Dienstag, 23. April 2013

James Blake - Overgrown


















10 Fakten zum neuen Album von James Blake:

1. Das zweite Album von James trägt den Titel "Overgrown" und wurde über sein eigenes Label ATLAS Records veröffentlicht.

2. "Overgrown" beinhaltet 10 Titel (39:22 Minuten), die in der iTunes-Version um den Song "Every Day I Ran" erweitert werden.

3. Zunächst wurde ein Cover veröffentlicht, dass ein Portrait Blakes vor einem Gemälde zeigte, dass ein klassisches Thema der Romantik (Hirsch vor einem Wasserfall) zierte. Leider landete dieses nur bei Itunes und wurde für CD und LP durch das obige, langweilige Cover ersetzt.  

4. Während die erfolgreichen Singles "The Wilhelm Scream" und "Limit To Your Love" aus dem Debütalbum "James Blake" nicht aus der Feder Blakes stammen, sondern von dessen Vater bzw. Leslie Feist und Gonzales geschrieben wurden, komponierte er alle Titel von "Overgrown" selbst.

Einerseits kam und kommt der Produzent James Blake vom Dubstep her, der als Genreamalgam viel Raum für Klangspiele lässt: Brummende und brodelnde Subbass-Attacken, nervös machendes elektronisches Surren, Zeitlupenbeats und jede Menge Hall, Hall, Hall stehen entsprechend auch auf "Overgrown" auf dem Programm. Andererseits kennt man den Songwriter James Blake für ein schüchternes Songwriting, das, mit leidender Stimme vorgetragen, vor allem das Erbe von Gospel, Soul und R&B reflektiert und mit Blake am Klavier seinen organischen Mehrwert erhält. So kühl die Ergebnisse in ihrer Form als Binär-Soul die meiste Zeit über auch klingen mögen, so sehr zielt die konservativ anmutende Kritik doch ins Leere, Blakes Musik würde die Ästhetik über Gefühle stellen oder keine Seele besitzen. Lichtjahre nach den Elektronik-Vorreitern Kraftwerk und deren Inszenierung als Mensch-Maschinen sollten derlei Diskussionen über Kunst und Künstlichkeit hinfällig sein - zumal die Symbiose aus Klapprechner und dem diesen bedienenden Musiker bei Blake auf so wunderbare wie selbstverständliche Art und Weise funktioniert.

Im Gegensatz zum gewohnt betrübten, verstimmten oder gerne auch nachtschwarzen Klangbild, ist bei den zehn Songs des Zweitlings tatsächlich der Verzicht auf die stimmverzerrenden Auto-Tune-Effekte des Debütalbums neu sowie die Eingemeindung einer Gaststimme, die mit dusteren Raps auf den Wu-Tang-Rädelsführer RZA zurückgeht. Auf der Produktionsebene wiederum entstand das von synthetischen Sirenengeräuschen und hektischem Rattern bestimmte "Digital Lion" bei einer Tasse Tee mit Brian Eno.

Wir hören überraschende Brüche, glasklar gesetzte bis bedrohlich verzerrte Sounds, Aussparung, Stille, gischtgleiche Vor- und Zurück-Bewegungen, aber auch Techno-Zwischenspiele ("Voyeur"), Beats, die Neo-R&B mit Artyness aufladen ("Life Round Here") und astreinen Laptop-Gospel ("Retrograde") - sowie gewohnt ökonomische und dabei bevorzugt enigmatische Texte.

Dass James Blake mittlerweile sein privates Glück gefunden hat, ist den Ergebnissen übrigens nicht anzuhören, bis "Our Love Comes Back" das Album beendet: als smoother Schleicher und mit sanftem Raunen.
(Wiener Zeitung)

5. "Retrograde" wurde im Februar als erste Single veröffentlicht, es folgten im März als Anheizer auf das Album eine Dub Version (1-800 Dinosaur) von "Voyeur" und die Album-Fassung von "Digital Lion". Eine zweite Single wurde bislang nicht auserkoren. Ob es der Titelsong wird? Denn zu diesem gibt es mittlerweile ein Video:


6. "Retrograde" erreichte Platz 87 der englischen und Rang 10 in den dänischen Charts. Das dazugehörige, von Martin de Thurah gedrehte Video sieht wie folgt aus: 


7. Die 2011 veröffentlichte EP "Enough Thunder" beinhaltete Kooperationen mit Joni Mitchell und Bon Iver. 2012 verbrachte Blake erneut Zeit mit Justin Vernon im Studio, doch auf "Overgrown" ist davon, wie auch die Ergebnisse der Zusammenarbeit mit Kanye West, nichts zu hören. Statt dessen arbeitete er bei "Digital Lion" mit Brian Eno zusammen, der den Song auch produzierte.

