Samstag, 24. Januar 2015

The Decemberists - What A Terrible World, What A Beautiful World























Die Band von Colin Meloy hat sich nach den Dekabristen (oder auch Dezembristen), einer Gruppe von Offizieren der russischen Armee, die am 14. Dezember 1825 in St. Petersburg aus Protest gegen das autokratische Zarenregime, Leibeigenschaft, Polizeiwillkür und Zensur den Eid auf den neuen Zaren Nikolaus I. verweigerten.  

Rebellische oder gar umstürzlerische Klänge sind auf dem neuen Album von The Decemberists nicht zu vernehmen und zum siebten Mal hat es die Band verpasst, eine Platte an jenem geschichtsträchtigen Datum zu veröffentlichen. "What A Terrible World, What A Beautiful World" erschien am 16. Januar und würde mit seinen traditionellen, zahmem Folk-Klängen und seiner ruhigen, beschaulichen Stimmung doch vielmehr in die dezemberliche Vorweihnachtszeit passen.

The Decemberists haben die kreative Pause nach ihrem ersten Nummer Eins-Album "The King Is Dead" (2011), um die Arrangements etwas zu entschlacken, sich textlich von den mythischen Fabelgeschichten ab- und den Alltagsepisoden zugewendet und sich, zum Plattencover passende, Fantasieuniformen zuzulegen. Zumindest das haben sie nun mit den Dekabristen gemeinsam.




Musikexpress, Spiegel und Spex sind nicht gerade begeistert von "What A Terrible World, What A Beautiful World":
»The Singer Addresses His Audience« heißt der Auftakt von What A Terrible World, What A Beautiful World, und hey, er ist tatsächlich eine Publikumsansprache. »We did it all for you«, bauchpinselt Meloy, dann entschuldigt er sich für einen Deo-Werbesong, den es nie gegeben hat, und dann singt ein brüderlicher Chor die Chose brühwarm nach Hause.

Dieser drucksende, ulkige Ton ist bezeichnend für die erste Decemberists-Platte nach beinahe vierjähriger Abwesenheit. Altbekannte Themen und altbekannt theatralischer Folkrock müssen sich auf What A Terrible World, What A Beautiful World an eine neue Holzhämmerigkeit gewöhnen, mit der zum Beispiel das Irish-Folk-Wiegen- und/oder -Sauflied »Better Not Wake The Baby« übers Ziel hinausschießt. Im eigentlich sehr vergnüglichen »Anti Summersong« scheitert ein großes Call-and-Response-Finale, weil es nicht über seine eigene Albernheit hinwegkommt.

Bereits 2006 haben The Decemberists auf dem Album The Crane Wife einen »Summersong« veröffentlicht. Trotzdem hat What A Terrible World, What A Beautiful World eindeutigere Rückbezugs- und -versicherungsmomente. Gerade seine eleganten und geschmackvollen Lieder erinnern daran, dass die Band schon vor Jahren ähnliche Songs geschrieben hat, meistens mit mehr Esprit und erschütternderem Ausgang. Meloy lebte dann von seiner Klugheit und Belesenheit, er konnte klotzen im Stil eines großen Dramatikers, weil er die großen Dramatiker alle in- und auswendig kannte.

What A Terrible World, What A Beautiful World verunglückt ihm nicht völlig, aber es hat das Gefühl der sicheren Hand verloren. Die großen Momente fliegen auf dieser Platte niemandem zu, die Band treibt einen eher mit sanfter und manchmal auch gar nicht so sanfter Gewalt zu ihnen hin. Vielleicht findet sie ihre Fingerspitzen wieder, vielleicht kommt als nächstes aber auch The Decemberists: The Musical, The Decemberists: A Light Summernight’s Operetta oder The Decemberists On Ice.
(Spex)

Der Rolling Stone sieht/hört dies - wer hätte das gedacht - anders:
Jedes Lied entfaltet sich langsam zu einem kleinen Kunstwerk, ohne ins Pompöse abzudriften. Nach dem klärenden Auftakt schwingt sich Meloy gleich zum „Cavalry Captain“ auf – eine Hymne mit stürmischem Background-Gesang, der auch das unheimliche „Philomena“ trägt.

Nein, gespart wird hier nicht, doch die Instrumentierung gerät nie zum Selbstzweck. Und welche Melodien sich Meloy wieder ausgedacht hat! So bezirzende, dass man dabei fast überhört, wie tragisch die meisten Lieder sind, ob die Slow-Motion-Liebesofferte „Carolina Low“, das wütend geklampfte Familiendrama „Better Not Wake The Baby“ oder „12/17/12“, das an den Amoklauf in der Newtown-Schule erinnert.

Die jugendliche Ahnungslosigkeit von „Lake Song“, die erwachsene Enttäuschung von „Make You Better“: Zwischen diesen Polen entwirft Meloy eine wundersame Welt. Es sind nicht nur die vielen Wasser-Metaphern, die R.E.M. heraufbeschwören, es ist auch diese vage Sehnsucht – nach einem besseren Leben oder wenigstens einem anderen. Meloy ist ein Beobachter des täglichen Horrors, aber auch ein Romantiker. Aus dem Schre-cken schöpft er Schönheit. „And I am hopeful/ Should I be hopeful?“, singt er zum Schluss, im versöhnlichen „A Beginning Song“. Es klingt nicht wie eine Frage.
(Rolling Stone)




The Decemberists nur mit einem Halt in Deutschland:
26.02.15 Berlin, Astra Kulturhaus


4 Kommentare:

Olly Golightly hat gesagt…

Die fängt ja eigentlich ganz gut an, die Platte. Aber insgesamt sind es nur 5,5 Punkte.

Ingo hat gesagt…

7 Punkte

Dirk hat gesagt…

"What A Terrible World..." ist gar nicht so schrecklich.

6,5 Punkte

Volker hat gesagt…

The King Is Dead war ja mein Album des Jahres damals, das hier ist leider eher eine der Enttäuschungen des Jahres. Witzigerweise kriegt es trotzdem genauso viele Punkte wie von Dirk.


6,5