Dienstag, 27. Dezember 2011

My Brightest Diamond - All Things Will Unwind



















Björk, PJ Harvey, Feist, Tori Amos - 2011 war ein Jahr, in dem vor allem Künstlerinnen von sich Reden machten. Aber es gab auch noch weitere relevante, weibliche Soloartisten über die hier bisher nicht gesprochen wurde. Also war es dringend an der Zeit ein paar Gespräche zu führen...


Gudrun, wie und wann bist du auf Shara Worden aufmerksam geworden? Und gibt es einen besondern My Brightest Diamond-Moment in deinem Leben oder ein Erlebnis, das du mit ihr verbindest?

Gudrun: Der erste Hinweis auf My Brightest Diamond kam für mich im Jahr 2006 in der VISIONS 163. Es gab eine Rezension des Albums "Bring me the Workhorse". Darin wurde die Sängerin mit Portishead verglichen, was mich neugierig machte. Ich habe das Album auf diesen Verdacht hin gekauft und es hat mich eher noch mehr angesprochen als nach der Rezension gedacht. Es hat sich in die Reihe von wenigen Alben eingereiht, die ich immer wieder hervorhole und auch mit dem zeitlichen Abstand sehr mag. Insofern war es klar, dass ich 2008 das nächste Album "A Thousand Shark's Teeth" erwarb, nachdem ich in der VISIONS 184 davon gelesen hatte. Auch dieses Album zählt zu den mir sehr am Herzen liegenden Scheiben.

Im Jahr 2011 wurde ich dann auf mehreren Wegen aufmerksam darauf, dass es ein neues Album von ihr geben würde:
Im August wurde ich Sponsorin für das Album der Musiker von yMusic, die sich ausdrücklich darauf bezogen, mit My Brightest Diamond an einem Album gearbeitet zu haben, im ZEST-Heft Nr. 2 war ein Interview mit My Brightest Diamond. Beim lesen wurde mir erst klar, dass ich über die Menschen hinter der Musik bis dahin nichts wusste und auch nicht darüber nachgedacht hatte.

Schließlich war 2011 das Jahr in dem ich mich mehr und mehr über dezidierte Musikseiten und Facebook zu Musik und Musiker informierte. Das Album habe ich also explizit erwartet. Auf npr gab es vor der Veröffentlichung schon ein First listening, das mir die Kaufentscheidung diesmal besonders leicht gemacht hat.


Mein persönliches Highlight mit My Brightest Diamond war ein Konzert in Berlin im November. Das hat mich wirklich umgehauen. Die pure Energie, die von Shara Worden ausging, das hat das ganze Publikum angesteckt und mitgerissen - wahrscheinlich mein schönstes Konzerterlebnis 2011.




My Brightest Diamond hat bisher 3 Alben veröffentlicht, wie ist ihre Quote in deinem Plattenschrank und wie würdest du das neue Album im Vergleich mit ihrem früheren Werk einordnen?

Gudrun: Ich schätze alle drei Alben sehr. Sie haben eine aufrichtige Erzählhaltung. Die Stimme von Shara Worden ist das ganz besondere für mich dabei. Auffällig am neuen Album ist natürlich die Instrumentierung. Begleitung mit eigentlich klassischen Instrumenten und klassischer Musizierhaltung ist nicht den Hörgewohnheiten entsprechend.
Auf mich wirkt die kammermusikalische Begleitung wie eine mehrstimmige Unterhaltung. Die Läufe der Klarinette oder der Blechbläser sind wir Stimmen, die der Singstimme antworten.
Richtig darüber reflektiert habe ich aber erst nachdem ich My Brightest Diamond im November in Berlin live gesehen habe. Dort hat sie die Stücke des neusten Albums in einer rockigen Fassung präsentiert. Es waren die gleichen Stücke und doch irgendwie weniger nachdenklich, sondern direkter in der Aussage. Aber da war das Publikum ein Dialogpartner.


Welche(n) Titel aus "All Things Will Unwind" würdest du uns besonders ans Herz legen und warum?

Gudrun: We added up - unmittelbar fühle ich mich in ein Gespräch hineingezogen, dem ich mich nicht entziehen kann. Ich möchte denjenigen sehen, der nicht in den Chorus mit einstimmt fast ohne darüber nachzudenken.
There's a rat - Hier sind Text und Musik extrem kraftvoll. "This is my home! Step back"



Björk, Feist, PJ Harvey, Adele, Tori Amos - 2011 scheint musikalisch ein Jahr der Frauen zu sein. Kann My Brightest Diamond da mithalten und was waren aus dieser Riege deine 3 persönlichen Favoriten?

