Mew - Visuals



















Nach über 20 Jahren und sechs Alben verließ im letzten Jahr Bo Madsen die dänische Band Mew, die seitdem als Trio agiert. Nun haben Jonas Bjerre, Johan Wohlert und Silas Utke Graae Jørgensen erstmals ein Album ohne ihren Gitarristen veröffentlicht - und das hört man. 

„Visuals“ ist mehr Dreampop als Post-Rock, setzt natürlich auf die typische Mischung aus Bombast, ungewöhnlichen (aber weniger experimentellen) Songstrukturen und Bjerres Falsett-Gesang, lässt aber die Synthesizer klar dominieren und überrascht gelegentlich mit tanzbaren Beats. Rockige Passagen wie in „Candy Pieces All Smeared Out“ oder dem abschließenden „Carry Me To Safety“ sind die Seltenheit und verhindern nicht, dass man häufig an Tears For Fears denken muss. Diese hatten zum Beispiel mit „Mothers Talk“ auf „Songs From The Big Chair“ ebenfalls gitarrige Ausreißer zu bieten, aber eben auch „Shout“ oder „Everybody Wants To Rule The World“, also überaus einprägsame Melodien, und die gehen „Visuals“ leider zu sehr ab. „Ay Ay Ay“ und „85 Videos“ kommen einer Hitsingle noch am nächsten, „Twist Quest“ mit seinen jazzigen Saxofon-Einlagen einem Totalausfall. 

Während das limitierte Vinyl von „Visuals“ mit 3D-Klappcover kommt, offeriert die japanische Version „Seeker Shivers“ und „Heavenly Jewel Thief“ als Bonus Tracks, die man besser genutzt hätte, um zum Beispiel „Twist Quest“ oder  „Zanzibar“ zu ersetzen.




Auch das mittlerweile siebte Album des Trios aus Hellerup, selbstständig produziert und aufgenommen in Kopenhagen, klingt in erster Linie gefällig, berauschend und schön – ohne dass irgendwelche prägnanten Momente, Klänge oder Gesangslinien langfristig hängen blieben. Bombastische Schlagzeug-Fills, zuckersüße Harmonien, schwelgerische Klangflächen, Zuversicht und Melancholie. Mehr muss eine Band wie Mew vielleicht auch gar nicht aufbringen, um dem eigenen Anspruch gerecht zu werden. Zumal das Songwriting der Band diesmal leicht von der Hand ging, wie Bjerre erklärt; ein kreatives Hoch während der letzten Tour machte Nägel mit Köpfen und zog Mew anschließend umgehend ins Studio, um das Livegefühl adäquat auf Platte zu verewigen.(intro)




Sprich, kein Pop ohne Prog. Und genau hier patzen Mew dieses Mal. Bis auf einen verstimmt meckernden Bass in der Strophe von "Candy pieces all smeared out" und den frickeligen "Twist quest" läuft die Pop-Butterfahrt 2017 wie eine geölte Maschine. Und zwar mit so viel Schmierstoff, dass die Songs am Ende nicht gleiten, sondern eher Schlieren ziehen. In der Summe einfach zu viel des Guten.Selbst wenn Mew in der Strophe von "Candy pieces all smeared out" einmal aufmucken, verlässt die Dänen spätestens im Refrain der Mut, und sie tapern devot zurück ins Glied der Schwindel erzeugenden Gefühlsduseleien. Und auch die Melodien überzeugen dieses Mal nicht wie gewohnt. Partiell liefern Mew souverän Dänische Delikatessen: So macht etwa "85 videos" alles richtig und verstreut funkelnden Sternenstaub zum Dahindämmern. Klasse, auch ohne Lautstärke Gehör verschafft. Leider können Mew trotz weiterer magischer Momente wie in "Shoulders" auf "Visuals" nicht komplett verzaubern. Eine fesselnde Geschichte braucht eben Höhen und Tiefen. Wer sich nur in himmelhochjauchzenden Regionen aufhält, verfällt irgendwann in ermüdende Gleichgültigkeit. Das abschließende "Carry me to safety" immerhin setzt der Pop-Musik noch einmal die Krone auf. Und dabei vermögen die spacigen Synth-Sounds im Refrain auch stilsicher zu zünden. Beim nächsten Kapitel wünschen wir uns dennoch weniger "safety" und mehr „adventure".(Plattentests)





Mew in Deutschland:
25.05.17 Köln, Luxor
26.05.17 Hamburg, Knust
27.05.17 Neustrelitz, Immergut Festival


Kommentare:

Ingo hat gesagt…

Tja, die Gitarren fehlen. Trotzdem 7 Punkte

Dirk hat gesagt…

Bitte einen neuen Gitarristen verpflichten! 6,5 Punkte

aXel hat gesagt…

6.5

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