Freitag, 3. Oktober 2014

Jens Friebe - Nackte Angst zieh dich an wir gehen aus


















Wetten, dass Jens Friebe auf seinem fünften Album so klingt wie Ilja Richter (a), weder vor NDW-Banalitäten (b) noch Techno-Ausflügen (c) halt macht, die Streicher groß aufspielen lässt (d), auf englisch singt (e) oder einfach singen lässt (f)?
Nachzuhören ist dies auf den Songs "Nackte Angst zieh dich an wir gehen aus" (a, d), "Hölle oder Hölle" (b), "Sei einfach nicht du selbst", "Warum zählen die rückwärts Mammi" (beide c), "Zahlen zusammen gehen getrennt" (d), "(I Am Not Born For) Plot Driven Porn" (e) und "Guess Which Celebrity Partied Too Much On Their 18th Birthday (Or Not)" (f).

Wetten, dass man - zumindest wer das alles tolerieren (oder gar goutieren) kann - an den 11 sehr unterschiedlichen Songs und vor allem Jens Friebes Texten viel Spaß haben kann?
Bitte per Selbstversuch durch das wiederholte Hören von "Nackte Angst zieh dich an wir gehen aus" überprüfen!

Diese neue Platte des Berliner Diskurspoppers ist nicht nur besser als der bereits vier Jahre alte Vorgänger, ABÄNDERN, sondern ist generell ganz formidabel gelungen. Das bereits vorab auf dem Keine Bewegung!-Sampler veröffentlichte „Sei einfach nicht du selbst“ ist nicht weniger als ein modernes „Deutschland muss sterben“ – zwar nicht ganz so radikal in der Aussage wie der Slime-Klassiker, aber dafür entschieden eleganter und mit poetischem Mehrwert.

Friebe findet auch für den doofen alten Kapitalismus schöne neue Sprachbilder („Die einen treten auf der Stelle, die anderen sind die Stelle, auf die man tritt“) und beobachtet an anderer Stelle sehr genau das Leben in einem Land, „wo das ewige Eis schmilzt im Drink“ und junge Eltern an Silvester plötzlich feststellen, dass man zwar „endzeiteske Bondage-Sachen“ tragen und sich mit „Geschlechtsteilen aus Blei“ herumplagen kann, aber trotzdem schon längst Richard David Precht auf der Couch sitzt.

Kurz: Friebe ist ein Album gelungen, das – wahlweise zu bewusst billigen Synthie-Beats, melancholischer Orgel oder frenetischen Tribal-Rhythmen – sehr schlau vom Leben in dieser Republik berichtet, ohne gleich altersweise Bräsigkeit zu demonstrieren.
(Musikexpress)


Dabei zieht sich eine angenehme Melancholie durch das neueste Werk, nicht schwer, sondern schwebend: „Nackte Angst, zieh dich an, wir gehen aus“, verkündet Friebe im Titelsong, einer sanften Klavierfantasie, Streicher schrauben den Refrain in die Höhe, der düstere Ball beginnt: „Wir gehen hin, wo die Dinge verschwimmen / wo das ewige Eis schmilzt im Drink.“ Hach.

Oder das leise „Schlaflied“, das in dunklen Zonen herumschwirrt, vollkommen unpeinlich, bei allem Piano und aller sanften Singstimme – wie Friebe sowieso jedes Pathos augenzwinkernd umspielt: „Mit allen, die man nicht vergessen kann / und allen, mit denen man nicht schlafen darf / schläft man im Schlaf.“ Oder die nachdenkliche Ballade „What will death be like“, einer ins Deutsche gebrachten Adaption des gleichnamigen Songs des schottischen Exzentrikers Nicholas Currie, genannt Momus. Das alles wirkt wohlgesetzt, souverän, reif – diese neue, dunklere Klangfarbe steht Jens Friebe sehr gut.

Ansonsten möchte man eigentlich die ganze Zeit nur tolle Zeilen zitieren. Denn Jens Friebe ist ein höchst origineller Popmusiktextautor, sehr sprachwitzig und mit Mut zu abgründigen Bescheuertheiten wie der folgenden Stelle in der flott daherstampfenden Silvester-Endzeit-Vision „Warum zählen die rückwärts Mammi“, die die Lage nach dem großen Kometeneinschlag beschreibt: „Was dann, was dann, was dann / oh, mein Gott, wär das nicht spannend / wir hätten superschlechte, endzeiteske Bondage-Sachen an.“ Später ist man dann wieder beim Bleigießen.

Und es ist ja nicht so, dass die elastischen Melodien, das schlau Funpunkige verschwunden wären. In „Hölle oder Hölle“, dem allerersten Stück, puckert das Bassdrum-Herz, klimpert das Keyboard ein biestiges Stakkato, der Hörer fängt innerlich an zu hüpfen, während Friebe im Refrain Uneinverstandenheit demonstriert: „Und das Spiel heißt Hölle oder Hölle / machst du mit? / Die einen treten auf der Stelle / die anderen sind die Stelle, auf der man tritt.“ Das geht scharf gegen Herrschaft und Gewalt, gegen Ausbeutung und Gleichgültigkeit, das ist eingängig und sloganhaft, aber niemals simple Steinewerferlyrik. (...)

Der Mann zieht alle musikalischen und thematischen Register, untersucht das Leben in all seinen Facetten: politisch und (neu!) existenziell, elektrisch (das Algorithmen-Hasslied „Dein Programm“), erotisch (die Fick-mich-Hymne „Plot driven porn)“ – und ekstatisch sowieso. Wird man jetzt wohl einige Wochen vor sich hin singen müssen.
(tagesspiegel)

"Nackte Angst zieh dich an wir gehen aus" wurde von Berend Intelmann (Paula) produziert, hat zahlreiche Gastmusiker im Angebot (Chris Imler, Herman Herrmann, Justine Electra usw.) und ist Friebes Abkehr von ZickZack und Hinwendung zu Staatsakt.  

Jens Friebe unterwegs:
07.10.14 Hannover, LUX
08.10.14 Köln, Studio 672
09.10.14 Weinheim, Café Central
10.10.14 München, Mila
12.10.14 Regensburg, Alte Mälzerei
13.10.14 Wien, Stadtsaal
14.10.14 Dresden, Ostpol
16.10.14 Berlin, Bi Nuu

5 Kommentare:

Ingo hat gesagt…

Immer wenn ich mich gerade mal wieder mit deutscher Musik arrangiert habe.. Kommt so etwas. 5 Punkte. Mir macht da nichts Spaß.

aXel hat gesagt…

7

Volker hat gesagt…

Endlich mal wieder ein gutes Friebe Album
Höhepunkte: "Hölle oder Hölle" und "Schlaflied"

7 Punkte

U. hat gesagt…

6 Punkte. Aber sein Vegetarier-Artikel in der FAZ war toll!

Dirk hat gesagt…

Ich bin sehr zwiespältig bei diesem Album.

6,5 Punkte