Donnerstag, 1. Mai 2014

Future Islands - Singles



















Ende des Monats steht zum vierten Mal das Maifeld Derby Festival in Mannheim an. Samstag und Sonntag werden wir einige tolle Bands sehen, darunter The National, Get Well Soon, Hundreds, Solander, Spaceman Spiff, Girls In Hawaii, Temples und Motorama. Nur das Freitags-Programm konnte mich bisher bis auf die Auftritte von Fenster und Rah Rah noch nicht überzeugen. 
Doch letzte Woche sah ich die unglaubliche Performance von Future Islands, oder besser die ihres Sängers Samuel T. Herring, bei David Letterman und nun bin ich der Überzeugung, dass ich ihren Festivalauftritt nicht verpassen darf. Ein Kommentar des Videos fasst es ganz gut zusammen: "Sam Herring is like a combination of Henry Rollins, Marlon Brando, Morrissey, Ian Curtis, Burt Reynolds, and Joaquin Phoenix all rolled into one singer". Und auch SPEX findet treffende Worte:      
Sänger Samuel T. Herring droht auf der Bühne fast zu zerplatzen. Nur mühsam scheint er stillstehen zu können, immer wieder taucht er ab und wieder auf, die Augen weit aufgerissen ins verdunkelte, starre Publikum gerichtet. Die Verzweiflung des vom Warten zermürbten lyrischen Ichs greift voll und ganz auf ihn über. Herring zieht seinen Gesang immer tiefer ins Heisere und Raue hinein, bis er fast monströs wirkt, von der Liebe entstellt. Es ist ein packender Aufruf gegen jegliche Form von Apathie und gleichzeitig gelingt es Samuel T. Herring so auch die zweite, fade nachschmeckende Qualität von »Seasons (Waiting On You)« doch noch zu dekonstruieren: Entsprechend geschnitten taugt der hymnische Hit nämlich auch als Werbesoundtrack für traditionsbewusste Automarken oder etwa Partnervermittlungen. Auch David Letterman war nachhaltig beeindruckt.


Zur Band Future Islands gehören neben Samuel T. Herring noch Gerrit Welmers (Keyboards) und William Cashion (Bass, Gitarre) und bei Konzerten der Schlagzeuger Michael Lowry. "Singles" ist bereits das vierte Album der Band, ist in Zusammenarbeit mit dem Produzenten Chris Coady (Beach House, Foals, We Are Scientists) entstanden und wurde über 4AD veröffentlicht. "Seasons (Waiting For You)" ist natürlich der alles überragende Hit des Albums, aber die ungewöhnliche Verbindung zwischen unterkühltem Synthie-Pop mit Herrings markantem Gesang lässt die komplette Platte sehr spannend und interessant werden.

Der Musikexpress vergibt 5 Sterne:  
Doch Samuel T. Herring macht es anders. Vielleicht so: Man stelle sich Lambchops Kurt Wagner vor, der gerade einen Crash-Kurs bei Joe Cocker besucht hat. Herring legt alles in seine Stimme hinein; auf der Bühne rekelt und windet er sich wie ein angeschossenes Tier.

Erstaunlich, dass seine beiden Mitstreiter, Keyboarder und Beatbauer Gerrit Welmers sowie Saitenmeister William Cashion, dazu eine zumeist abgeklärte Musik zwischen Synthie-Pop und Indierock spielen. Das wirkt auch auf dem dritten Album dieser Band zunächst so irritierend wie ein Barbecue in einem veganen Restaurant: Was hat dieser Hitzkopfsänger in dieser kühlen Klanglandschaft verloren? Aber es dauert nicht lange, dann geht einem ein Licht auf: Es ist großartig, wie Herring mit seiner Stimme diese Songs vorantreibt.

„Seasons Waiting On You“ ist ein gutes Beispiel: Vielleicht hätten Future Islands mit einem solchen Stück in den 80er-Jahren Millionäre werden können, die Kühle der Keyboards, eine markige Springsteen-Gitarre im Refrain und Herring als Ostküsten-Cocker mit ganzem Herzen dabei. Bei „Light House“ hält sich der Sänger zunächst zurück, lässt den Song laufen, folgt der Melodie, bevor er sich in den Harmonien suhlt: die Erfindung des Blue-Eyed-Synthie-Soul! Absolut erstaunlich auch „Fall From Grace“, das wie ein Kellertrip von Fields Of The Nephilim beginnt und als Emo-core-Schleicher endet. Auch wenn es wie die abgedroschenste Kaufempfehlung im Teleshopping-Kanal klingt: Diese Platte muss man jetzt hören!


Der Spiegel findet es eher nicht so gelungen:
Der Opener des selbstbewusst "Singles" betitelten fünften Albums der Band, "Seasons (Waiting On You)" setzt den Ton für das, was folgt: Auf fröhlichem, vom Frost befreiten Hymnenklängen wirft Herring alle Last von sich und wundert sich, dass er sich so lange an verflossene Liebschaften gehängt hat, Motto: Draußen ist Frühling und ich trauere Dir nach? Pah! "I've been away too long", bröckelt es im flotten "Light House" durchaus herzergreifend aus Herring heraus, der sich seelisch tatsächlich vom lichtverschlingenden schwarzen Loch zum Leuchtturm gewandelt zu haben scheint.
Dass es dem Mann besser geht: prima. Dass seine Musik stattdessen leidet, indem sie seltsam verflacht: eher blöd. Denn bisher war es vor allem das Unfertige des zwischen glockenhellem Synthie-Pop und erdenschwerem Murmeln taumelnden Sounds, das Future Islands hörenswert machte. Nun schleicht sich, auch dank einer polierten, auf große Konzerthallen ausgerichteten Produktion, eine ungute Schunkel- und Schlagerhaftigkeit ein, die selbst Restabgründe wie "Fall From Grace" nivelliert, so dass einem bei säuseligen Untaten wie "Like The Moon" nur noch Chris Norman als Referenz einfällt. Ernsthaft. "Singles" enthält die mit Abstand ausgereiftesten Songs der Band und wird der Knaller in der kommenden Open-Air-Saison, wenn nicht sogar der erste kommerzielle Erfolg für Future Islands. Das ist gut für die Band, andererseits aber, verdreht wie Pop-Rezeption manchmal ist, auch genau das Problem. 



Future Islands in Deutschland:

14.05.14 Münster, Gleis 22
17.05.14 Hannover, Cafe Glocksee
18.05.14 Dresden, Beatpol
19.05.14 Leipzig, Conne Island
20.05.14 Nürnberg, K4
23.05.14 Offenbach, Hafen 2
25.05.14 Köln, Gebäude 9
30.05.14 Mannheim, Maifeld Deby
31.05.14 Neustrelitz, Immergut Festival


6 Kommentare:

Dirk hat gesagt…

Maifeld Derby, Tag 1: So war es bei Future Islands, ClickClickDecker, Rah Rah u.a. (Fotos, Setlisten, bericht usw.)

Olly Golightly hat gesagt…

7,5 Punkte

Ingo hat gesagt…

Irgendwie beeindruckend. 7,5 Punkte

Dirk hat gesagt…

Die Bewertung ist auch ein wenig dem guten Auftritt beim Maifeld Derby geschuldet.

7 Punkte

Volker hat gesagt…

Seasons wird vielleicht meine 7" des Jahres und auch das Album mag ich sehr

7,5

U. hat gesagt…

6,5 Punkte.