer


Zum Einschlafen höre ich immer Musik, meistens komme ich über drei Songs nicht hinaus, häufig schlafe ich auch schon beim ersten ein. Vor einigen Nächten habe ich abends erstmals „Der beste Verlierer“ von Enno Bunger gehört, was sich als großer Fehler herausstellte, denn ich ließ das Album dreimal komplett durchlaufen und ich musste mich um 3:19 Uhr zwingen, etwas anderes abzuspielen.  

Selbstverständlich gibt es die klassische Klavier-Ballade („Kein Mensch startet einen Krieg“) und auch auf das Stilelement des sich langsam aufbauenden und steigernden Songs greift Enno Bunger mehrmals zurück, am beeindruckendsten umgesetzt im fulminanten „Heute nicht“. „Ich sehe was, was du nicht siehst“ und „Bunker“ nehmen den Faden auf, den Coldplay spätestens nach ihrem vierten Album verloren haben, „Weltuntergang (Alles hört auf)“ könnte so ein leichtfüßig-perfekter Gitarren-Pop-Song sein, den Robert Smith zwischen 1985 und 1992 auf jeder Platte hatte, und „Einfache Leute“ hätte auch eine veritable Single von New Order sein können. 

Textlich greift er einerseits wieder höchst persönliche und emotionale Themen auf - „Ich sehe was, was du nicht siehst“ umschreibt die Situation eines an Depressionen leidenden Menschen - und spricht erneut bei gesellschaftspolitischen Themen Klartext. Erstaunlich, dass wir im Januar mit „München“ von Kettcar, „Lass sie alle rein“ von Ekki Maas und nun „Grasgelb“ gleich drei Songs mit eben so guten wie wichtigen deutschen Texten zu hören bekommen haben.

Bei Konzerten freut man sich ja in der Regel am meisten auf ältere Lieblingslieder und ärgert sich vielleicht ein wenig, wenn zu viele von diesen durch neuere Songs von der Setliste verdrängt werden. Bei Enno Bunger würde ich mir - trotz zahlreicher Lieblingslieder aus den vorherigen vier Alben - aber wünschen, wenn die ersten acht Songs aus „Der beste Verlierer“ auch live gespielt würden. Das sind die anstehenden Konzerttermine:   

07.03.2024 Kiel - Die Pumpe

08.03.2024 Essen - Zeche Carl 
09.03.2024 Hannover - Pavillon 
11.03.2024 München - Ampere 
12.03.2024 AT-Wien - Fluc

13.03.2024 Berlin - Festsaal Kreuzberg 
15.03.2024 Frankfurt - Mousonturm 
16.03.2024 CH-Zürich - Bogen F 
17.03.2024 Mannheim - Alte Feuerwache 
19.03.2024 Stuttgart - Im Wizemann Club 
20.03.2024 Köln - Bürgerhaus Stollwerck 
21.03.2024 Osnabrück - Rosenhof 
22.03.2024 Hamburg - Grosse Freiheit 36 
24.03.2024 Bremen - Schlachthof 
25.03.2024 Leipzig - Täubchenthal 
26.03.2024 Jena - Kassablanca 
27.03.2024 Dresden - Tante Ju 

Auf dem Plattencover (recyceltes Vinyl, Gatefold Cover mit bedruckter Innenhülle inkl. Texte) sieht man übrigens Enno Bungers Pudeldame Emma. Meine erste Plattenhülle sollte dann wohl mit den beiden Birmakatern Bowie & Iggy so aussehen:



Der Songwriter aus Ostfriesland und Co-Autorin Sarah Muldoon haben Worte und Geschichten, die oft die Kehle eng machen, aber nie die Knie weich. (…)
Schwere Themen mit tapferer Haltung, Zärtlichkeit und Lakonie, Klavier- neben Wave-Sounds, große Melodien. „Na, bist du am Ende?“, höhnt der Abgrund. „Du Arschloch, heute nicht!“ Eine wichtige Stimme seiner Generation.


