Sonntag, 9. Oktober 2016

Warpaint - Heads Up
























Neulich beim nur einseitig beliebten Band-Raten während einer nächtlichen Autofahrt. Meine Freundin: "Eine Band aus den USA, die ich nicht mag, du auch nicht besonders, und die ich schon zwei Mal live gesehen habe? Also Warpaint können das nicht sein. Das sind ja richtige Songs mit erkennbaren Strukturen...."
Und dennoch war das, was der iPod wiedergab, tatsächlich das dritte Album von Warpaint. 

Emily Kokal, Theresa Wayman, Jenny Lee Lindberg und Stella Mozgawa ließen sich nicht erneut 4 Jahre Zeit für ein Album, sondern stellten "Heads Up" innerhalb von zwei Jahren fertig, obwohl die vier Bandmitglieder als Warpaint lange Zeit auf Tournee waren, Soloalben veröffentlichten (Jenny Lee Lindberg), Nebenbands gründeten (Theresa Wayman) oder mit anderen Künstlern Songs aufnahmen (Emily Kokal, Stella Mozgawa). Ein neuer Produzent (Jake Bercovici), eine neue, individuellere Ausrichtung hinsichtlich Komposition und Aufnahmetechnik und eine Orientierung an elektronischer, tanzbarer Musik sowie Hip Hop-Einflüsse (Björk, Janet Jackson, Kendrick Lamar, Outcast) sorgten vermutlich für eine zügigere Entstehung und musikalische Veränderungen - am extremsten sicherlich zu erkennen in der ersten, Disco-artigen Single "New Song":




Metacritic sieht "Heads Up" mit 75/100 Punkten auf einem ähnlich hohen Niveau wie "Warpaint" (74/100, 2014) und "The Fool" (77/100, 2010), auch die deutschsprachigen Medien nehmen das aktuelle Warpaint Album sehr wohlwollend auf, meine Freundin wird jedoch sicherlich einen dritten Konzertbesuch weiterhin vermeiden wollen. Heute kommentierte sie "Heads Up" auch bereits nach wenigen Titeln mit "Sind das schon wieder Warpaint?!".

So machen sich die vier also Mut und bringen tatsächlich den einen oder ­anderen Song in einen ungefähren Vier-auf-den-Boden-Disco-­Rhythmus, genauer: „New Song“ und „So Good“. Ersteren halten sie dabei auch recht poppig, weshalb er nett, aber nicht so interessant ist. In Letzterem jedoch arbeiten sie mit einem Hauch Dancepunk (circa 2004, dem Gründungsjahr der Band) und mit schicken Filtern, die den dreampoppigen Hintergrund schön verdrehen und verschlurfen. Während der Gesang ein bisschen wässrig murmelt, geben sie irgendwann noch E-Rasseln, spinnerte Fiepgeräusche und im Vibrato vertwangte Gitarre dazu – sehr gut. 
Aber ist das jetzt etwas Neues? Eigentlich nicht. Gelungen am Warpaint-Gesamtkonzept war ja schon bisher, dass man nichts genau wusste. Denn sie hingen zumal auf dem letzten, nach der Band benannten Album irgendwo zwischen verträumt verhangenem und vernebeltem Indierock, nuscheliger Neopsychedelia und mit Bassbewegungen sympathisierendem Brit-Post-Rock. Sogar Indietronica funkelte am Horizont. Gerade habe ich noch mal nachgeschaut und auf dem letzten Album auch den seinerzeit überraschenden (und tollen) Disco-Funk-Track „Disco//Very“ gefunden. 
Allerdings haben sie gegenüber diesem Vorgänger die Rhythmusspuren angezogen und auf die ganz verhuschten Tracks verzichtet. Es gibt einige sehr hübsch durch Schaben, Wabern, Pochen, Zittern und Kratzen aufgepeppte Downbeats, durch die fein suggestiv Kokals helle Stimme (oder meist ein Stimmchor) weht; melodische, verhallte Gitarren führen sie oder ranken sich drumrum.
(Rolling Stone)

Auf HEADS UP bleibt vieles, wie es war bei Warpaint: semi-düsterer, Post-80er-Jahre – nennen wir es – Indie-Rock, der durch die ausdrückliche Absenz eines Lead-Instruments ein sphärisches Ambiente erzeugt, eine Art Dream Pop für Fortgeschrittene. Bei Warpaint drängt sich trotz der klassischen Rockband-Besetzung keine Gitarre in den Vordergrund, das Schlagzeug haut nicht alles kaputt, wie das so gerne im Rock gemacht wird; Warpaint-Musik ist liebenswerter Anti-Rock, der unter Live-Bedingungen zum immer noch Testosteron-freien Rock-Rock wird. Dieser psychedelische Post-Punk-Folk-Pop hält bei intensiver Beschäftigung viele Überraschungen bereit. Zum Beispiel „By Your Side“ mit seinen Elektronik-Flächen im Hintergrund und einer Beatbox, die den Rhythmus angibt, oder einer Schlagzeugerin, die so spielt wie eine Beatbox – da ist vom Rock nicht mehr viel übrig. 
HEADS UP ist eher die Erforschung von hypnagogischen Sounds und Beats unter den Bedingungen einer Indie-Band. Dazu kommen diverse Spinnereien, wie zum Beispiel „Don’t Let Go“. Der Song ist immer kurz davor, aus dem Ruder zu laufen. Er beginnt wie ein lieblicher Folk-Song, dem eine Überdosis Valium verabreicht wurde, dann kommen dengelnde E-Gitarren-Flächen dazu, dreistimmiger Chorgesang, das Schlagzeug hängt hinterher, dann ein Gitarrensolo, oder besser die Karikatur davon, dann eine dreampoppige Kakophonie mit atonalen Einschüben. Es scheint so, als hätten Warpaint noch einiges zu sagen.
(musikexpress)

Warpaint in Deutschland (und wir sind nicht dabei):

30.10.16 Köln, Live Music Hall
01.11.16 Berlin, Astra