10. Oktober 2026

Teenage Fanclub - Do Not Dare To Dream


“It’s difficult when it comes to, y’know, coming up with a name for an album. Especially after you’ve made 12 of them.” Und doof auch, wenn man „Thirteen“ schon als Albumtitel bei der vierten Platte benutzt hat, oder? 
Letztendlich ist es Norman Blake doch noch gelungen, einen Titel zu finden, auch wenn er sich dafür einfach bei einem der fünf von ihm komponierten Songs bediente. Blake erklärt, der Titel „I Do Not Dare To Dream“ solle sich über jene Memes lustig machen, die dazu auffordern, „es zu wagen, zu träumen“, denn für ihn sind diese „irgendwie lächerlich... Ich glaube nicht, dass die Welt so funktioniert.“ 
Die Welt von Teenage Fanclub funktioniert so, dass Blake (Gesang, Gitarre) und McGinley (Gesang, Gitarre) die Songs komponieren, die Arrangements aber im Studio zusammen mit ihren Bandkollegen Euros Childs (Keyboards und Gesang), Francis Macdonald (Schlagzeug) und David McGowan (Bass) entwickeln. Dazu wählt das Quintett gern unterschiedliche Studios (man war bereits in den Londoner Abbey Road Studio, in den den walisischen Rockfield Studios oder im Hamburger Clouds Hill Recordings), um die dortige Ausstattung gezielt zu nutzen. Für ihr dreizehntes Studioalbum zog es sie nun in die Einsamkeit des Black Bay Studios, gelegen in der Ortschaft Kirkibost auf Great Bernera, einer Insel der Äußeren Hebriden in Schottland. Dort gab es wohl neben zahlreichen Vintage-Synthesizern auch eine Domus-Kirchenorgel, die den Klang des Albums besonders prägt.

Die restlichen fünf Lieder von „Do Not Dare To Dream“ (Black Vinyl, Orange Vinyl) stammen aus der Feder von Raymond McGinley und sein „Tomorrow People“ wäre ein anderer guter Albumtitel geworden. McGinley erzählt dazu:
“There was a whiteboard in the studio, so we started writing song titles on it. Made up, stupid titles. I don’t know how it started, but the titles were based on TV series from the ’70s and ’80s, and one of those was ‘Tomorrow People.’ I couldn’t even remember what the TV series was like, but I started thinking about ‘Tomorrow People’ as a concept, and I think I started singing, as a guide vocal, some joke thing about ‘Tomorrow People’ in the outro section, something I was making up in the moment. And then I thought, ‘There’s something in that.’ So, the title started as a joke, but the song isn’t a joke.”
Kein Scherz ist die ungewöhnliche Songstruktur des Liedes, denn dieses wird nach 108 Sekunden von einem Orgelzwischenspiel unterbrochen und danach zu einem metronomartigen Rhythmus fortgeführt. Experimenteller wird es auf „Do Not Dare To Dream“ nicht mehr (und leider auch nicht rockig), aber auch die Menschen der Zukunft freuen sich sicherlich über weitere melancholische, warme, zeitlose und unaufgeregte Alben von Teenage Fanclub. 

Und natürlich auf Konzerte. Teenage Fanclub in Deutschland:
26.10.26 Köln, Gebäude 9
27.10.26 München, Strom
28.10.26 Berlin, Frannz Club
29.10.26 Hamburg, Knust


Yet this record is most affecting when it simply reflects on what hard-won contentment looks like, whether that’s the love-saves narrative of There Was You or the way Day In The Sun emerges from behind storm clouds to extol commitment and hope. Take Time’s fluting psychedelic pastoral, meanwhile, dances along a gentle redemptive arc: “no more running in circles / no more wasting my time.”

Despite the no-nonsense title, Do Not Dare To Dream isn’t a bleak record: these warm, intuitive songs just know that glossy perfection isn’t necessarily the shape a happy life takes. It might be good to talk, but as Teenage Fanclub prove at this stage in their career, listening can be just as therapeutic.


 


 




9. Oktober 2026

Johnny Marr - The Age Of Everything


Es muss an mir liegen. Aber vielleicht auch ein wenig an Johnny Marr. Und natürlich an Morrissey!

Die Plattenkritiken zu „The Age Of Everything“ sind nicht besonders berauschend. Beispielsweise 3/5 Sternen im Rolling Stone und 3,5/6 Sternen im Musikexpress. Aber mir gefällt das Album recht gut, denn Johnny Marr macht Johnny Marr Sachen. Und damit macht er musikalisch das, was man erwarten oder sogar erhoffen durfte, im Gegensatz zu seinem früheren Bandkollegen Morrissey, der mit „Makeup Is A Lie“ auf fast ganzer Linie enttäuscht. 

Der Opener „Spin“ klingt ein wenig nach Electronic und man hätte sich gewünscht, das sich die frühen Kollaborateure dieses Projektes (Bernard Sumner, Karl Bartos und Neil Tennant) ins Studio eingeschlichen und den Song ein wenig in Richtung Elektronik geschoben hätten. Gleiches gilt für „Beyond The Rain“, das bestimmt einen guten New Order Song abgegeben hätte. Dann packt Marr zum ersten Mal eine typische The Smiths-Gitarre aus, doch leider ermüdet das oftmals gesungene Ooooh-oho-oooh doch ein wenig. Da wäre Morrissey textlich bestimmt etwas mehr eingefallen - und wie toll hätte es geklungen, wenn er mit weinerlich-dramatischer Stimme auf „Ophelia“ oder „In And Out Of Love“ gesungen hätte. 

Es hat nach der Trennung von The Smiths einige Jahre gedauert, bis Johnny Marr nach Mitgliedschaften bei The The, Electronic, Modest Mouse oder The Cribs solo mit seiner Musik auch als Sänger in die Öffentlichkeit trat. „The Age Of Everything“ ist nunmehr sein fünftes Soloalbum und in diesem Jahr gewinnt er den Wettstreit mit Morrissey klar. 


 


Auf THE AGE OF EVERYTHING spielt er exakt die Musik, die sich die meisten seiner Fans vermutlich wünschen: Indie-Rock, der in den 1980ern und 1990ern grundiert ist und sich selbst nie zu wichtig nimmt. Natürlich werden in Songs wie „It’s Time“ Erinnerungen an die eigenen Verdienste sichtbar, aber es sind auch andere, die einen in den Sinn kommen.
Die Struktur der Songs erinnert bisweilen an die späten Echo & the Bunnymen, auch New Order zu REPUBLIC-Zeiten scheinen im Nachbarzimmer zu kampieren. „Ophelia“ schielt Richtung Manchester Rave, „In And Out Of Love“ holt das große Balladenbesteck raus, „Fire With Fire“ zeigt schließlich das vielleicht filigranste Gitarrenspiel des Albums. Unwahrscheinlich, dass jemand THE AGE OF EVERYTHING anhören und kolossal überrascht sein wird. Aber ganz behaglich einrichten lässt es sich in diesen Liedern durchaus.




