Mittwoch, 8. Februar 2012

Soap&Skin - Narrow
























Auch schon fast 2 Jahre ist es her, dass Anja Plaschg als Soap&Skin mit ihrem Debütalbum "Lovetune For Vacuum" auf sich aufmerksam machte und viele gute bis überschwängliche Kritiken einheimste. In ihrer österreichischen Heimat reichte es auch für den 5. Platz in den Charts, während sich Deutschland (47.) etwas verhaltener zeigte.
Die junge Dame nutzte die Zeit, um viel in der Welt herum zu kommen (Russland, USA und halb Europa), in einem Kinofilm ("Stillleben" von Sebastian Meise) ihr Debüt als Schauspielerin zu geben und an ihrer zweiten Platte namens "Narrow" zu arbeiten, die die Künstlerin aber nicht als ihr zweites Album verstanden wissen möchte.
Das Album verdient aufgrund von 8 Titeln in 29 Minuten vielleicht sogar das Präfix "Mini-", weiß aber ebenso wie "Lovetune For Vacuum" zu überzeugen - vielleicht sogar noch mehr.

Gleich die ersten beiden Songs von "Narrow" überraschen sehr: "Vater" ist eine sehr intime, auf deutsch gesungene Auseinandersetzung mit dem Tod ihres Vaters und "Voyage Voyage" stellt eine zerbrechlich-schaurige Coverversion des Hits der französischen Sängerin Desireless aus dem Jahre 1987 dar. (Anja Plaschg sollte übrigens erst 31 Monate nachdem die Single Platz 1 in Deutschland und Österreich erreicht hatte geboren werden.) Das anschließende "Deathmental" bietet mit rauen Industrial-Klängen eine größtmögliche Diskrepanz, bevor wieder ruhigere und melancholischere Töne angeschlagen werden.

Jan Wigger vom Spiegel ist schon ganz aus dem Häuschen. Ihr auch?
Wie Michael Giras Zerstörungskommando Swans oder Philip Kochs Gefängnisdrama "Picco" sind die Schmerzenslieder der empfindlichen Österreicherin Anja Plaschg the real deal und Menschen, die den Griff zum Strick erwägen, unter keinen Umständen zu empfehlen. "Haltet alle Uhren an und hindert den Hund daran/ Den Sarg anzubellen/ Wo immer ich aufschlage/ Finde ich dich/ Du fällst im Schatten der Tage/ Als Stille und Stich/ Ich trink auf dich Dutzende Flaschen Wein/ Und will doch viel lieber eine Made sein." So beginnt Anja Plaschgs Brief an den Vater, der vor zweieinhalb Jahren plötzlich verstarb. Das Unglaublichste an diesem vielleicht jetzt schon größten Song des Jahres ist die vollkommene Abwesenheit eines emotionalen Mauerwerks zwischen Künstlerin und Hörer: Man spürt den Geist des Bösen, die ausweglose Verzweiflung, den Pfad in einen Wald, in dem alle Bäume wie Riesen aussehen. Mit Begriffen wie Trauer oder Glück bekommt man das Phänomen Soap&Skin nicht zu fassen: Die Plaschg singt, weil sie singen muss, weil das tiefe, innere Bedürfnis, sich auszudrücken, nicht verschwindet, wenn man es ignoriert. Auch "Cradlesong" und das einmalige "Boat Turns Toward The Port" sorgen für schlechten Schlaf, doch die skelettierte, gebrochene Interpretation von "Voyage Voyage" (Desireless) ist der Gipfel schwarzer Romantik. Sieben Beichten und ein Todesfall. Ja, es ist Liebe.


Eigentlich kann Herr Wigger schreiben was er will, denn es zählen bekanntlich ja nur Live-Eindrücke. Hoffentlich findet er einen Weg nach Berlin, München oder Hamburg, denn sonst war die ganze Liebe vergeblich...

12.02.12 Berlin, Volksbühne
27.02.12 München, Freiheizhalle
21.04.12 Hamburg, Kampnagel

11 Kommentare:

gudrun.thaeter hat gesagt…

Hab die Platte auch geordert und bin schon gespannt wie ein Flitzebogen. Ein Konzerterlebnis mit der Dame ist mir auch noch sehr nachdrücklich in Erinnerung. Wäre schön, wenn es nicht nur bei Berlin und München bliebe...

Christoph hat gesagt…

Das ist die erwartet große Kunst. Vater ist unfassbar!

Ingo hat gesagt…

Bei "Vater" fehlt nur noch ein "Hurz". Die weiteren Songs können diesen Eindruck nicht wesentlich verbessern. 5,5 Punkte

Christoph hat gesagt…

Du bist herzlos, Ingo!
Aber ich musste sehr lachen.

Volker hat gesagt…

Ich muss glaub ich nicht erwähnen, vor allem wenn ich den Rest höre, dass ich mir ein komplett deutsches Album gewünscht hätte.

"Vater" sticht heraus, obwohl ich den "Hurz" Einwand sogar nachvollziehen kann.

Marcel hat gesagt…

Ich kann das irgendwie gar nicht bewerten. Hat Stil und wirkt definitiv rund, die ganze Platte. Nach zweimaligem Stream will ichs aber nicht nochmal hören. Wonder kommt aber trotzdem auf meinen Bestof2012-Mix.

gudrun.thaeter hat gesagt…

Bleibt nun doch leider hinter meinen (hohen) Erwartungen zurück. Deshalb nur 7 Punkte von mir.
Gudrun

Olly Golightly hat gesagt…

8,5 Punkte

aXel hat gesagt…

Und hier gibt es die passende Schokolade zur CD, von der Sängerin selbst komponiert:
http://www.zotter.at/de/schoko-online/handgeschoepfte-schokoladen/fuer-verschiedene-anlaesse/detail/v/soapskin-span-classkuvertuereweihrauch-rotwein-blut-und-kornblumespan.html

Dirk hat gesagt…

Das ist aber mal 'ne depressive Platte!

6,5 Punkte

Christoph hat gesagt…

8,5