 


Dem ein oder anderen mag Bungers neue Platte Trost spenden, denn auch auf DER BESTE VERLIERER werden Seelenzustände in klassischer Liedermacher-Manier beschrieben, etwa in dem sensiblen „Ich sehe was“. Gitarren, leise Klavierbegleitung und ruhiger Gesang tragen das Album und lassen Raum für nachdenkliche Texte.
Manchmal gleiten Bungers Zeilen dabei etwas zu sehr ins Betroffenheitslyrische ab und manches gemahnt an Zeiten, in denen Kettcar, Tomte und Madsen den ganz großen Überschwang postulierten. Aber warum nicht? Warum nicht mal den Refrain sich selbst abfeiern lassen? Bunger ist ein intimes Album gelungen, allein das politische „Kein Mensch startet einen Krieg“ erzählt eine etwas eindimensionale, kinderbuchhafte Geschichte. Hier nervt sein Wunsch nach Authentizität, weil er den Hörer:innen zu wenig Transferleistung zutraut.





22. Januar 2024

New Model Army - Unbroken


New Model Army schauen auf eine mehr als 40-jährige Bandgeschichte und fünfzehn Studioalben zurück. Dennoch gelang ihnen mit ihrer letzten Platte „From Here“ (2019) erstmals der Einzug in die Top 10 der Albumcharts. Zuvor waren „Impurity“ (1990; #16) in Deutschland und „Thunder And Consoloation“ (1989; #20) im Vereinigten Königreich die Rekordhalter. 

Aufgrund der COVID-19 Pandemie musste die Band um Justin Sullivan die Konzerte zum 40. Bandgeburtstag verschieben und legte im letzten Jahr mit „Sinfonia“ ein Live-Album, das mit dem Sinfonia Leipzig Orchester aufgenommen worden war, nach, das ebenfalls Platz 6 der Charts erreichte. Gelingt New Model Army nun mit „Unbroken“ der Hattrick?

Die Band begann Mitte 2021 im eigenen Studio mit den Arbeiten am neuen Album, bei denen ihnen früh klar war, dass sie Tchad Blake (U2, Arctic Monkeys, Peter Gabriel, Travis) unbedingt für den finalen Mix gewinnen wollten, weil sie diesen besonders „kraftvoll, dynamisch und musikalisch“ haben wollten. Blake sagte zu und gibt fleißig Komplimente zurück: „Heutzutage gibt es nicht viel, was mich so richtig berührt, aber New Model Army tun genau das. Wunderbar aufgenommen und produziert, fühlte sich der Mix des Albums an wie ein Geschenk. Ich hoffe, dass viele Leute beim Anhören dasselbe Gefühl haben.“

Apropos Komplimente: Diese darf man auch „Unbroken“ machen, denn die 11 Songs klingen zwar nach typischen New Model Army aber ohne dabei auch nur ansatzweise in die Nähe eines „Alterswerk“ zu kommen. Als Anspieltipps würde ich „Cold Wind“ mit starkem Streicher Arrangement, „Reload“, das durch einen Spoken-Word-Beitrag Sullivans überrascht sowie die von dominant polternden Drums voran getriebenen „If I Am Still Me“ und „Idumea“ (samt ungewöhnlichem folkigen Chorgesang) empfehlen.

„Unbroken“ erscheint am 26. Januar als CD Hardcover Mediabook, Heavyweight Black LP Gatefold und Limited Heavyweight Red LP Gatefold.

Und natürlich sind New Model Army auch wieder live unterwegs: 
16.12.2023 Köln (Palladium) (ausverkauft)
05.03.2024 München (Backstage)
13.03.2024 Berlin (Huxleys Neue Welt)
20.03.2024 Hamburg (Grosse Freiheit)  (ausverkauft)
21.03.2024 Coesfeld (Fabrik)  (ausverkauft)
22.03.2024 Frankfur (Batschkapp)  (ausverkauft)
23.03.2024 Saarbrücken (Garage)
24.03.2024 Stuttgart (LKA)
26.03.2024 Oberhausen (Turbinenhalle 2)


 