8. Oktober 2026

Blossoms - Songs From The Wedding Cake


Da haben sich doch Blossoms ganz offensichtlich bei einem unserer Geheimtipps bedient und von deren Hochzeitstorte genascht:



Das Schicksal von The Wedding Bells blieb für uns ein weiteres Geheimnis, aber über das sechste Studioalbum der Blossoms konnten wir folgendes in Erfahrung bringen:
  • Der Albumtitel bezieht sich auf die Stockport Town Hall, in der Sänger Tom Ogden geheiratet hat und die „The Wedding Cake“ genannt wird.
  • Blossoms-Gitarrist Josh Dewhurst nahm bereits im Alter von 13 Jahren online erstmals Kontakt mit dem US-amerikanischen Musiker, Produzenten, Multiinstrumentalisten und Komponisten Shawn Lee auf, da er ein großer Fan seiner Arbeit für den Soundtrack des Videospiels „Bully“ war. Nun nahm der 62-Jährige als Produzent zusammen mit Blossoms in den Tilehouse Studios das Album vollständig auf analoges Tonband auf, was dem Sound eine feine Vintage- und Funk-Note verleiht.
  • Mit Rick Astley („Joke About Divorce“), Dclan McKenna („Additional Driver“) und Elijah Hewsom von Inhaler („Where Have You Been My Whole Life?“) fanden sich einige prominente (Mit-)Sänger im Studio ein.
  • Nach der Ankündigung des Albums tauchte die Band auf drei Hochzeiten im Nordwesten Englands auf, wo sie in einem Van vorfuhren und kurze Sets spielten. Nach der letzten Hochzeit gab die Band vor dem 42's Nightclub in Manchester ein weiteres Überraschungs-Konzert.
  • Der funky Indiepop von „Songs From The Wedding Cake“ bietet insgesamt 11 Lieder in 43 Minuten uns ist in zahlreichen Vinyl-Varianten erhältlich: Black Vinyl, Pink Vinyl, Blue Daylight Vinyl, Splatter Vinyl (with Alternative Artwork) und Split Red And Blue Liquid Vinyl.


Whilst no song on the album has the irresistible hook of its predecessor’s title track or Charlemagne, it is chock-full of tunes that nestle in your brain and grow there with each subsequent listen. Those songs are laden with their trademark melodies, harmonies and backing vocals that make them feel timeless. There’s no pretence here to be the biggest or most experimental band in the world, no big political statements or veering too far from familiar territory, but Blossoms are the best in the business at the style of music they produce and Songs… cements that position.


 


 


 





7. Oktober 2026

Girls In Hawaii - Eldorado


Eldorado:
Der Begriff Eldorado geht auf ein Ritual des indigenen Muisca-Volkes in Kolumbien zurück, bei dem ein mit Goldstaub bedeckter Herrscher kostbare Beigaben in einem heiligen See opferte. Aus der mündlichen Überlieferung machten goldgierige spanische Eroberer im 16. Jahrhundert die Legende von einer sagenumwobenen Stadt aus purem Gold, was zu zahlreichen gescheiterten Expeditionen führte. Heute nutzt man das Wort metaphorisch entweder für einen Ort, der ideale Bedingungen oder unbegrenzte Möglichkeiten bietet, oder für Wünsche oder Träume, die man vergeblich jagt.

„Eldorado“: 
Girls In Hawaii jagen dem Traum hinterher, ein melancholisches, vielschichtiges Indierock-Album aufzunehmen, das akustische und elektronische Elemente kombiniert und Grandaddy oder Radiohead nachspürt. 
Vermutlich hatten Antoine Wielemans (Gesang, Gitarre), Lionel Vancauwenberghe (Gesang, Gitarre), Brice Vancauwenberghe (Gitarre), François Gustin (Gitarre, Keyboard), Daniel Offermann (Bass) und Boris Gronemberger (Schlagzeug) keine weitere Expedition geplant, denn ihre letzte fand 2017 („Nocturne“) statt und nach ihrem Schlagzeuger Denis Wielemans hatten sie zuletzt auch ihren langjährigen Manager und Freund Pierre Van Braekel verloren. 
Erst auf Initiative der Betreiber des Ancienne Belgique fanden sich Girls In Hawaii wieder zusammen, um Konzerte zum Jubiläum ihres Debütalbums „From Here To There“ (2005) zu spielen. Dies gab wohl auch den Anstoss für die Aufnahmen zu ihrem insgesamt fünften Studioalbum. „Eldorado“ ist als CD und LP (Black Vinyl, Red Vinyl) erhältlich und bietet 11 Songs in 42 Minuten. 


„Eldorado“ strotzt vor eindrucksvollen Songs. Girls In Hawaii gelingt es, an ihr eigenes musikalisches Vermächtnis anzuknüpfen und dessen Quintessenz zu destillieren. Gleichzeitig bewahren sie sich eine Frische, die die LP zu einem echten Highlight in ihrer Diskografie macht. Textlich hangeln sich die elf Tracks an gewichtigen Fragen zu Themen wie der Klimakrise, der spürbaren kollektiven Erschöpfung, zerbrechenden Beziehungen, schmerzhaften Abschieden, Bildern aus Kindertagen und der Suche nach dem eigenen Platz in einer zunehmend instabilen Welt entlang, ohne den Mut zu verlieren. Dass all das nicht ohne Emotionen reflektiert werden kann, zeigt die klangliche Ausgestaltung der Platte. Sie reicht von leisen, melancholischen Momenten wie einem zarten Wimmern bis zu aufbrechender, massiver Wut, die sich in apokalyptischen Melodiebögen wie im Opener „Is It Happening Right Now?“ äußert. Girls In Hawaii beweisen, dass es schon immer ihre Stärke war du. Auch weiterhin ist, Gefühle erfahrbar zu machen und dabei vollkommen authentisch zu sein. Wir können miterleben, wie die Band am Anfang der LP an ihrer eigenen Unsicherheit zu zerbrechen droht, als wäre sie ein Schiff auf stürmischer See, bevor die Wellen schließlich abebben und es im letzten Drittel von „Eldorado” etwas weniger turbulent zugeht. 


 


 





6. Oktober 2026

Susanne Sundfør - Revelations Of Divine Love


Die Nachricht, dass „Tubthumper“ von Chumbawamba auf Vinyl wiederveröffentlicht wird, ließ bei Oliver und mir nur einen Gedanken zu: „OMG! Hoffentlich kommt die „Anarchy“ auch noch!“ Das Plattencover des sechsten Albums von Chumbawamba ziert ein Foto einer Geburt: der Kopf eines Babys tritt aus einer Vagina hervor, was dazu führte, dass das Album in einigen Geschäften verboten und in anderen nur in neutralen Hüllen angeboten wurde. Bei einigen Streaming-Diensten sowie der japanischen physischen Ausgabe des Albums wurde Cover durch ein Gemälde roter Rosen ersetzt. Ob dem neuen Album von Susanne Sundfør ähnliche Zensur droht?

