Donnerstag, 18. Februar 2016

Isolation Berlin - Und aus den Wolken tropft die Zeit
























Die Vorstellung von "Berliner Schule / Protopop" hat es ja schon angedeutet: Staatsakt und Isolation Berlin beehren uns mit einer Doppelveröffentlichung. Denn neben der EP-Kollektion steht zeitgleich das Debütalbum von Tobias Bamborschke (Gesang, Gitarre), Max Bauer (Gitarre, Orgel), David Specht (Bass) und Simeon Cöster (Drums) in den Plattenläden.

"Und aus den Wolken tropft die Zeit" bietet 12 Songs, die vielfältiger geraten sind als die der ersten EPs ohne ihren DIY-Charme zu verlieren. Da weiß man gar nicht, welche Genre-Schublade man aufziehen soll und am Ende bleiben viele offen: Post-Punk, Garage Rock, Funk, Sixties-Mod, Hamburger Schule, Shanty, Gitarren-Pop, Deutschrock, Chanson, New Wave und Noise-Rock. 
Mit Tobias Bamborschke haben Isolation Berlin einen Sänger an Bord, der hier gelangweilt eine Silbe verschluckt, dort seinen Zorn und seine Wut herausschreit und immer wieder überraschend nach Rio Reiser klingt. Klar, dass sich intro vor Begeisterung kaum halten kann, den Jungs bereits eine Titelgeschichte zusprach und auch das Album abfeiert. Und exklusiv ist diese Meinung nicht:


Zunächst war da der Hint auf den Joy-Division-Song »Isolation«, den Isolation Berlin bereits coverten. Führt die Fährte, die die Band mit ihrem Namen legt, etwa schnurstracks in die (Liebes-)Depression? Durchaus, denn um Sehnsucht und Verzweiflung geht es in fast allen Songs, die Sänger Tobias Bamborschkes exaltiert-schnoddrige Stimme prägt – ein charismatischer Frontmann, keine Frage. Und das ist einer der Gründe, wieso seine Band herausragt: Ein angry young man, der seinem Zorn über die Mechanismen des Kapitalismus Luft macht, der hadert, der sich aufgibt, der verzweifelt – grandios. Der sich in »Du hast mich nie geliebt«, einem der eindringlichsten Trennungssongs dieses Jahres, verletzlich zeigt, und das zum Heulen schön: »Dunkle Ringe unter den Augen und ein Stammtisch in der Bar. Eine schwarz geteerte Lunge, ein paar Freunde weniger, ein zu Staub zerfallenes Ego, ein zerrüttetes Gemüt, eine Angst vor allem Neuen.« Zweifellos brillieren Isolation Berlin mit ihrer Individualität und der Geste empfindsamer Rebellion, wie man sie im deutschsprachigen Gitarren-Pop nicht alle Tage hört. Musik, in der man sich wiederfindet und verliert. Doch egal, ob autobiografisch oder nicht: Bei jedem noch so finsteren Szenario schimmert ein Lichtstrahl durch. Man muss sich um den Seelenzustand von Bamborschke & Co. also doch nicht so viele Sorgen machen wie einst bei Ian Curtis.
(intro)




Diese gewichtigen Brocken werden mit einer verspielten Musik untermalt, die mal Elemente von Postrock, schwungvollen Chansons und Pop benutzt. Dies allerdings so, dass es weder unsauber noch falsch klingt, diese Stile zu mischen. Es entsteht das, was die Band selber als “Protopop” betitelt. Obwohl es auch grandiose Ausbrüche gibt: “Verschließe Dein Herz” strebt nach Funkrock, “Ich Küss Dich” wütet zu Noise-Gitarren, “Wahn” erscheint tatsächlich einem Wahn und ist entsprechend nervös, wild und verrückt. Der Song “Herz Aus Stein” kommt dagegen nur mit Stimme und Orgel aus, minimalistisch und leise. Dazwischen liegt so ziemlich alles, mal mit mehr Schwung, mal entschleunigt, doch immer mit der ganz eigenen Dynamik.