Und passend zum Titel ist „Unbroken“ ein kantigeres Album, als sein angenehm luftiger Vorgänger „From Here“. Der Sound ist typisch stark rhythmisch getragen, der Gitarrensound knackig. Und doch ist es musikalisch nicht einfältig, sondern man agiert nach wie vor musikalisch abwechslungsreich und geht insbesondere lyrisch gewohnt in die Tiefe der britischen Seele, wie zum Beispiel beim hymnischen „I Did Nothing Wrong“, welches zu den Highlights, des an Highlights nicht gerade armen Albums, gehört.
Fast jeder Song ist ein Volltreffer ins Herz. Sei es das balladesk anklingende, zwischen Melancholie und Sehnsucht treibende „Cold Wind“, das von einem scharfen Gitarrenriff angetriebene „Do You Really Want To Go There?“, das mit einem Chor in folkige zum Heulen schöne Melodien abtauchende „Idumea“, das aggressive mit einem modernen Groove unterlegte „Reload“ oder auch „First Summer After“, mit dem die Band das Album selbstbewusst startet.





20. Januar 2024

The Fauns - How Lost


Aus Bristol stammt die Band The Fauns, die sich 2007 gründete und mit „The Fauns“ zwei Jahre später ihr Debütalbum selbst veröffentlichte.  Mit Hilfe des DJ Steve Lamacq und Dank Mundpropaganda konnten 5000 Exemplare verkauft und das das Interesse von Invada Records geweckt werden. Das Indie Label brachte 2013 den Nachfolger „Lights“ heraus, danach wurde es ziemlich dunkel um das Quartett.
 
Von diesem sind nun, mehr als ein Jahrzehnt später, noch Sängerin Alison Garner, Bassist Michael Savage und Schlagzeuger Guy Rhys-Davies dabei. Komplettiert werden sie aktuell von dem Soundtrack-Komponisten Will Slater an der Gitarre. Zusammen nahmen sie neuen Songs auf, die versuchen, Shoegaze mit New Wave in sphärischen Einklang und diese Fusion Dank pulsierender Elektrobeats auf die Tanzfläche zu bringen. Man stelle sich Slowdive in Remixen von Ladytron, School Of Seven Bells, Chromatics und Jamie xx vor. 

„How Lost“ ist erneut über Invada Records erschienen, läuft knapp 45 Minuten und ist als CD und LP (translucent red Vinyl) erhältlich.


 


‘Afterburner’ is a highlight, cramming digitised hi-hats and crashes around a kitsch gameshow riff, broken by Garner’s Elena Tonra-like earnestness. ‘Doot Doot’, too, holds a magnetically quiet euphoria before folding into synthetic strings: exaggerated versions of this would have sports broadcasters on their knees. New wave sensibilities heightened – indicative of adding guitarist-come-acclaimed composer Will Slater to the line-up – hordes of seemingly disparate dots are connected with a strange alchemy. Side A is an occasional left turn to Enya and Sonique as readily as it recalls primetime Cocteaus, whereas Side B plays with an uncannily industrial brightness. It’s an unpredictably varied delight.





19. Januar 2024

Ekki Mass - Soloalbum


Erstaunlich, dass Joerg bei seinem eigenen musikalischen Output auch noch Zeit findet, um andere Alben zu hören. Hier hat es aber funktioniert und das sind seine Worte:

In große Fußstapfen zu treten, ist eine komplizierte Angelegenheit. Noch ein wenig komplizierter wird es, wenn es die eigenen Fußstapfen sind. Auf der einen Seite stellt sich die Frage, ob der eine Fußabdruck auch wirklich deckungsgleich ist mit dem anderen. Auf der anderen Seite die, ob man am Ende vielleicht im Kreis gelaufen ist. 

Ekki Maas, seines Zeichens Studiobetreiber auf dem Kölner Eigelstein sowie Bassist und musikalischer Dreh- und Angelpunkt der Gruppe Erdmöbel, beantwortet besagte Fragen mit ja, nein und einem - ganz pragmatisch „Soloalbum“ betiteltem - Soloalbum. 

Musikalisch bleibt Ekki Maas sich beziehungsweise dem Mikrokosmos Erdmöbel treu: Auf den ersten Blick einfache Melodien mit zuweilen mehr als nur latentem Byrds- und Beatles-Einschlag treffen auf eine Produktion, die sich in Ekki-typischer Vintage-Manier warm und weich um die elf Songs auf „Soloalbum“ schmiegt. So weit, so retro, so erwartungsgemäß schön. 