Die Norwegerin brachte 2020 eine Tochter sowie 2025 einen Sohn zur Welt und ist mit dem norwegischen Jazzmusiker und Saxofonisten André Roligheten verheiratet. Vielleicht kam es so zur Idee mit der fotografischen Darstellung einer gebärenden Frau für das Cover bzw. die Verbindung zum britischen Jazzpianisten und Organisten Kit Downes. Denn zusammen mit diesem wurde „Revelations Of Divine Love“ im November 2024 in der stillen, hallreichen Atmosphäre der Bragernes-Kirche in Norwegen aufgenommen, überwiegend in „Single Takes“, also Aufnahmen in einem einzigen Durchgang, und Darbietungen, bei denen die Präsenz wichtiger war als die Perfektion.

Sundfør singt, Downes spielt Kirchenorgel, zusammen haben sie die meisten Titel komponiert, am Anfang („A Revelation Of Love“) und Ende („Love Was Our Lord’s Meaning“) des Albums steuert Jørgen Træen dezente elektronische Klänge bei. Mehr gibt es auf diesem intimen und reduzierten sowie hypnotischen und sakralen Album nicht zu hören. Susanne Sundfør klingt hier wie ihre schwedische Kollegin Anna von Hausswolff ohne Rock und Drone-Experimente und nach einer Zeitreise ins Mittelalter, damit erfindet sich also ein weiteres mal neu.

Der Titel des Albums bezieht sich auf das wegweisende mystische Werk von Juliana von Norwich aus dem 14. Jahrhundert und setzt deren Worte musikalisch um. Unter dem Titel „Revelations Of Divine Love“ bekannten Schriften sind nicht nur die ersten überlieferten englischsprachigen Texte einer Frau, sondern auch die einzigen überlieferten englischsprachigen Texte einer Anachoretin (Einsiedlerin).

„Revelations Of Divine Love“ ist als CD und LP (Red And Black Marbled Vinyl) erhältlich.




It’s a beautiful album, centuries in the making, then, and moreover, in a curious way, it’s subversive too. The pipe organ of late has become a vessel for a kind of secular spirituality in music propagated by hipsters, tacitly offering a connection with our medieval forefathers and foresisters that’s almost humanist in its pretensions. Sundfør reunites the king of instruments with an unabashed religiosity on songs like ‘I It Am’, with lyrics bordering on erotic supplication in places (“I it am that thou servest / Thou longest for / That thou desirest…”). Indeed, one doesn’t have to be of a religious persuasion to admire this project and adore these songs, many of them hymns of adoration. Whatever your proclivity, spiritual or otherwise, it’s certainly advisable to pull up a pew and enjoy the latest service in Sundfør’s slowly expanding and singular body of work.




5. Oktober 2026

Frankie Rose - Hila


Mit ihren früheren Bands war Frankie Rose deutlich rockiger unterwegs als solo und wirklich lang hat es weder bei Crystal Stilts noch bei Dum Dum Girls, Vivian Girls oder Beverly funktioniert. Bereits seit 2009 veröffentlicht sie Musik unter ihrem eigenen Namen und meistens über Slumberland Records. 

Das sechste Album der in New York lebenden Künstlerin erscheint nun aber über Born Losers Records als CD und LP (Clear with Yellow Center Vinyl) und taucht tief in die 80er Jahre ein. Ihr ätherischer Gesang lässt an Elizabeth Fraser von den Cocteau Twins denken, das säuselnde Saxofon beim instrumentalen „Rainman“ an „Blade Runner“. Zu diesem Film würde auch der generell düstere und cineastische Sound des Albums passen, egal, ob er nun in verhallten Dreampop- oder unterkühlten Synthpop-Welten dahin gleitet oder sich sanft in Richtung von New Wave, Gothic und Post-Punk bewegt, wie beispielsweise bei „Manifest“.    

Frankie Rose hat die 10 Songs allein komponiert und produziert, im Studio half u.a. Justin Welch von Elastica bzw. Lush als Schlagzeuger. Leider sind ihr die gitarrigen Erinnerungen an die vorherige gemeinsame Tournee mit The Jesus & Mary Chain und Swervedriver auf „Hila“, einem Album das den Verlust thematisiert, wohl tatsächlich verloren gegangen. 


 


 


4. Oktober 2026

Slow Pulp - Melodie


Zünden Slow Pulp auf ihrem dritten Album ein Feuerwerk an Melodien, oder wie ist das Plattencover von „Melodie“ zu verstehen?

Das in Chicago ansässige Quartett besteht aus Emily Massey (Gesang, Gitarre), Henry Stoehr (Gitarre), Alexander Leeds (Bass) sowie Theodore „Teddy“ Mathews (Schlagzeug) und erstmals in der Bandgeschichte arbeiteten Slow Pulp mit einem externen Co-Produzenten zusammen: Elliott Kozel (Rosalía, Lizzo, Soccer Mommy) unterstützte Henry Stoehr und Emily Massey bei der Produktion der 11 Songs. Für das Songwriting kehrte das Duo zu seinen Wurzeln in deren Heimatstadt Madison zurück und trotz dieser leichten Veränderungen in der Herangehensweise im Vergleich zum Vorgänger „Yard“ (2023), der während der Pandemie und in Isolation entstanden war, pendeln Slow Pulp weiterhin zwischen melancholischen Folksongs wie „Spill“ oder „These Days“, die an Boygenius denken lassen, und (seltener) temporeichem 90er Jahre Indierock mit Shoegaze-Verweisen („Better Man“, Melodie“) für Freunde von Alvvays, Soccer Mommy oder Beabadoobee.

„Melodie“ ist über Anti- als CD und LP (Black Vinyl, Clear Vinyl, Clear Pink Vinyl) erschienen.

Slow Pulp in Deutschland:
21.01.27 Berlin, Columbia Theater
22.01.27 Köln, Gebäude 9


 


Slow Pulp beherrschen die Kunst, Melancholie in leuchtende Gitarrenmusik zu verpacken. Auf „Melodie“ führt das Quartett seinen Indie-Rock mit Dream-Pop-Schimmer und feiner Neunziger-Alternative-Kante konsequent weiter. Zwischen Euphorie und Verletzlichkeit klingt die Band zugleich vertraut und erstaunlich frisch.
(…) Ein warmes, klug arrangiertes Indie-Album – vielleicht nicht ganz so überwältigend wie „Yard“ (2023), aber mit reichlich eigenem Charme.




3. Oktober 2026

Danger Dan - Keine Angst


Am Tag der Deutschen Einheit gibt es nichts Passenderes als die provokanten Anti-Nazi-Texte des Liedermachers Danger Dan und sein neues Album „Keine Angst“ vorzustellen.