8. "Take A Fall For Me" weist mit dem Rapper RZA einen zweiten prominenten Gastmusiker aus.

9. In England (#8), Dänemark (#2) und Australien (#5) konnte sich "Overgrown" hoch in den Charts platzieren, in Deutschland reichte es für Platz 13.

10. Metacritic weist bei 37 berücksichtigten Kritiken mit 81 von 100 möglichen Punkten einen sehr hohen Durchschnittswert aus. Von den hier vorgestellten Alben liegen dort derzeit nur My Bloody Valentine (87), The Knife (85) und David Bowie (84) besser. 

Tja, wo ist eigentlich der Hit auf dem neuen Album von James Blake? Man wird resümieren müssen: Es gibt ihn nicht. Dennoch ist dem jungen Engländer, der vor zwei Jahren mit seinem Debüt zum Star wurde, ein eindringliches Album gelungen. »Overgrown« beginnt so, wie es endet: voller düsterer Melancholie. Und auch dazwischen, immer und fast überall: Melancholie.

»Overgrown« plätschert langsam voran, die Tracks dehnen sich, verhallen oft im Nichts, rollen dann wieder an. Es ist der alte, uralte Geist des Dub-Reggae, der durch viele Stücke schwebt. Der große Kontrast zu den synthetischen Beats und Bässen, zum düsteren Gewummer, das ist die helle, dünne Stimme jenes Mannes, der seit seinem Debüt als „Wunderkind“ bezeichnet wird.

Stärker noch als auf dem ersten Album fällt die Nähe zum HipHop auf. Bei »Take A Fall For Me« assistiert Wu-Tang-Clan-Chef RZA als Rapper, doch auch hier regiert die Sparsamkeit: Ganz reduziert ist dieses Album, so sehr, dass selbst ein Hit daraus gestrichen wurde. Ein zweites »Limit To Your Love« wird man hier nicht finden – und auch das Label „Post-Dubstep“ wird man diesem Album kaum umhängen können.

Dafür ist dem Londoner etwas anderes gelungen, nämlich ein spukiges Ambient-Elektro-Soul-HipHop-Album, das sich immer wieder auch gerne auf klassische Klaviermusik bezieht, das dennoch ganz und gar aus der digitalen Welt stammt. Und das auf paradoxe Weise offenbart, dass diese Welt voller Wärme ist.

Ihn zum Genie zu erklären ist dabei gar nicht nötig. Blake bezieht sich auf vieles, bringt vieles zusammen, forscht und arbeitet am Sound. Und ihm gelingt es, Musik mit einer wirklich einzigartigen Atmosphäre zu kreieren. Eine warme Musik, die man an so kalten Tagen hören sollte, wie an jenem, an dem das Cover fotografiert wurde. Wir sehen Blake im Schnee stehen, vor einer dunklen Mauer. Die Platte sieht aus, als wäre sie Mitte der achtziger Jahre erschienen.

Zehn Stücke sind auf dem allein im Heimstudio aufgenommenen Album zu hören, in dessen Zentrum wiederum die so samtige Stimme von Blake steht, der eine klassische Musikausbildung am Goldsmith College genießen durfte. Noch stärker als beim Debüt hat man bei »Overgrown« nun das Gefühl, dass es vor allem diese Stimme ist, durch die der Musiker James Blake zu uns spricht. In die vielen Pausen seiner Tracks singt er hinein, reichlich sehnsüchtig – und an manchen Stellen sogar leichtfüßig. Denn zwischen all der Melancholie ist – oft für Sekunden nur – manchmal doch Platz für sanfte Heiterkeit. Warum das? „Ganz einfach: Ich habe mich verliebt“, so der Brite kürzlich in einem Interview.
(rote raupe)

3 Kommentare:

Ingo hat gesagt…

Schlimm. 5 Punkte

Olly Golightly hat gesagt…

Ich finde ihn auch overbewertet. 5,5 Punkte

Dirk hat gesagt…

Auch im zweiten Anlauf noch nicht so mein Fall.

5,5 Punkte