Textlich wiederum wagt Ekki Maas den wichtigen Schritt aus dem Schatten der oft verworrenen Lyrik von Erdmöbel-Sänger Markus Berges und beobachtet, reflektiert, kommentiert und erzählt vergleichsweise klar und schnörkellos. Diesen sehr linearen Erzählstil kann man durchaus mögen. Mich als Kind der Hamburger Schule holt er allerdings nicht komplett ab, was aber viel mehr eine Frage der Sozialisation des Rezensenten sein dürfte, als der Qualität der Geschichten. 

Am Ende des Tages ist Ekkis Soloalbum eine kurzweilige Platte mit tollen Songs, die den Spagat zwischen eingängig und anspruchsvoll mit der guten alten Erdmöbel-Rezeptur meistert. Das überrascht alles nicht sonderlich und ist genau deshalb so gut.  


 


 



18. Januar 2024

Sleater-Kinney - Little Rope


10 Fakten zum neuen Album von Sleater-Kinney:

1.  Am 19. Januar veröffentlichen Sleater-Kinney mit „Little Rope“ ihr elftes Studioalbum seit ihrer Gründung 1994. Sieben Alben gab es vor einer mehrjährigen Auszeit, die eine Bresche von 10 Jahren in ihrer Diskographie schlägt (zwischen 2005 und 2015), und bereits fünf seit ihrer Wiedervereinigung.

2. Das in den Charts erfolgreichste Album von Sleater-Kinney ist ihr Comeback „No Cities To Love“ (2015), das über Sub Pop veröffentlicht wurde und Platz 18 in den USA und Rang 27 im UK erreichte. Zuletzt erschien „Path Of Wellness“ (2021) bei Mom + Pop Music, einem New Yorker Indie Label und verfehlte die Charts. „Little Pop“ wird nun über Loma Vista Recordings veröffentlicht. 

3. Ganz untätig waren Sleater-Kinney nicht seit ihrem letzten Studioalbum, denn im Oktober 2022 wurde mit „Dig Me In: A Dig Me Out Covers Album“ in Eigenregie eine Platte (green Vinyl) mit Fremdkompositionen (u.a. St. Vincent, Wilco, Self Esteem, Low) veröffentlicht.


 


4. Für „Little Rope“ ist eine Veröffentlichung als CD, Kassette und LP (black Vinyl) geplant. Zudem gibt es eine limitierte Auflage der Schallplatte auf metallic gold Vinyl.

5. Insgesamt bietet „Little Rope“ 10 Songs in 34:10 Minuten. Die Kürze ist nicht ungewöhnlich für Carrie Brownstein (Gesang, Gitarre) und Corin Tucker (Gesang, Gitarre), die erst in drei (von elf) Fällen mehr als 40 Minuten an neuer Musik anboten.

6. Das Album entstand zusammen mit Angie Boylan (Schlagzeug, Percussion), Dave Depper (Keyboards, Synthesizer, Gitarre), Galen Clark (Keyboards, Synthesizer) und dem Produzent John Congleton (Lana del Rey, Sigur Rós, Phoebe Bridgers, Death Cab For Cutie, St. Vincent), der erstmals mit Sleater-Kinney zusammen arbeitete. Aufgenommen wurde „Little Rope“ im Flora Recording & Playback Studio in Portland, Oregon. 


 


7. Das Album wurde nach dem tödlichen Autounfall von Carrie Brownsteins Mutter und Stiefvater in Italien Ende 2022 fertiggestellt. In der Auseinandersetzung mit diesem Ereignis musste sich das Duo mit Fragen auseinandersetzen, die sich damit befassen, "wie wir mit Trauer umgehen, mit wem wir sie durchleben und wie sie uns verändert“. Ein Großteil des Albums war zu diesem Zeitpunkt bereits geschrieben, wurde aber erneut "mit schwerem Kummer angegangen". Infolgedessen behandelt „Little Rope“ Themen wie "globale Krisen und persönliche Tragödien“.

8. Mit „Hell“, „Say It Like You Mean It“ und „Untidy Creature“ wurden seit Oktober 2023 drei Songs vorab mit Videos versehen und veröffentlicht.


 


9. Der Rolling Stone listete 2023 die 200 besten Sänger/Sängerinnen auf. Auf Platz 155 fand sich Corin Tucker mit folgender Begründung wieder: "Punk is full of loud voices, but Corin Tucker's voice stands out even in that genre“.