Die an Zensur grenzende Ausladung aus der ZDF-Sendung „Die Anstalt“ führte immerhin zu so viel Aufmerksamkeit, dass das Lied „Keine Angst“ (#7) in den deutschen Charts noch erfolgreicher war als „Das ist von der Kunstfreiheit gedeckt“ (#25) fünf Jahre zuvor. Zum Ausgleich dürfen die Kolleg*innen von anderen öffentlich-rechtlichen Kanälen nun das Loblied auf das Album singen:


Auf dem gleichnamigen Album ist „Keine Angst“ fast der Schlusspunkt, als vorletzter von insgesamt zwölf Songs. Als sei Danger Dans antifaschistische Haltung die logische Konsequenz aus allem, was er zuvor besingt.
Und das ist auf eine ganz andere, weniger krawallige Art politisch. Danger Dan behandelt die vielen Facetten des Menschseins, meistens ruhig und nachdenklich. „Dass es hier so schön ist“ erzählt von seiner drohenden Erblindung. Überhaupt zeigt sich Daniel Pongratz, wie er bürgerlich heißt, verletzlich. Im Sinne einer „neuen Männlichkeit“ singt er davon, in Therapie zu sein, bei Liebesfilmen zu weinen und sich vor dem Tod zu fürchten.
Er vertont auch sein jüngstes Outing. „Warum es nicht geklappt hat“ ist ein Liebeslied für einen Mann. So explizit hat man das im deutschen Pop viel zu selten gehört. In „Für immer“ reflektiert Danger Dan, dass sein Schmerz über den Verlust eines Freundes mit der Zeit abgenommen hat.
(SWR)


  


So geht es zum Beispiel ums Abschiednehmen und die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit. "Dass es hier so schön ist, hätte ich vielleicht sonst nie gesehen", singt der 43-Jährige, der an der Augenerkrankung Retinitis pigmentosa leidet, die ihn langsam erblinden lässt. Und der dazugehörige Song ("Dass es hier so schön ist") ist vielleicht eine der schönsten Balladen des Jahres. Auch wegen dieser wehmütigen Zeile: "Ich will nicht, dass ich Angst hab', aber mich dran erinnern: Irgendwann holt auch mich die Nacht."
Mangelnde Akrobatik mit der linken Piano-Hand gleicht Danger Dan wieder mit Kreativität aus. Die überspringt im Laufe des Albums sogar mehrere Oktaven vom Kampflied in Moll zum satirischen Chanson á la Georg Kreisler mit dem Titel "Wenn man Nazis so behandelte wie Frauen". "Kapiert – wir sollen Nazis also lieber nicht verhauen", singt Danger Dan darin. "Doch wie wär's, wenn wir stattdessen – ich weiß, es klingt vermessen, doch man könnt' es ja mal testen – sie behandelten wie Frauen?" Und dann zählt er auf, wie Frauen in der Gesellschaft benachteiligt werden oder welche Gewalt ihnen widerfährt.
(BR)


 


Für Daniel Pongratz, wie Danger Dan eigentlich heißt, ist das Private politisch - ganz nach der alten 68er-Losung. Das geht aus vielen seiner Texte hervor. In "Dass es hier so schön ist" singt er über seine Augenerkrankung, die ihn nach und nach erblinden lässt. Im Video sitzt er in einem hell erleuchteten Raum voller Kerzen und Leuchter. Auf dem Bildschirm tauchen immer mehr schwarze Flecken auf, am Ende herrscht totale Finsternis. Ein bewegender Aufruf, die Schönheit der Welt mit offenen Augen wahrzunehmen.

Überhaupt: Das Positive, das uns trotz allem umgibt, ist neben dem Appell, gegen Faschismus aufzustehen, ein immer wiederkehrendes Thema bei Danger Dan. "Hätte der Opa, der im Zweiten Weltkrieg im Schützengraben lag, je gedacht, dass sein Enkel irgendwann bei Montpellier im Sonnenuntergang die Enkel derer küssen kann, auf die er gerade schießt", heißt es im Song "Aber dann“.
(NDR)




2. Oktober 2026

DMA’s - DMA’s


Die australischen Britpop-Epigonen von DMA’s feierten dieses Jahr den 10. Geburtstag ihres Debütalbums „Hills End“. Und wo könnte man dies besser tun als im Vereinigten Königreich, der Heimat ihrer Vorbilder, die Oasis, The La’s, The Stone Roses, New Order und natürlich The Beatles heißen. 
Für die Proben haben sich der Sänger Tommy O'Dell und die beiden Gitarristen Matthew Mason und Johnny Took wieder intensiv mit ihrem Frühwerk auseinandergesetzt und dabei offensichtlich erkannt, dass sie auch gut auf die vielfach auf „The Glow“ (2020) und „How Many Dreams?“ (2023) genutzten Synthesizer, Drum-Computer und Dance/Pop-Elemente verzichten können. Gleiches galt wohl für Stuart Price und Rich Costey, die als Produzent sicherlich so einiges zu dieser (Fehl-)Entwicklung beigetragen hatten. 

So entstand das fünfte Studioalbum „DMA’s“ größtenteils im eigenen Studio, wo das Trio auch hinsichtlich der Produktion federführend war. So gibt es auf den 11 Songs, die knapp 39 Minuten laufen, entspannten, leichtfüßigen Gitarrenpop, wie ihn beispielsweise Blossoms derzeit bieten („My Baby’s Place“), sommerlichen, melodiösen Britpop, der an Travis denken lässt („Hurracane“), akustische Balladen wie „Windows“, temporeiche Rocksongs („Killing Time“, „Heatin Park“, „One & Only“) oder hymnisches Futter für die ganz großen Konzertbühnen („Distance“, „Emailz“). Anders als beim Vorgänger gibt es auf „DMA’s“ keine Totalausfälle zu verzeichnen.

Es scheint sich für DMA’s gelohnt zu haben, denn erstmals - nach den Plätzen 8, 7, 2 und 2 - konnten sie Platz 1 der Album Charts in ihrer australischen Heimat erreichen. Ob diese Entwicklung auch bei Platten vor Gericht gutiert wird? 

Es gibt mehrere hübsche, zum Plattencover passenden rote Schallplatten von „DMA’s“ - und eine blaue: Red Vinyl, White & Red Pinwheel Vinyl, Clear& Red Yolk Vinyl, Clear & Red Splatter Vinyl, Baby Blue Vinyl.


 


 


What makes the album satisfying is that it does not reinvent DMA’S, and it should not. Their real achievement has been expanding the sound piece by piece without losing what made people care in the first place.
Trace the line: Hills End landed in 2016 with clear echoes of Oasis, The Stone Roses and Britpop. For Now polished the formula. The Glow opened the door to electronics and dance music. How Many Dreams? went bigger. Now DMA’S pulls those threads into one cohesive record.
The guitars still matter, but they are no longer the whole story. The electronic touches feel natural rather than gimmicky; the melodies remain instant, now framed by smarter arrangements. Best of all, the band sounds like it has nothing left to prove.
O’Dell deserves a moment here, because he is the heart of this band. DMA’S could have settled into Britpop-revival comfort, but his voice gives them room to keep moving. That range works in a sweaty club at midnight, on a festival main stage at sunset, or from a car stereo on a long drive.
Credit to Johnny Took and Matt Mason too. Their guitar work is increasingly about texture and feel rather than riffs alone, and this record shows how much that shift has paid off.