Die Band hat es perfekt verstanden die Stimme und Texte von Bamborschke zu unterstützen und hervorzuheben. Mit teilweise willkürlich wirkenden Ausbrüchen ins Schreien gibt er dem Ganzen außerdem einen absolut unberechenbaren Charakter. Gerade auch weil Songs wie “Verschließe Dein Herz” und “Ich Küss Dich” plötzlich stoppen, eine Pause machen, Stille eintritt oder einen Bruch vollzogen wird und sie dann wieder richtig loslegen. Musikalisch wird so ziemlich alles versucht, um es spannend zu halten. Stille wird zum Stilmittel, die Stimme von Bamborschke zum Sprachrohr einer Jugendgeneration. Zusammen mit der Compilation “Berliner Schule / Protopop” wird Isolation Berlin’s Debut Wellen schlagen.
(Radio Q)


Die 80er sind vorbei, die 90er sind vorbei, die 2000er-Euphorie auch – trotzdem schreibt sich eine Band das Wort „Berlin“ in den Namen. Und koppelt es dann noch mit „Isolation“, hochgezogenen Mauern. Kann das zeitgemäß sein? Sitzen hier ein paar Typen der Nostalgie des aufregenden West-Berlins vergangener Jahrzehnte auf und mühen sich an dem Sound von damals ab? Nein, Isolation Berlin fallen eher in die Kategorie von Jungs, die Gitarrenpop spielen. In der Richtung kann man schnell auf lauwarme, uninspirierte Pfade fallen. Nicht mit Isolation Berlin – die ziehen in ihren Bann zwischen Schwermut und Gefühlswahn.
So dahingerotzt wie die Band über geplatzte Illusionen singt, könnte man meinen, die Mitglieder haben als Kinder statt traditioneller Schlaflieder Songs von den Lassie Singers und Die Regierung gehört. Bei der Nonchalance, mit der hier Schwärmereien in Lieder verpackt werden, muss man sich glatt an die Lovesongs von Manfred Krug erinnern. Sänger Tobias Bamborschke singt oft mit schwerer Zunge, verschluckt hier und da was, haut die Wörter langsam raus über gar nicht müde Gitarren. So tropft die Großstadtpoesie Stück für Stück ins Ohr, malt Szenen von Melancholie in Häuserecken und Bildern der Verflossenen an der Dartscheibe.
(byte.fm)




Isolation Berlin unterwegs:

30.03.16 Leipzig - Moritzbastei
31.03.16 Rostock - Peter-Weiss-Haus
01.04.16 Hamburg - Molotow
02.04.16 Münster - Gleis 22
03.04.16 Hannover - Faust
04.04.16 Haldern - Haldern Pop Bar
05.04.16 Wiesbaden - Schlachthof
06.04.16 Nürnberg - MUZclub
07.04.16 Coburg - Sonderbar
08.04.16 Karlsruhe - KOHI
09.04.16 Stuttgart - Goldmark's
10.04.16 München - Feierwerk
11.04.16 Gießen - MuK
12.04.16 Bremen - Lagerhaus
13.04.16 Oldenburg - umBAUbar
14.04.16 Bielefeld - Nr. z. P.
15.04.16 Düsseldorf - Zakk
16.04.16 Essen - Hotel Shanghai
23.04.16 Berlin - Bi Nuu
28.04.16 Dresden - Ostpol
29.04.16 Chemnitz - Nikola Tesla
26.05.16 Flensburg - Kühlhaus
28.05.16 Potsdam - Waschhaus
23.06.16 Aachen - Musikbunker
24.06.16 Saarbrücken - TBA
25.06.16 Reutlingen – Vitamin


3 Kommentare:

Ingo hat gesagt…

Gefällt mit wenniger gut. 5,5 Punkte

Volker hat gesagt…

Auf uns ist Verlass.

Hätte nie damit gerechnet, dass mich dieses Album dermaßen packt. Zwischen all den Fink, Element of Crime, frühe die Sterne, Reiser-Referenzen und den immer wiederkehrenden "Wanda-Intonationen", wird mal schnell ein 100%iger Ohrwurm gepackt. Selbst die noisigen Momente stören da gar nicht (im Gegenteil). Und ja auch der Schlachtensee ist toll, es mag Urzeiten her sein aber so eine Zeile wie "Und es ist so schwer an deinem Haus vorbei zu gehn, wenn man weiß, es ist für immer vorbei", kann ich, so banal sie klingen mag, immer noch vollkommen nachvollziehen.

9 Punkte

Olly Golightly hat gesagt…

6 Punkte