10. Insgesamt 30 Konzerte sind in den nächsten drei Monaten in den USA geplant, Fans in Deutschland müssen sich erst einmal gedulden, denn bisher ist erst ein Festival-Auftritt im Sommer in Portugal geplant.


Das Album beginnt mit dem Opener Hell, der seines Gleichen sucht. Nach einem gedämpften Prolog, der in den ersten Sekunden einen emotionalen Einblick in die Essenz von Little Rope gewährt, folgt ein musikalischer Vulkanausbruch. Es klingt wie eine eindringliche Auseinandersetzung mit der Verletzlichkeit, die notwendig ist, um der Welt so zu begegnen, wie sie ist. Die Songs überraschen bei jedem Hören, indem sie den ersten Eindruck auf den Kopf stellen. Hinter den eingängigsten Hooks verbirgt sich stets etwas Tiefgründiges. Little Rope entfaltet sich als ein Wechselspiel von lyrischen und musikalischen Stimmungen. Die Tracks agieren als eine Einheit und offenbaren eine ungeheure emotionale Tiefe. Jeder Song ist auf den Punkt gebracht.
Dafür könnte auch die Zusammenarbeit mit dem Grammy-ausgezeichneten Produzenten John Congleton verantwortlich sein, die dem Album eine zusätzliche Dimension verleiht. Die Komplexität der Atmosphäre in Songs wie Hell und Six Mistakes spiegelt Congletons Stilistik wider. Sparsame Anfänge werden gekonnt intensiviert und erreichen einen Glanzpunkt. Der Albumabschluss mit Untidy Creature ist stürmisch und intim zugleich, ein perfekter Ausklang für dieses eindrucksvolle Werk. Little Rope ist nicht nur ein Album, sondern eine künstlerische Reise durch die Höhen und Tiefen menschlicher Emotionen, ein aufrichtiges Werk, das den Hörer*innen einen Raum für Reflexion und Verbindung bietet.


17. Januar 2024

Bill Ryder-Jones - Iechyd Da


Das fünfte Soloalbum des ehemaligen The Coral-Mitgliedes Bill Ryder-Jones trägt den Titel „Iechyd Da“, was frei aus dem Walisischen übersetzt so viel bedeutet wie „Ich möchte ein Album, auf welches ich sehr stolz sein kann, angesiedelt irgendwo zwischen Badly Drawn Boy, Gorky’s Zygotic Mynci und Arab Strap, abliefern, nur mit mehr Streichern und Kinderchören und dieses auf black Vinyl und powder-blue Vinyl veröffentlichen“ bedeutet. 

Selten war ein Plattentitel besser gewählt.

Bill Ryder-Jones live in Deutschland:
24.03.24 Hamburg, Hafenklang
25.03.23 Berlin, Berghain Kantine


 


Der Albumopener “I Know That It’s Like This (Baby)” baut eine stabile Brücke zwischen altbewährtem Tiefgang und zartem Aufbruch.
Das von einem traurigen Klavierthema begleitete “A Bad Wind Blows In My Heart” könnte problemlos für den Abspann einer “Greys Anatomy”-Folge herhalten. Viel mehr Pathos geht nicht.
Unterstützt von einem Kinderchor (“Nothing To Be Done”), umgeben von schunkelnden Lagerfeuer-Vibes (“It’s Today Again”) und beseelt von musikalischen Stimmungswechseln (“Christinha”) nimmt Bill Ryder-Jones die Hörer*innen mit auf eine zumeist ruhige und entspannte Klangreise, die weit über die Grenzen der britischen Küstenstadt West Kirby hinausgeht.


 


Das vorab ausgekoppelte "This can't go on" samplet Disco-Streicher, um sie in einen neuen sakralen Kontext zu setzen, und entwickelt dabei eine Wucht wie ein einstürzendes Kirchenschiff. Das ebenso famose "Nothing to be done" klingt ein wenig so, als würde sich Arab Straps Aidan Moffat durch einen verschollenen Nullerjahre-Hit von Arcade Fire schlängeln. Ryder-Jones mag es eigentlich nicht, wenn Leute nach der kathartischen Wirkung seiner Musik fragen, muss hier aber selbst zugeben, dass das Album genau eine solche bei ihm freigesetzt hat – und der Rezeptionsseite geht es kaum anders. Zu aufwühlend zum Gähnen, zu erhaben, um dazu mit lockerem Handgelenk die Biergläser klirren zu lassen: "Iechyd da" ist ein weiteres eigentümlich-faszinierendes Werk eines Künstlers, der den knorrigen Ast namens Folk nach seinen Vorstellungen verbiegt.