 




1. Oktober 2026

Neue Gerichtstermine: Oktober / November


Oktober

02.10.
The Album Leaf - A Body Of Voices
Danger Dan - Keine Angst
Johnny Marr - The Age Of Everything
Susanne Sundfør - Revelations Of Divine Love
Vacations - Pursuit Of Anything
Walt Disco - Walt Disco

09.10.
Andy Bell & Masal - Common Primitives
Bodega - All Inside Aquarium
The Howlers - Heavy
Imperial Teen - All Over You
Pet Shop Boys - A Man From The Future
Sarah Julia - The Fear That This Is Real
The Tallest Man On Earth - Just Beyond Endless Mountain
Teenage Fanclub - Do Not Dare To Dream
Tramhaus - Blister

16.10.
Bärchen und die Milchbubis - Lach doch mal
Eels - Cookie Happened
Fontaines D.C. - Dopamine Chamber
Giant Rooks - If Heaven Exists, This Might Be It

23.10.
Fenne Lily - Win Win
The Olivia Tremor Control – The Same Place
Philipp Poisel - Gute Zeiten

30.10.
DIIV - ZIRP!
Editors - Surface, Echo & Sound
Ex:Re - Save As
Get Well Soon - Séance
Heather Nova - The Orchard
Caroline Rose - Gentling The Horse At The Walt Whitman Mall
Tränen - Leben einer Katze


November

06.11.
La Roux - Old Flames
Sufjan Stevens - Worst Christmas Ever!

13.11.
Jake Bugg - Alamo
U2 - Carnaval de Luz

20.11. 
Desperate Journalist - Gilding The Lily
Kat Frankie, B O D I E S - The Dream
Lael Neale - As Killer Do

30. September 2026

Stornoway - Beyonder


Was für eine schöne Geschichte: 
Ladysmith Black Mambazo, der weltberühmte, mehrfach mit dem Grammy ausgezeichneter a cappella-Männerchor aus Südafrika, der 1986 durch seine Zusammenarbeit mit Paul Simon auf dessen legendärem Album „Graceland“ international bekannt wurden, hatte eine Zulu-Version des Stornoway-Songs „Josephine“ (vom Album „Bonxie“ (2015)) aufgeführt – völlig ohne zu wissen, von wem das Lied stammte. Der Chorleiter Sibongiseni Shabalala glaubte anhand der Melodie sogar, der Song sei ein altes, traditionelles Stück längst verstorbener Musiker.
Als Stornoway-Bassist Oli Steadman den Chor kontaktierte und eine gemeinsame Neuaufnahme des Songs sowie ihres neuen Songs „The Honeyeater's Song“ vorschlug, war die Überraschung groß: Der Chorleiter ging bis dahin davon aus, die ursprünglichen Urheber seien schon seit Jahrhunderten tot („They heard the song? They're still alive?“). Finanziert durch ein staatliches Förderprogramm nahmen beide Gruppen beide Songs schließlich im Mai 2026 nahe Durban in Südafrika gemeinsam auf. „The Honeyeater's Song“ findet sich nun als einer von insgesamt elf neuen Songs auf „Beyonder“.


 


Die frühesten Songs des Albums entstanden, als Frontmann Brian Briggs als freiwilliger Ranger für den National Trustauf St. Kilda arbeitete – einer abgelegenen, stürmischen Inselgruppe rund 100 Kilometer westlich der Äußeren Hebriden. Briggs lebte dort mitten in der rauen Natur zwischen Steilküsten, riesigen Seevogelkolonien und den Ruinen verlassener Siedlungen. Ein dort aufgenommenes Foto ziert auch das Cover des fünften Studioalbums, welches das Trio selbst produziert hat. Das Aufeinandertreffen von jahrhundertealten Traditionen (wie den alten Blackhouses-Steinhäusern) und moderner Infrastruktur (einer Militäranlage) inspirierte das Album inhaltlich, so dass sich Stornoway mit zentralen Gegenwartskrisen, wie der Biodiversitäts- und Klimakrise, dem Aufstieg spaltender Politik sowie der psychischen und gesellschaftlichen Belastung, die diese Entwicklungen mit sich bringen, auseinander. 

Gegen die schroffe, sturmgepeitschte Kulisse St. Kildas und die düsteren gesellschaftskritischen Themen setzt Stornoway einen warmen, feingliedrigen Folk-Pop, der lichtdurchflutet und aufbauend wirkt und durch Bläser („The Book Of Time“), Streicher („Fire And Water“, „Marco Polo“, „Wild Geese“) und weiteren Chorgesang („Rivers Of Voices“) aufgehübscht wird.   

„Beyonder“ ist als CD und LP (Eco Mix Vinyl) über Cooking Vinyl erschienen.


 




29. September 2026

Agnes Obel - The Meaning Of Flowers


Beim Golden Leaves Festival widmete Agnes Obel ihren damals noch unveröffentlichten neuen Song „Never Been“ einer kleinen Person, die hoffentlich schon schläft. Mit „Laymelli“ oder „Faustian Deal“ fanden noch weitere Lieder ihren neuen Albums den Weg in die Setliste, mittlerweile ist „The Meaning Of Flowers“ auch erschienen.

Bei der von Agnes Obel angesprochenen kleinen Person handelt es sich um deren Tochter, die vermutlich Ende 2021 geboren wurde. Viel mehr Informationen sind der Öffentlichkeit zu der Kleinen aber nicht bekannt, jedoch berichtet Obel nun im Rahmen der Veröffentlichung von „The Meaning Of Flowers“ vom massiven Einfluss ihres Nachwuchses auf die Entstehung ihrer Musik: Das Album wurde vollständig von Agnes Obel selbst in ihrem eigenen Studio in Berlin geschrieben, eingespielt, arrangiert und produziert - den zeitlichen Rahmen gab aber meistens ihre Tochter vor. Zudem beschreibt sie in Interviews eine transformative Wirkung der Schwangerschaft und der Geburt auf ihre Wahrnehmung und Denkprozesse. Zudem suchte sie nach Poesie über das Gebären und Neuanfänge und stieß dabei unter anderem auf die antiken Texte der Dichterin Enheduanna und die philosophischen Ideen von Hannah Arendt und Emanuele Coccia. 
Durch die Wiederentdeckung ihres eigenen „inneren Kindes“ über ihre Tochter ging sie unbefangener an Instrumente und Rhythmen heran: Erstmals baute sie rhythmische Fundamente aus brasilianischer Perkussion in ihre Kompositionen ein, öffnete Synthesizer- und Streicher-Arrangements, um vielschichtige, fast orchestrale Klanglandschaften in ihrem Studio zu erschaffen und stürzte sich in modulierte Gesangsexperimente.

Daher klingt „The Meaning Of Flowers“, das sechseinhalb Jahre nach „Myopia“ veröffentlicht wurde und ihrer Tochter gewidmet ist, anders als seine vier Vorgänger und schwebt zwischen Kammerpop,  Electronica, Artpop, zeitgenössischer Klassik und Dreampop. Das Album ist über Deutsche Grammophon als CD und LP (Black Vinyl, Smokey Silver Vinyl und Purple Marbled Vinyl) erschienen. 