Gudrun: Ja, fast sieht es wirklich so aus, dass die Frauen mit einem gewissen Standing in diesem Jahr alle mit Wortmeldungen dabei sind. Mit PJ Harveys neuer Platte habe ich mich Anfang des Jahres viel beschäftigt und fand das Projekt mutig und gelungen aber eher sprachlich faszinierend. Feists Metal ist in meinen Top 10 dabei, Björk und Adele eher nicht. Toris Platte finde ich auch sehr interessant, aber sie muss erst noch ein bisschen wachsen für mich. Einen Eindruck davon, wie diese Musik eigentlich sein kann gab es auf dem Konzert im Oktober. Leider nur zwei Stücke der neusten Platte aber diese waren einfach umwerfend live. So voller Energie wie es mir die CD nicht vermittelt hatte. Von den in der Frage genannten Scheiben ist sicher My Brightest Diamond meine Nummer 1. Ähnlich wichtig sind mir von den diesjährigen Erscheinungen noch die Platte von Dear Reader und Maia Vidal. In der Aufzählung fehlt sicher auch die aktuelle Platte von Kate Bush, die ich stark finde, aber nicht wirklich unter meine ersten zehn Platten des Jahres aufsteigt.



Stattdessen schickt sie ihre symphonische Weltmusik-Folklore mit Songs wie "We added it up" und "In the beginning" erneut auf das Drahtseil zwischen exzentrischer Spannung und wunderbarer Harmonieseeligkeit. Begleitet wird sie auf Albumlänge vom ymusic-Sextett, das von Antony & The Johnsons bis Björk schon überall herumgereicht wurde, wo Klassik und Cabaret für ein wenig Trubel sorgen sollten. Um nicht der Gefahr zu erliegen, selbst zusätzlich alles zu spielen, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist, hat Worden sich selbst die Regel auferlegt, nur Instrumente zu bedienen, die in einen Koffer passen - den restlichen, erneut riesigen instrumentalen Batzen übernehmen die weiteren Gäste. Doch wo etwa Joanna Newsom, derart gegängelt, einfach zu einem Schrank "Hallo Koffer" sagen würde, dort schrieb Worden "All things will unwind" dem Ensemble auf den Leib, nutzt es also nicht nur zur Veredelung ihrer Songs.

Das ist überall hörbar und passt sich vor allem den exaltierten Anteilen von My Brightest Diamond kongenial an. So erfährt insbesondere Wordens Stimme wegen der instrumentalen Selbstbeschränkung und der komplexeren Arrangements besondere Konzentration. Auch die Lyrics schlagen - etwa bei den rhythmisch heruntergekochten Banjotakten von "There's a rat" - spielerische Bilderbücher auf, selbst für so etwas fundamentales und deshalb künstlerisch ermüdendes wie die Finanzkrise. Und "High low middle" präsentiert seinen Zirkus-Takt auch eher beschwipst und ohne das erwartbare Rumgepolka. Mit all dem erreicht My Brightest Diamond genau das, was ansonsten nur zu gerne in folkloristische Ostalgie ausartet: Die verschiedenen musikalischen Hemisphären sind von vornherein gebunden, da sie alle darauf Rücksicht nehmen, was ins Kammer-Prinzip passt.

Auch bei "Escape routes" schnabulieren Flöten und Streicher zu einem zögerlichen Takt, bis Worden für Sekunden den Gesang anzieht, um ihn kurz darauf doch wieder ins Arrangement fallen zu lassen. "Everything is in line" verschafft einerseits seiner Mbira genügend Raum, weiß ansonsten aber auch, wie der ganze große Rest ins Korsett passt. Das abschließende "I have never loved someone" jammert hingegen ausschließlich mit einem Koffer(was sonst?)-Harmonium um die Wette - und schält daraus eine der, dann sagen wir es halt, betörendsten Balladen seit Siouxsie & The Banshees' "The last beat of my heart". So wird es ungewohnt besinnlich und transparent zum Schluss.
(plattentests.de)



4 Kommentare:

Oliver Peel hat gesagt…

Da kommt doch tatsächlich so spät im Jahr eine Vorstellung einer Platte, die ich auch sehr gerne gehört habe.

Sehr schönes Interview hier, das mir mehr interessante Einblicke über die musikalischen Vorlieben der guten Gudrun verschafft.

Toll natürlich auch, daß Gudrun inzwischen plattenvorgericht, das klienicum und das konzerttagebuch liest, so daß das Konsultieren der Visions sekundär wird ;-)

Oliver Peel hat gesagt…

Achso:

8 Punkte

gudrun.thaeter hat gesagt…

Oh, Punkte sollte ich auch geben: 9 von mir.

CaptainGen hat gesagt…

Knallerplatte. Vielleicht meine einzige 10 für 2011 neben BonIver. Bin völlig begeistert.