16. Januar 2024

Sprints - Letter To Self


Die Platzierungen irischer Post-Punk Bands bei Platten vor Gericht können sich in den letzten fünf Jahren wirklich sehen lassen: Fontaines D.C. (#66, #61, #7), The Murder Capital (#51, #17) und Just Mustard (#1). Und auch für das Jahr 2024  darf man hoffnungsvoll sein, denn der Strom an spannenden neuen Bands scheint nicht zu versiegen.

Die 2019 gegründeten Sprints bestehen aus Karla Chubb (Gesang, Gitarre), Colm O’Reilly (Gitarre), Sam McCann (Bass) und Jack Callan (Schlagzeug) und legten mit „Letter To Self“ nach zwei EPs und einigen Singles nun in der ersten Januarwoche ihr Debütalbum vor, welches zwischen lärmendem Garage Rock und ruppigem Post-Punk wütet und in ruhigeren Momenten spannende Kontrastpunkte setzt. Neben den oben genannten irischen Bands könnten noch US-Vorbilder zum Vergleich herangezogen werden: Iggy Pop, Pixies oder Hole. 

Letter To Self“ ist als CD und LP (black Vinyl, red Vinyl, translucent orange Vinyl) erhältlich, schaffte den Sprung auf Platz 11 in Irland und auf Rang 20 im Vereinigten Königreich und liegt bei Metacritic bei stolzen 87/100 Punkten.

Sprints in Deutschland: 
17.02.24 Hamburg, Molotow
18.02.24 Berlin, Cassiopeia
20.02.24 München, Kranhalle


Am besten aber entfalten Sprints ihre Energie, wenn sie viel dynamische Variation in einen Song packen. Den notorischen, womöglich von den Pixies erfundenen Leise-Laut-Effekt beherrschen sie in Vollendung: In den drei aufeinanderfolgenden Energiebolzen „Literary Mind“, „A Wreck (A Mess)“ und „Up And Comer“ mauern sie Gitarrenwände zum Verlieben, dabei schrubben und klopfen sie sich die Hände blutig. Man hofft für Sprints, dass sie an das Erfolgslevel ihrer Dubliner Postpunk-Kollegen Gilla Band und Fontaines DC anknüpfen können.


 


   


 



15. Januar 2024

Maximilian Hecker - Neverheart


In der Hamburger Kunsthalle gibt es zurzeit eine Jubiläumsausstellung anlässlich des 250. Geburtstags des Malers Caspar David Friedrich. Und vielleicht wird im Jahr 2227 zum selben Anlass ein anderer deutscher Romantiker entsprechend geehrt. Verdient hätte Maximilian Hecker es!
Und wäre es nicht heute schon schön, wenn er nicht nur in Asien sondern auch hierzulande entsprechend beachtet würde und beispielsweise in der Helene Fischer Show Millionen zu Tränen rühren und am nächsten Tag in die Plattenläden* treiben würde?

Dort würden sie am 19. Januar sein zehntes Album „Neverheart“ jedoch vergeblich suchen, denn bisher ist nur eine digitale und keine physische Veröffentlichung geplant. Thematisch dreht sich alles um Heart und Love und so stößt man in allen 10 Liedern recht schnell auf einen dieser beiden Begriffe: Dauert es in „Fall In Love, Fall Apart“ noch 44 Sekunden, geht es in „Trying Hard To Never Understand“ und in Falling Star“ mit 34 bzw. 24 Sekunden deutlich schneller. Noch zügiger kommt Hecker bei den anderen sechs Liedern zum Punkt, bei „Two-Tones Love (Part I)“ in 15 und bei „Losing Heart“ in 13 Sekunden. Lediglich im „Leave-Taking Song“ muss man 78 Sekunden warten, dann kommt es aber gleich doppelt: „In time with the sound of my heart, my love“
Das Herz ist dabei foolish oder broken, die Liebe everlasting, long lost oder sowohl als auch. Häufig treten sie in Verbindung mit Sorrow, Pain, Desire, Passion, Cry oder Goodbye auf. 