Agnes Obel (mit vermutlich dann schon schlafender Tocher) in Deutschland: 
21.09.2027 Düsseldorf, Tonhalle
09.11.2027 Stuttgart, Liederhalle (Beethovensaal)
10.11.2027 Nürnberg, Meistersingerhalle
12.11.2027 Hamburg, Laeiszhalle (Großer Saal)
13.11.2027 Berlin, Uber Eats Music Hall


 


Ihren schwerelosen Kammerpop erweitert Obel vermehrt um Electronica und rhythmische Experimente. „Laymelli“ etwa steht auf elektronische Texturen und einem sanften Klangteppich. Im einzigen Instrumentalstück „Tangerine“ entfaltet sich ein Wechselspiel zwischen Saxofon-Arpeggien, Celesta und Klavier.
Obel hat arrangiert, produziert und aufgenommen, spielt Klavier, Synthesizer und Keys, arbeitet mit Samples und verfremdeter Stimme. Unterstützt wird sie von einem Ensemble aus Streichern, Bass, Flöte, Saxofon, Lap-Steel-Gitarre und Percussion. Das kann man einfach genießen – oder tiefer eintauchen in Obels Welt (…).


28. September 2026

Pete Fij - Up’s The New Down



Zu behaupten, dass „Up’s The New Down“ das Solodebüt von Pete Fij ist, wäre nur die halbe Wahrheit. Denn in der Diskografie von Pete Fijalkowski (und in meinem Plattenschrank bzw. CD-Regal) taucht - neben zwei Alben mit Adorable („Against Perfection“ (1993) und „Fake“ (1994)) und zwei mit Polak* („Swansongs“ (2000) und „Rubbernecking“ (2002)) und zwei mit Terry Bickers von The House Of Love bzw.  Levitation („Broken Heart Surgery“ und „We Are Millionaires“ (2017)) - auch noch die ursprüngliche Soloversion von „Broken Heart Surgery“ auf, die er ebenfalls 2014 in Eigenregie veröffentlichte und die eine leicht veränderte Trackliste im Vergleich zu der Fassung mit Bickers zu bieten hatte. Diese beinhaltete unter anderem eine akustische Version von „Homeboy“ (Adorable) und ein Cover von New Orders „Love Vigilantes“. 

Zuletzt hatte Pete Fij 2019 das Kapitel Adorable nach 25 Jahren mit 5 Abschiedskonzerten doch noch standesgemäße beenden können, was uns nicht nur noch einmal ein tolles Live-Erlebnis bescherte, sondern vielleicht auch Pets Interesse an verzerrten E-Gitarren neu entfacht hat. 

„Up’s The New Down“ ist das Gegenstück zu den ruhigen, melancholischen und akustischen Klängen, die das Duo Fij/Bickers produzierten. „Love’s Coming Back“ eröffnet als ältester Song das Album und man kann schnell verstehen, warum er nicht so recht auf ein Fij/Bickers-Album passten sollte. Bereits im letzten Jahr, als er ihn kurz nach „Complicated“ veröffentlichte, was klar, dass dieser Alleingang von Pete Fij deutlich näher stehen würde als alle seine anderen Veröffentlichungen der letzten drei Jahrzehnte. In diese Reihe gehören auch das fast sechsminütige, das Album abschließende „Fragments“, das tatsächlich auf einem alten Adorable-Riff beruht, und „Buzz Buzz“, das er im Rahmen einer Crowdfunding-Kampagne für einen deutschen Fan geschrieben hatte (nein, nicht für mich, ich hatte mich damals für den handgeschriebenen Text von „Homeboy“ entschieden). In diesem Song hört man zwischen den verzerrten Gitarren deutsche Stimmen und am Ende das Kinderlied „Summ, summ, summ, Bienchen, summ herum!“ von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben aus dem Jahr 1835 - gesungen vom besagten weiblichen Fan.

Vielleicht ist es das groovende „Hey Sunshine“, dem man eher eine Nähe zu Polak zuschreiben müsste. Für das tanzbare und elektronisch angehauchte „Kitchen Disco“ findet man in Fijs Diskographie bisher kein Gegenstück. Für den verzerrten Indierock von „Wake Up Honey“ standen möglicherweise The Jeus & Mary Chain oder die Pixies Pate.

Jetzt bleibt zu hoffen, dass Pete Fij die ursprüngliche Version von „Broken Heart Surgery“ nicht als sein erstes Soloalbum ansieht, denn mehr als zwei Alben, gab es bisher weder von Adorable noch Polak oder Pete Fif / Terry Bickers zu hören - denn von dem „Up’s The New Down“-Pete Fij möchten wir noch viel mehr hören!


* Es gibt darüber hinaus noch die lohnenswerte Compilation „3 x 3“ (1999), auf der drei Singles mit jeweils 3 Songs zusammengefasst sind.


 


 


 







27. September 2026

10 Schallplatten, die uns gut durch den Oktober bringen


10. Teenage Fanclub - Do Not Dare To Dream (Opaque Orange Vinyl) 9.10.2026






9. Pet Shop Boys - A Man From The Future (Black Vinyl) 9.10.2026






8. Danger Dan - Keine Angst (180g, Black Vinyl) 2.10.2026






7. Johnny Marr - The Age Of Everything (Specialist Retailers Edition) (Red Vinyl) 2.10.2026






6. Chumbawamba - Tubthumper 2 LPs 23.10.2026






5. Ash - 1977 (30th Anniversary) (remastered) (InkPlosion Green & Black Vinyl) (EcoRecord) (2 LPs) 16.10.2026






4. Pete Fij - Up's The New Down (Black Vinyl) 25.09.2026






3. Editors - Surface, Echo & Sound (Limited Edition) (Green Vinyl) 30.10.2026






2. Get Well Soon - Séance (Black Vinyl) 30.10.2026






1. Fontaines D.C. - Dopamine Chamber (Marble Blue Vinyl) 16.10.2026







26. September 2026

Roomer - Staircase Of Rope


Die erste Vorladung (XII-MMXXVI)

Personalien:
Die Berliner Band Roomer ist nach ihrem Debütalbum und dem Ausstieg von Arne Braun zu einem Trio geschrumpft, das aus Ronja Schößler, Ludwig Wandinger und Luka Aron besteht. 

Tathergang:
Roomer wurde gegründet, um ihre unterschiedlichen musikalischen Welten in einem klassischeren Rockband-Format zusammenzubringen, denn auch vorher hegte man langjährige Freundschaften und pflegte gemeinsame Kollaborationen in der europäischen Avantgarde-, Free-Improv-, Folk- und Electronic-Szene. Über das Münchner Label Squama Recordings wurde im April 2025 als Quartett das Debütalbum „Leaving It All To Chance“ veröffentlicht, diesen Monat brachte man als Trio „Staircase Of Rope“ (Black Vinyl) heraus. Während das Debüt auf Songs fußte, die sich bereits auf unzähligen Konzerten bewährt hatten, entstand das neue Album genau umgekehrt: Zuerst im Studio, oft aus Improvisationen heraus und meist in Aufnahmen in einem einzigen Durchgang, an denen die Band nichts mehr ändern wollte. Egal, ob diese auf dem Sofa im Elternhaus an einem Sommertag zwischen zwei Spaziergängen aufgenommen wurde oder im Betontreppenhaus neben dem Münchner Squama-Hauptquartier oder in diversen Schlafzimmern.

