Dienstag, 22. November 2016

Motorama - Dialogues






















„Der Sound der kühlen Post-Punk-Russen wird wieder rauer“, schreibt der Musikexpress in seiner Kritik zu „Dialogues“, dem vierten Album von Motorama.

Offensichtlich lag dem Rezensenten eine andere Platte vor als mir, denn weniger Postpunk und mehr poppiger New Wave war beim russischen Quartett bisher nicht zu hören. Entspannte, monotone Rhythmen, Vladislav Parshins nuancenarmer bis schiefer Gesang und softe Keyboard-Klänge dominieren die Songs, die schneller vorbei sind, als dass man Dnipropetrowsk sagen kann. Das ist zwar 6,5 Stunden Autofahrt von Rostow am Don, der Heimatstadt von Motorama entfernt, ändert aber nichts daran, dass man auf dieser Fahrt „Dialogues“ dreizehn Mal hören kann. Wenn man denn möchte.




So geht selbst das schlaflos-paranoide "I see you" nicht in der tiefschwarzen Nacht unter, sondern hält sich mit zahlreichen Synthie-Lichtblicken spielerisch auf den Beinen. Auch der Opener "Hard times" tänzelt im Kerzenschein verliebte Schattenfiguren an die Wand und überzeugt mit völlig unkitschigem Achtzigerjahre-Pop-Appeal auf ganzer Linie.
Dennoch lassen Parshin und Co. auch all jene nicht im Stich, die in Motorama eine Art Ventil für das eigene deprimierte Gemüt sehen: Das gleichzeitig verhuschte wie eindringliche "Someone is missed" begibt sich mit hektischem Schlagzeugspiel auf eine unheilvolle Achterbahnfahrt mit stellenweise verbundenen Augen. Der tiefe New Wave von "Reflection" schreckt vorm eigenen Spiegelbild zurück und steht dann ohnehin schon mit dem Rücken zur Wand, und "Loneliness" herzschmerzt sich mit schier endlos scheinenden Instrumental-Pausen durch die irgendwie ja doch auch zelebrierte Einsamkeit. Aber das Licht ist nah: Das beschwingte "By your side" wird am Schluss zur tröstenden Gruppentherapie und führt an der Hand aus dem gerade aufkeimenden Trübsal heraus.
(Plattentests)




Schwebende Wave-Hymnen wie »Tell Me« stehen neben Düster-Pop wie »Sign«. Insgesamt ist die Musik der Russen nicht auf Fortschritt angelegt, sondern auf Verfeinerung. Diese wird sichtbar durch den vermehrten Einsatz von Akustikgitarren und einer bewussteren Hinwendung zum Pop. Eines ist aber geblieben: »Dialogues« ist genauso gut wie seine Vorgänger, was bei aller Freude fast schon wieder beängstigend ist.
(intro)