Musikalisch haucht Hecker zart zu sanften Pianoklängen, die so intim und nah klingen, dass man die Mechanik der Hebel-Konstruktionen und der Pedale hört, und meint den Hocker knarzen und die Tränen auf die Tastatur tröpfeln zu hören. Am wundervollsten vielleicht bei „Suspended Heart“ gelungen. Sein Produzent und Mitmusiker (Gitarre, Bass, Synthesizer) Johannes Feige wurde hoffentlich nicht nach Akkorden bezahlt, denn lediglich „Fall In Love, Fall Apart“ durchbricht dieses minimalistische, kammermusikalische Setting.    

* Oder auch in die Buchläden, in denen sich seit Ende Oktober sein erster Roman „Lottewelt“ finden lässt.


 


   


   


 



12. Januar 2024

Al Lewis - Fifteen Years


Fünfzehn Jahre ist es her, dass Barack Obama zum 44. US-Präsidenten gewählt wurde. Fünfzehn Jahre ist es her, dass der VfL Wolfsburg deutscher Fußballmeister wurde und Werder Bremen das Endspiel im UEFA-Cups erreichte. Fünfzehn Jahre ist es her, dass der Vater von Al Lewis verstarb und dem damals 21-jährigen Waliser den Anstoss gab, Musiker zu werden. 

Und erst nach diesen fünfzehn Jahren hat es Lewis geschafft, sich mit dem Verlust seines Vaters auseinander- und diesem die Erfahrungen seiner eigenen Vaterschaft entgegenzusetzen. Den Anstoss dazu gab der Lockdown, in dem Al Lewis entschied, die alten Besitztümer seines Vaters zu sortieren, die er nach dessen Tod unberührt auf dem Dachboden schlummerten. Und so tauchte er tief in die Vergangenheit und persönliche Unterlagen ein, in welchen sein Vater beispielsweise die Scheidung der Ehe oder die Folgen seiner Multiple-Sklerose-Diagnose beschrieb. Erst danach gelang es Al Lewis Abschied von seinem Vater, den er dadurch besser kennenlernte, zu nehmen, den Verlust zu verarbeiten, Trost zu schöpfen und alles musikalisch aufzuarbeiten. 
„Mit der Veröffentlichung eines solchen Albums möchte ich jeden erreichen, der sich in der gleichen Situation befindet wie ich, der einen unvorstellbaren Verlust zu bewältigen hat und versucht, die Erfahrung der Trauer zu überstehen“, erklärt Lewis zur Veröffentlichung von „Fifteen Years“. „Ich hoffe, dass jeder da draußen, der etwas Ähnliches durchmacht, diese Songs hört und erkennt, dass er auf dieser Reise nicht allein ist.“

Fifteen Years“ bietet 10 akustische, warme, gefühlvolle Folkpop-Songs, die am 12. Januar als CD und LP (black Vinyl) veröffentlicht werden.


 


   


 



11. Januar 2024

10 Schallplatten, die uns gut durch den Januar bringen

 

10. Turin Brakes - Ether Song (Blue Vinyl, 2 LPs) (12.1.2024)






9. Ekki Maas - Soloalbum (180g LP) (19.1.2024)






8. New Model Army - Unbroken (180g LP) (26.1.2024)






7. The Vaccines - Pick-Up Full Of Pink Carnations (Baby pink Vinyl) (12.1.2024)






6. Monta - Pacific (LP) (26.1.2024)






5. Future Islands - People Who Aren't There Anymore (Limited Edition, Clear Vinyl) (26.1.2024)






4. Sivert Høyem - On An Island (Indie Exclusive Edition, Oxblood Red Vinyl, LP + 7'' Single) (26.1.2024)






3. Enno Bunger - Der beste Verlierer (Limited Edition, Colored Re-Vinyl) (19.1.2024)






2. The Smile - Wall Of Eyes (Limited Edition, Sky Blue Vinyl) (26.1.2024)






1. Shed Seven - A Matter Of Time (White Vinyl) (5.1.2024)