Plädoyer:
Wenn man „Staircase Made Of Rope“, die Treppe aus Seil, als Strickleiter versteht, dann passt dies gut zur Entstehung des Albums, denn die Songs von Roomer basieren nicht auf fest zementierten Strukturen, so dass man vorher nicht weiß, in welche Richtung sie sich bewegen werden, ob leise, intime Schlafzimmer-Passagen oder abrupte Noise-Wände folgen. Roomer selbst schleppen sich träge und hangeln sich schlingernd auf diese Weise in 10 Songs über die Stufen Dreampop, Shoegaze, Slowcore, Noise-Rock und Post-Rock nach oben.

Zeugen:

“Something New” is as lively as slowcore can be with its scintillating guitars. However, the pacifying Boris-esque coda that seamlessly segues into the crusting, monolithic “Grey” is one of several affecting moments that deserved to breathe, in order to land with greater impact. “Good On My Own” is similar, initially propelled by an askew rhythmic backbone, then tapering off to a low-res guitar lullaby that could feel less tacked on if it were prolonged. But those decisions were driven by impulse, given the improvisatory element.
As a result, Roomer occasionally embark on a stranger path, with the surreal guitar licks on “Written By”, the abrupt cyclone of distortion interlude “No Different After All”, the dead-march title track “Staircase Made of Rope”, and the abstruse words throughout similar to shoegaze’s pioneers. Yet if Roomer gave more time to honing their noisy feedback, their second effort wouldn’t sound so uniform.

Indizien und Beweismittel:


 


 


 


Ortstermine:
22.10.26 Berlin, Neue Zukunft
17.11.26 München, Milla Club

Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...


25. September 2026

Dinosaur Jr. - There Near


Die Geschichte von Dinosaur Jr. in fünf Videos erzählt: 

1. „Little Fury Things“ (1987)

„Little Fury Things" ist der Eröffnungstrack des im Sommer 1987 erschienenen Albums „You're Living All Over Me“. Als das zweite Album des Trios in die Plattenläden kam, prangte auf dem Cover und der Vinyl-Pressung noch schlicht der ursprüngliche Bandname Dinosaur. Doch kurz nach der Veröffentlichung schaltete sich eine San-Francisco-Hippie-Supergroup namens Dinosaurs (bestehend aus Musikern von Grateful Dead, Jefferson Airplane und Country Joe and the Fish) ein. Sie drohten der jungen Underground-Band unverzüglich mit einer millionenschweren Urheberrechtsklage.
Da die Band kein Geld für Anwälte hatte, musste das Label SST Records die Platten zurückrufen und das Re-Pressing stoppen. Um dem Rechtsstreit auszuweichen, hängten Mascis und Barlow schlicht ein „Jr." an den Namen an. Die nachfolgenden Pressungen des Albums wurden mit dem neuen Namen bedruckt.


 


2. „Freak Scene“ (1988)

„Freak Scene“ ist der bekannteste Song der Band beförderte sie schlagartig aus dem Underground ins Rampenlicht und brachte ihnen Major-Label-Angebote ein. Er befindet sich auf dem Album „Bug“, das von Fans und Kritikern als Meisterwerk gefeiert wird. Jedoch empfindet J Mascis bis heute tiefen Hass für diese Platte. Grund dafür war nicht die Musik, sondern die menschliche Hölle im Studio: Die Spannungen zwischen J Mascis und Bassist Lou Barlow hatten ihren absoluten Tiefpunkt erreicht. Anstatt miteinander zu sprechen, kommunizierten die beiden gar nicht mehr oder brüllten sich an. Mascis erzählte später in Interviews oft, dass er beim Einspielen der Gitarren nur physischen und mentalen Schmerz empfand. Wenn Journalisten ihn heute auf „Bug“ ansprechen, reagiert er meist nur mit einem Stöhnen oder Augenrollen.


 


3. „Just Like Heaven“ (1989)

Im Jahr 1989 steuerten Dinosaur Jr. ein Cover für eine Flexi-Disc-Beilage des britischen Musikmagazins Melody Makerbei. Mascis wählte den Song "Just Like Heaven" von The Cure – ein Pop-Meisterwerk, das erst zwei Jahre zuvor erschienen war. Anstatt den Song getreu zu kopieren, jagte die Band das Stück durch ihren eigenen Fleischwolf: dröhnende Fuzz-Gitarren, J Mascis’ melancholischer Nuschelgesang und ein völlig entfesseltes Drumming. Der The Cure-Chef Robert Smith war absolut hin und weg. Smith verkündete in Interviews öffentlich seine Bewunderung für die Version und sagte wörtlich: "J Mascis hat das Schlagzeug in meinem Song zum ersten Mal richtig verstanden. Ihre Version ist ungelogen besser als unser Original."


 


4. „Feel The Pain“ (1994)

„Feel The Pain“ erschienen 1994 auf dem Album „Without A Sound“, war der größte kommerzielle Erfolg für Dinosaur Jr. (Platz 62 in den US Charts) und entwickelte sich zu einem Dauerbrenner auf MTV. Zu diesem Zeitpunkt war Bassist Lou Barlow längst ausgestiegen, und die Band funktionierte im Grunde als J Mascis' Soloprojekt auf einem Major-Label. Für das Musikvideo heuerte das Label den damals aufstrebenden Kult-Regisseur Spike Jonze an. Dieser hatte die schräge Idee, J Mascis und den neuen Bassisten Mike Johnson als zwei völlig fehl am Platz wirkende Golfer durch die dichten Straßen von New York City ziehen zu lassen – mit einem umgebauten Golf-Cart mitten im Berufsverkehr. Während des Drehs schlug J Mascis eine Reihe echter Golfbälle quer durch die belebten Straßen - und traf aus Versehen einen echten Passanten mit voller Wucht am Kopf. Für diesen wurde der Songtitel also Wirklichkeit.


 


5. „Several Got Away“ (2026)

Sie machen immer noch Musik und natürlich gibt es mit „There Near“ auch ein neues Studioalbum von Dinosaur Jr.! Für die Aufnahmen des dreizehnten Albums wollte J Mascis weg vom glattpolierten Studiosound der späteren Jahre. Auf der Suche nach Inspiration durchwühlte er sein legendäres Equipment-Archiv im eigenen Studio in Massachusetts und zog einen uralten, Staub ansetzenden Mesa Boogie MK 1-Verstärker heraus – exakt das Modell, das er in den späten 80ern bei den Aufnahmen zu „You're Living All Over Me“ genutzt hatte.
Mascis stöpselte seinen Big Muff Fuzz direkt in diesen restaurierten Oldtimer-Amp. Das Resultat: Der Sound klingt wieder spürbar schmutziger, gefährlicher und näher am ungeschliffenen Noise-Gewitter ihrer Anfangstage.




(…) Tatsächlich sucht er auf ­THERE NEAR noch nicht einmal in den Verästelungen des Sounds nach Neuerungen, stattdessen arbeitet Mascis mit Unterstützung von Bassist Lou Barlow und Schlagzeuger Murph an der Idee Dinosaur Jr. wie ein Zen-Meister am Abgang ins Nirwana (Anspielung ist Absicht!). Dabei entstehen eher langsame Dinosaur-Jr.-Songs und eher schnellere Dinosaur-Jr.-Songs, und es gibt mit „Blowin‘ Up“ den eher folk­rockenden Song, mit dem Barlow daran erinnern darf, dass er mit Sebadoh und Folk Implosion selbst Indie-Geschichte geschrieben hat.
Es gibt grandiose Gitarrenwände und wundervoll pelzigen Lärm, es gibt immer wieder ein klasse kreischendes Gitarrensolo und natürlich Mascis‘ leicht jammernden Gesang, den eh nichts erschüttern kann. (…)
Denn Dinosaur Jr. klingen halt, wie sie klingen: also grandios und mächtig und sensibel und sentimental und gewaltig und melancholisch, widersprüchlich und zugleich in sich ruhend – und vor allem wie niemand anderes auf diesem Planeten.

24. September 2026

Echo & The Bunnymen - Apples For Isaac


Am 27.02.1984 habe ich zum ersten Mal den Bandnamen Echo & The Bunnymen gehört. Woher ich das so genau weiß? Weil das Video von „The Killing Moon“ in Folge 35 der von Peter Illmann moderierten Sendung „Formel Eins“ gespielt wurde. Direkt nach dem Videoüberblick der Top Ten in Großbritannien, aus denen sich Echo & The Bunnymen soeben verabschiedet hatten. So richtig Eindruck hat der Song wohl nicht bei mir hinterlassen, denn aus den Top Ten interessierten mich viel mehr „Relax“ (#1), „Radio Ga Ga“ (#2), „Doctor Doctor“ (#3), Girls Just Want To Have Fun“ (#4), „Holiday“ (#6) und „New Moon On Monday“ (#9).

Danach blieben die 80er Jahre für mich ziemlich Echo & The Bunnymen frei, was auch daran lag, dass sowohl Indie-Musik als auch Post-Punk in Deutschland keine große Rolle spielten. So kann man beispielsweise festhalten, dass Echo & The Bunnymen weder mit einer Single noch mit einem Album die deutschen Charts erreichen konnten und auch niemals wieder in der Sendung „Formel Eins“ gezeigt werden sollten. Erst Ende der 80er Jahre tauchte die Band von Ian McCulloch und Will Sergeant noch einmal auf meinem Schirm auf, nämlich über die große Leinwand, als sie mit der Coverversion von „People Are Strange“ (The Doors) im Film „The Lost Boys“ zu hören waren.

Erst im Rahmen der Britpop-Welle tauchen Ian McCulloch und Will Sergeant wieder für mich auf: Zuerst 1995 mit ihrer neuen Band Electrafixion, deren einziges Album „Burned“ (1995) es in mein CD-Regal schaffte, dann mit ihrem Echo & The Bunnymen Comeback-Album „Evergreen“ (1997), das ihnen in Großbritannien mit „Nothing Lasts Forever“ (nach „The Cutter“ und „The Killing Moon“) ihre dritte Top Ten Single einbrachte.

Erst seit einigen Jahren höre ich mich gezielt in das Werk der 1978 in Liverpool gegründeten Band ein. Neulich hörte ich „Porcupine“ (1983), entweder weil es ihr erfolgreichstes Album war (#2 im UK), es von Ian Broudie von den Lightning Seeds produziert wurde oder mich das Cover, das am gefrorenen Gullfoss in Island aufgenommen wurde, so angesprochen hatte, und war überrascht, wie oft ich an The Mission denken musste, die ich - im Gegensatz zu Echo & The Bunnymen - zwischen 1986 und 1992 sehr oft hörte.

Lange Vorrede, kurzer Sinn: Wir sind mitten in unserer beliebten Serie „Comebacks, auf die die Welt gewartet hat, oder?“, denn Ian McCulloch und Will Sergeant sind mit ihrem dreizehnten Studioalbum zurück, das 12 Jahre, 3 Monate und 15 Tage nach „Meteorites“ erschienen ist.
Hier ist das Wichtigste in Kürze zu „Apples For Isaac“: Das Album wurde von Frontmann Ian McCulloch selbst produziert und bietet 11 Songs in 37:27 Minuten, die sich zwischen Post-Punk, New Wave, Psychedelic Rock und Britpop bewegen. Für den Mix zeichnen Alan Moulder (bekannt für seine Arbeit mit My Bloody Valentine, Nine Inch Nails, Smashing Pumpkins) sowie Andrea Wright verantwortlich. Der Titel nimmt Bezug auf Isaac Newton und behandelt Metaphern rund um Schwerkraft, Zeit und menschliches Vergehen. Der verstorbene Clem Burke (legendärer Schlagzeuger von Blondie) spielte das Schlagzeug auf 10 der 11 Tracks ein, kurz bevor er im April 2025 verstarb. Seine Aufnahmen gehören zu seinen letzten Studioarbeiten. Vorab erschienen die Singles „Brussels Is Haunted“, „The Light That Surrounds You“ und „Take Me By The Hand“ und seit dem 18. September ist das Album als CD und LP (Black Vinyl, Picture Disc, Green Splatter Vinyl) käuflich zu erwerben.


 


The band have long been open about their admiration for David Bowie, and his influence seems apparent on this record with the first two tracks – ‘Take Me By The Hand’ and ‘Can’t Be Sold’ – calling back to the 1975 Bowie record ‘Station To Station’, in particular ‘Golden Years’. As well as this, the vocals all over the record are beautifully reminiscent of the late, great chameleon of rock, with McCulloch finding the space amongst the upbeat chord progressions to offer brilliant crooning runs. ‘Brussels Is Haunted’ continues the record’s positive sound, yet tells the story of a city which bares the skeletons left behind by two world wars, with an ominous final verse which hints at what might be to come. Joyful “sha la la’s” in the background keep the uplifting feel through astounding lyrical dissonance. 
The first time the tone of the album genuinely shifts, however, is with ‘An Unstoppable Force’, which seems resigned to fate and has a beautiful, emotive string section towards the end of the track, bringing it to a potentially tearful close. Whether or not you can relate to the lyrical content of the song itself, you can appreciate the sentiment. (…)
Echo & The Bunnymen’s first album in more than a decade is a resounding success that both band and production team can take great pride in. The Liverpool greats rise to the occasion, expertly balancing darkness and pain with optimism, hope and love.